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Warum lässt man dieses tolle Team der Festwochen so rasch ziehen?

Das Festival in Wien war dieses Jahr bemerkenswert gut, es zeigte tatsächlich Herz und Hirn. Ein Grund mehr, sofort intensiv über die Nachfolge zu reden.

Die Wiener Festwochen sind am Sonntag zu Ende gegangen. „Schon?“, darf man sich subjektiv fragen, und das sollte auch fast die einzige Unzufriedenheit sein. In fünfeinhalb Wochen ist der neuen Leitung die seit vielen Jahren beste Saison gelungen (die Ausnahmen sind vernachlässigbar). Markus Hinterhäuser, dessen Zeit hier auf drei Jahre beschränkt ist, der danach wieder die Salzburger Festspiele gestalten wird, und die Belgierin Frie Leysen, Kurzzeitdirektorin für Schauspiel, haben erfüllt, was das Programm versprochen hat: Diese ersten Festwochen nach der allzu langen, anfangs ebenfalls fantastischen, am Ende aber leider doch sehr durchwachsenen Periode des Intendanten Luc Bondy waren belebend für Herz und Hirn.

Das Musik- und Konzertprogramm: mutig. Michael Haneke sorgte mit seiner aus Madrid importierten Inszenierung der Mozart-Oper „Così fan tutte“ für Glamour, wenn auch manche Kritiker die musikalische Ausführung für kaum gelungen hielten. Noch mutiger: Der Intendant persönlich gab Klavierabende, durch die er das Werk der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja einem breiteren Publikum zugänglich machte. Auch Schuberts „Winterreise“ wurde von Hinterhäuser begleitet. Der Jubel für diesen Vortrag mit Bariton Matthias Goerne war auch am letzten Wochenende gewaltig. Wer die Videoclips des William Kentridge, die den Liederabend illustrierten, ablenkend oder irritierend fand, hätte Gelegenheit gehabt, sich von dem Südafrikaner persönlich in Vorträgen erläutern zu lassen, worauf dessen kunsthistorische Philosophie abzielt.


Das traurigste Musiktheater bot Romeo Castellucci. Seine Interpretation von Glucks „Orfeo ed Euridice“ ist herzzerreißender Voyeurismus. Der italienische Regisseur weiß häufig, Emotionen bis zum Skandal zu schüren. Hier verknüpft er den antiken Mythos mit dem Schicksal einer Wachkoma-Patientin derart, dass jenseits der Musik intensive Innigkeit entsteht. Und das „Bluthaus“ ist vielleicht ein Versprechen, dass Georg Friedrich Haas und Librettist Händl Klaus Dauerhaftes für die zeitgenössische Oper schaffen werden.

In einem ausgebliebenen Skandal endete Johan Simons Inszenierung von Jean Genets Stück „Die Neger“, das im Vorfeld den Diskurs des Korrekten stärker befeuerte als nach der Premiere. Die Produktion der zuletzt oft hochgelobten Münchner Kammerspiele schien viele zu enttäuschen, nicht nur unsere Kritikerin. Dass offenbar auch Michael Thalheimers Berliner Inszenierung von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ nicht ganz den Erwartungen entsprochen hat, sagt kaum etwas über die Qualität des Schauspielprogramms in diesem Jahr aus, sondern nur über den Zustand des deutschen Stadttheaters. Vielleicht sollte man dem deutschen Ernst demnächst ebenso eine Kunstpause gönnen wie all den bemühten soziologischen Pflichtübungen aus aller Welt, die uns in den vergangenen Jahren quälten.


Denn an sich glückte das im Umfang leicht reduzierte Theater, ob nun die kurze Geschichte des Postkolonialismus aus Maputo in „The Marrabenta Solos“ oder „Riding on a Cloud“ aus Beirut. Man fragt sich auch, warum ein französischer Altmeister wie Claude Régy erst jetzt nach Wien eingeladen wurde. Seine Interpretationen von Maeterlincks „Intérieur“ und Vesaas' „La barque le soir“ beeindruckten, wie auch Tsai Ming-liangs buddhistische Übung „Der Mönch aus der Tang-Dynastie“. Solche Aufführungen sind eine Schule des Sehens. Auffällig erschien die Kürze der Abende. Die belgisch-französische Denkübung „Germinal“ brauchte so wie die russische Tschechow-Show „Tararabumbia“ nicht einmal eineinhalb Stunden, um Welten der Fantasie entstehen zu lassen.

Ein wirklich gutes Jahr also. Und das Negative? Hinterhäusers Intendanz hat demnächst schon wieder Halbzeit. Wenigstens geht er nur nach Salzburg. Aber muss in Wien mit Frie Leysens tollem Theater wirklich schon Schluss sein? Die Frau hat wahrlich Geist und Mut. Man würde also erstens gern wissen, was sie an dieser Stadt so arg vergrämt hat, und zweitens, warum die verantwortlichen Kulturpolitiker offensichtlich nichts unternommen haben, um sie zu halten. Demnächst vielleicht mehr.

E-Mails an:norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2014)