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Irak: "Kirkuk wird für immer kurdisch sein"

(c) REUTERS (STRINGER/IRAQ)
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Peschmerga eroberten als lachende Dritte im Krieg zwischen Isil-Terroristen und Iraks Armee die Ölmetropole Kirkuk. Und sie sind gekommen, um zu bleiben. Die Befestigungsanlage steht. „Wir werden Kirkuk nicht mehr verlassen.“

Der General kommt mit Eskorte. Es ist eine lange Schlange von gepanzerten Fahrzeugen und Lastwagen mit schussbereiten Soldaten hinter 14,5-mm-Geschützen. General Scherko Fateh von der ersten kurdischen Peschmerga Brigade ist der oberste Kommandeur des letzten Checkpoints am Maschru-Fluss, der die Grenze zum Territorium des Islamischen Staates im Irak und in der Levante (Isil) markiert. „Sehen Sie die Straßenüberführung da vorn, dort beginnt das Land der Terroristen“, sagt einer der diensthabenden Soldaten, der ein PKC-Maschinengewehr in Händen hält und die ganze Nacht nicht geschlafen hat. „Gestern hat Isil frühmorgens auf uns geschossen. Gott sei Dank wurde niemand verletzt.“

Der Kontrollpunkt liegt 20 Kilometer westlich der Erdölmetropole Kirkuk. Täglich werden hier eine Million Barrel gefördert, rund die Hälfte des gesamten Ölexports des Irak. Die Stadt, mit knapp 500.000 Einwohnern, wäre eine lukrative Beute für die ultrakonservativen Islamisten. Wie brutal sie beim Aufbau des islamischen Staates vor sich gehen, haben die Massenhinrichtungen in Tikrit gezeigt. Schockierende Bilder, die Isil im Internet veröffentlichte, zeigten Leichenberge von exekutierten „Ungläubigen“. Angeblich wurden bis zu 1700 Menschen erschossen oder enthauptet.

„Diese blutrünstigen Islamisten würden Kirkuk natürlich gern einnehmen und haben es auch versucht“, erklärt General Fateh spöttisch lächelnd in einem improvisierten Büro, das in sicherer Entfernung vom Checkpoint und geschützt von einem Erdhügel in einem Container eingerichtet ist.

 

Verteidigungswälle errichtet

Die Peschmerga übernahmen am Donnerstag die Kontrolle über Kirkuk, nachdem die irakische Armee, wie schon in anderen Städten, Hals über Kopf geflohen war. Sie bauten binnen Tagen eine kilometerlange Verteidigungslinie mit Gräben und Wällen entlang des Flusses. „Niemand kann unsere Befestigungsanlage überwinden“, versichert der General. „Isil ist schon mehrere Male gescheitert.“ Immer wieder betont er, dass die Peschmerga ausschließlich defensive Aufgaben hätten und es ihr Ziel sei, die Bewohner von Kirkuk zu schützen. „Alle Bewohner“, fügt der Militär hinzu. In der Erdölmetropole sind neben Kurden auch Christen, Turkmenen und Araber ansässig.

Mit der Kontrolle von Kirkuk haben die kurdischen Truppen eine rote Linie überschritten. Die Stadt zählte bisher zu den „umstrittenen Gebieten“, die offiziell außerhalb der autonomen Region Kurdistans liegen. Laut irakischer Verfassung (Artikel 140) sollte durch eine Volksabstimmung entschieden werden, ob sie unter der Verwaltung Bagdads oder Kurdistans stehen wollen.

Die Kurden haben das Machtvakuum nach dem Vormarsch Isils und dem anschließenden Abzug der irakischen Armee ausgenutzt. „Kirkuk war immer kurdisch und wird es immer bleiben“, behauptet der General. „Wir werden Kirkuk und auch die anderen sogenannten umstrittenen Gebiete, die wir von der irakischen Armee übernommen haben, nicht mehr verlassen“, betont Fateh. Und weiter: „Wir haben nur das genommen, was uns gehört.“ Angriffe seien nicht geplant, man würde sich hier nur verteidigen, heißt es.

Über die Stärke von Isil weiß Fateh angeblich nicht Bescheid: „An der Beteiligung von Baathisten besteht aber kein Zweifel. In Mosul setzte Isil mehrere altgediente Parteimitglieder in führende Positionen.“ Die auf 3000 bis 4000 Mann geschätzte Isil-Truppe könnte den rasanten Vormarsch und die Besetzung von Millionenstädten nicht durchführen. Auf dem Weg nach Bagdad scheinen sich viele lokale Milizen angeschlossen zu haben. „Unter ihnen sind die sunnitischen Stämme, die im Irak eine wichtige Rolle spielen“, so Rebar Karim Weli, Journalist des kurdischen Medienkonzerns Rudaw. Mit Geld und Waffen würden sie geködert.

„Ein Traum ist wahr geworden“

Im Zentrum von Kirkuk geht das Leben seinen normalen Gang. Alle Geschäfte sind geöffnet, auf den Märkten werden Gemüse und Obst eingekauft, die Straßen sind voller Menschen, als würden die radikalen Islamisten nicht vor den Toren der Stadt stehen. „Früher gab es immer wieder Anschläge“, sagt Paul Moses, einer der christlichen Bewohner von Kirkuk. „Mit den Peschmerga herrscht in Zukunft garantiert Sicherheit“, erklärt der 52-Jährige, der bei Nordoil Company arbeitet, die 16.000 Menschen aus der Stadt beschäftigt. Etwas besorgt ist Salam al-Ansari, ein Journalist arabischer Herkunft. Er befürchtet ethnische Zusammenstöße zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden.

Im Hauptquartier der Partei der demokratischen Union (PUK) herrscht Feierstimmung, nachdem man zum ersten Mal in der Stadt komplett das Sagen hat. „Alles läuft bestens“, meint Aso Mamand, der Chef des Politbüros. Er hat fünf Jahre in Regensburg gelebt und die deutsche Staatsbürgerschaft. „Was wir erträumt haben, ist wahr geworden. Kirkuk ist in kurdischer Hand.“

Etwas aufgekratzt ist auch Alal Talabani, die auf einem der barocken Plüschsessel im über 100 Quadratmeter großen Empfangssaal des Parteihauptquartiers nicht still sitzen kann. Sie ist Parlamentsabgeordnete und die Nichte von Jalal Talabani. Er ist amtierender Präsident des Irak, obwohl er schwer erkrankt ist und sich in Deutschland ärztlich behandeln lässt. „Nach dem Ende dieser Krise werden wir kurdischen Abgeordneten mit mehr Einfluss ins Parlament nach Bagdad zurückkommen“, sagt Alal Talabani. „Vielleicht erreichen wir dann endlich demokratische Verhältnisse.“

Mit dem diktatorischen Premierminister Nuri al-Malaki, der unzählige Ämter und Ministerposten an sich gerissen hat, sei das nicht möglich. Für Talabani trage al-Malaki nicht nur die Verantwortung für das Versagen der irakischen Armee. „Er hat Schuld an der ganzen Misere.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2014)