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Gasströme: Die verschlungenen Wege des Gases nach Europa

(c) REUTERS (GLEB GARANICH)
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Jahrzehntelang hatte die Pipelinearchitektur aus Russland funktioniert. Heute steht sie aus vielen Gründen infrage. Und weckt dort wie da wieder Ängste.

Wien. Dass Russland in den vergangenen Jahren wie wahnsinnig Direktgaspipelines nach Europa gebaut hat und weitere vorbereitet, hat zumindest zwei Gründe: zum einen die russische Pipelinebaulobby, die zu den stärksten im Land gehört und unter anderem aus Wladimir Putins Jugendfreunden besteht, weshalb Geld hier nie eine Rolle spielte und der Pipelinekilometerpreis bis zu dreimal so hoch war wie im Westen. Zum anderen aber die problematische Architektur des bestehenden Pipelinenetzes.

Zu Sowjetzeiten, als alle 15 Republiken noch in einem Superstaat zusammengefasst waren, wurde es errichtet. Und hat immerhin bis zum Jahr 2006 funktioniert. Erst als die Ukraine mit der Orangen Revolution politisch eigene Wege gehen und gleichzeitig nicht auf billige Gaslieferungen aus Russland verzichten wollte, wurde das Problem virulent: Das Netz von russischen Gasexportpipelines funktioniert nur dann reibungslos, wenn auch die Transitstaaten guten Willens sind bzw. Moskau gehorchen. 2006 fand der erste Gaskonflikt mit dem Haupttransitstaat Ukraine statt, 2009 der zweite, nun hat der dritte begonnen. Und Gazprom hat ein Argument mehr, nach dem Bau der Nord-Stream-Pipeline den Bau der South-Stream-Pipeline zur Umgehung der Ukraine zu propagieren.

 

Ukraine verliert an Bedeutung

Erst bei Fertigstellung von South Stream mit einer Kapazität von 63 Mrd. Kubikmeter wäre die Ukraine als Spieler marginalisiert. Ohnehin hat sich das Transitvolumen durch die Ukraine seit 2005 um ein Drittel auf 86 Mrd. Kubikmeter 2013 verringert. Aber gemessen an den 161,5 Mrd. Kubikmetern, die der russische Konzern Gazprom 2013 nach Europa lieferte und mit denen er dort ein Drittel des Bedarfs deckte, ist es immer noch die Hälfte. Europa ist für den Gazprom-Konzern heilig, steht Europa doch für rund 80 Prozent des Konzernumsatzes. Sollte der Gasfluss stocken, wäre das ein weiterer Imageverlust. „Die Situation ist bislang und kurzfristig nicht gefährlich“, sagt Valentin Zemljanski, langjähriger Sprecher des Naftogaz-Konzerns und jetzt Gasexperte am Kiewer Zentrum für globale Ökonomie, zur „Presse“: „Aber wenn man in zwei bis drei Wochen keine Lösung findet, dann wird es für die ukrainische Heizsaison im Winter und den Transit im Herbst und Winter kritisch.“

 

Komplizierte Systeme

Der Transit über die Ukraine ist seit jeher so geregelt, dass die Ukraine das im Sommer aus Russland erhaltene Transitgas in die unterirdischen Speicher der Westukraine pumpt und dann im Winter dort entnimmt, um es in die Exportpipelines nach Europa einzuspeisen. In Wirklichkeit ein Swap-Geschäft mit Gazprom, weil der Konzern im Winter auch den größeren Bedarf in der Ostukraine decken muss und dann weniger nach Europa liefern kann, was eben durch die westukrainischen Speicher kompensiert wird. Konkret müssen zur Unterstützung des Transits fünf bis sieben Mrd. Kubikmeter in den Speichern bereitstehen. Für den innerukrainischen Winterbedarf dann nochmals zusätzlich an die 14 Mrd. Kubikmeter. Insgesamt also etwa 20 Mrd. Kubikmeter, wobei derzeit 13 Mrd. Kubikmeter eingelagert sind.

Sollten die Speicher nicht gefüllt werden und die Ukraine zu viel für sich entnehmen, wären im Winter vor allem Bulgarien und der Balkan betroffen, weil der Pipelinedruck nicht ausreiche, so Zemljanski. Osteuropäische Staaten seien nur zum Teil bedroht. Noch keine große Gefahr droht Westeuropa, weil genug in eigenen Speichern lagert und Interkonnektoren zur gegenseitigen Belieferung auch aus anderen Quellen bestehen. In Österreich seien die Speicher zu 65 Prozent voll, so der Vorstand der E-Control, Walter Boltz: Auch Lieferkürzungen „könnten über einen längeren Zeitraum überbrückt werden“. Zentral- und Westeuropa wird nämlich auch über die Ostseepipeline Nord Stream sowie durch den weißrussischen Transit versorgt. In beiden Fällen sind die Leitungskapazitäten nicht voll genutzt. Die Nord Stream auch deshalb nicht, da die EU die Anschlusspipeline Opal zum EU-Gastransportnetz bis nach Tschechien nur zur Hälfte für Gazprom geöffnet hat. Und gegenüber South Stream, an der die OMV beteiligt ist, bleibt die EU ohnehin skeptisch, wiewohl „wir das Projekt sehr wohl akzeptieren“, wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger am Montag sagte.

 

Schwache Alternativen

„Die Importabhängigkeiten zu mindern, ist aktueller denn je“, so Oettinger. Bezeichnend, dass er den kaspischen Raum ins Spiel brachte, aus dem in fünf Jahren vorerst nur aserisches Gas nach Südeuropa fließen wird. Über Jahre hat die EU es nicht geschafft, die genannten Staaten zu einem gemeinsamen größeren Pipelinebau zu koordinieren.

Die Hoffnung auf Norwegen zu legen, wie Oettinger das anklingen ließ, scheint überzogen, da Norwegen die Förderung nur noch mühsam steigern kann – bis 2020 von derzeit 110 Mrd. auf 130 Mrd. Kubikmeter.

Vielversprechend bleibt indes Flüssiggas (LNG), das ohne Pipelines herangeschifft werden kann. Aber LNG ist in Ostasien begehrt, weshalb die Exporteure es dorthin teuer verkaufen. Europas LNG-Import von 86,3 Mrd. Kubikmeter im Jahr 2010 ist bis zum Vorjahr auf fast die Hälfte gesunken.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2014)