„Fluten Sie Ihre Organe!“

(c) APA (Dorothea Wimmer)
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Wiener Festwochen: Ein Satyrspiel über Schlafes Bruder: Marthaler weidet in „Platz Mangel“ Marthaler aus.

Nach einer Stunde in der körperwarmen HalleG des Museumsquartiers ist am Dienstag bei der österreichischen Erstaufführung von „Platz Mangel“ das Schreckliche passiert: Acht Protagonisten der bis dahin umwerfend komischen, ausnehmend brutalen Show räkeln sich (erschöpft, todessüchtig, oder weil's der Regisseur so will) auf weißen Plastikliegen. Wie Jünger auf dem Ölberg liegen sie minutenlang zwischen Wachen und Dahindämmern, da schläft auch noch der Kritiker ein! Für Sekunden nur, aber es ist eine unentschuldbare Tat. Denn sie wird verübt bei Christoph Marthaler, dem Meisterkomiker des Schweizer Theaters, der viel zu selten in Wien oder Zürich ordiniert.

Also fragt man sich: Hat der Regisseur selbst diese Traumzeit gewollt? Besitzt er nicht nur die außerordentliche Gabe, mit seiner genial eingespielten Charakterkopfknallchargenmusikantentruppe zu ergötzen und zu rühren, sondern betätigt er sich in reifen Jahren auch als Hypnotiseur vereinzelter Zuseher der Wiener Festwochen? Vor allem aber: Hat man vielleicht in Bruchteilen der Unaufmerksamkeit das Wesentliche versäumt, den entscheidenden Puzzleteil dieser bildungsbürgerlichen Collage? Denn bei „Platz Mangel“ läuft alles immer parallel – ein Portier sitzt in der Loge, ein Patient beichtet, ein Pfleger trägt einen Kübel in einen Nebenraum, eine Dame stöhnt oder singt, und ganz nebenbei hört man noch Bonmots von Poe, einem Sargfabrikanten oder gar von Marthaler selbst. Manchmal spielen die dort auch noch Bach. Vielleicht wurde gar das Schönste blöde verpennt.

Salbungsvolles von der Kosmetikfirma

Zur Rechtfertigung sei gesagt, dass die acht weiß gekleideten Schauspieler vor dem Sekundenschlaf in ihren weißen Liegen lagen wie auch danach, und dass dieser Schlaf durch eine unheimliche Stille beendet wurde. Nicht einmal „You can win if you want“, dieses dumme Mantra von „Modern Talking“, das den Abend dominiert, war da zu hören. Es scheint also unwahrscheinlich, dass Salbungsvolles von Cioran, einer Kosmetikfirma oder gar von Marthaler selbst versäumt wurde. Aber der Schaden ist beträchtlich. Denn die Aufführung erhielt durch diese endlose Heilschlafszene der acht Protagonisten eine Zäsur.

Zu berichten ist also über die das Zwerchfell animierende Farce in der ersten Stunde, eine Phase der Verlangsamung bis zum Stillstand und ein fröhliches Schlachtfest im Finale, das sich in erleichtertem Applaus auflöste. Wir sind noch einmal davongekommen; auf der Bühne wurden Wohlstandsbürger der herzlosen Schweiz ausgeweidet. Marthaler hat die satte Kapitalgesellschaft gnadenlos entblößt. Wir aber, von so viel Poesie aufgeweckt, werden ab morgen bessere Menschen sein und nicht mehr so eindimensional denken wie Privatpatienten.

Worum geht es in diesen zwei Stunden zehn? In „Dr. Dr. Bläsis Höhen- und Tiefenklinik“ kommen reiche Gönner mit Namen von Süßwaren-Firmen in Pelzmänteln an. Der Anfang ist zugleich auch das Ende: „Bye bye friends“ heißt der erste Schlager. „Vielleicht sehen wir uns wieder, vielleicht auch nicht“, sagt Manager und DJ Clemens Sienknecht zum Publikum. Die Teilhaber sind zugleich die ersten Gäste. Fettabsaugen, absurde Kassenpakete werden scheinbar angeboten, ein „Vollflexitarif“ mit der Kombibehandlung „Schenkelhalsbruch, Grauer Star, Darmverschluss“. Was für ein Spaß ist dieses Sprachsezieren! Doch nicht Heilung wartet, sondern der Tod. Die Leute werden entkleidet in Kabinen bugsiert. Dort im Off leitet man anscheinend lustige Darmentleerungen ein, aber jede Prozedur endet mit dem Geräusch von Kreissäge und Bohrern. Die Klinik ist eine Organhandelsanstalt.

Das Magere und das Fette

Dankbar nehmen die Patienten ihr Schicksal an, jeder in seiner Façon. Die schöne Katja Kolm, das blühende Leben, trauert ekstatisch um ihren Mann, Bettina Stucky neigt zu brutaler Hysterie. Jürg Kienberger propagiert zum Abwinken komisch den Geist der Unterernährung, der fantastische Ueli Jäggi doziert über das Fett, Josef Ostendorf repräsentiert das Unförmige, er ist auch, so wie die herbe, perfekte Raucherin Catriona Guggenbühl, zur Beichte bereit. Die nimmt Bernhard Landau einigen mit dem immer gleichen Satz ab: „Vergessen wir nie, dass der, der uns richten wird, der gleiche ist, der uns geschaffen hat.“ Sicher aber ist der Tod. Dessen Helfer verkörpert Raphael Clamer, der unwirsche Pfleger. Auch er wird mit allen anderen in der Gondel zur Hölle hinabfahren, in diesem kongenial aseptischen Bühnenbild von Frieda Schneider, mit Kletterwand, Disco, Seilbahn und Kojen.

Das tiefste Glück des Menschen sei das Opfer, flötet ein Satyr. Zuvor spielt das Leben: Menschen auf der Suche, perfekte Musik (Homberger/Czajkowski) von Bach bis Bohlen. Und jetzt alle mal her hören: „Fluten Sie Ihre Organe! Sie werden gebraucht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)

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