Erst das Auslaufen der angemaßten Allmacht macht Platz für wirkliche Väterlichkeit.
Unter den vielen klugen und nachdenklichen Betrachtungen zum Amstettner Verbrechen hat mich besonders der Essay meiner Kollegin Anne-Catherine Simon beeindruckt: „Fleisch von meinem Fleisch“ („Die Presse“, 2.Mai, Seite 33), eine engagierte Abrechnung mit dem Patriarchat. AC, wie wir sie respektvoll nennen, grub darin auch nach etymologischen Wurzeln: Der römische „pater familias“ komme von „pä“ („herrschen“) und von „famulus“ („Diener“), schrieb sie, sei also „nichts anderes als der Herrscher über seine Diener“.
Dagegen empörte sich ein Leser: Die Wortwurzel „pa, pe, peh usw.“ heiße keineswegs „herrschen“, sondern „ernähren“ und „weiden“, davon komme nicht nur „Vater“, sondern auch „pastor“, „pasci“, „to feed“ und „to foster“. So sei der „pater familias“ wörtlich der „Ernährer der Hausgemeinschaft“, der Essay sei „feministischer Quatsch“.
Das sehe ich ganz anders. Etymologisch aber hat der Leser recht. Zwar findet man in der „Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung“ von 1854 noch die Behauptung, „das Wort pitar, pater usf.“ stamme „sicher von pâ, ,nähren, schützen, herrschen‘“. Heute aber übersetzen die Sprachwissenschaftler laut Auskunft von Heiner Eichner (Uni Wien) die indoeuropäische Wurzel „pah“ nur als „schützen“ oder „ernähren“. Dieses Bedeutungsfeld sei aus der Lebenswelt des Hirten (=Pastor) zu erklären, der seine Schafe hütet und auch weidet; es lebe im deutschen Wort „Futter“ fort, das einerseits das ist, was ein Tier frisst, andererseits auch, z.B. im „Mantelfutter“ oder im „Futteral“, eine schützende Bedeutung hat. Der Wortsinn „herrschen“, so Eichner, sei jedenfalls nicht belegbar.
So lässt uns die Etymologie im Stich! Keine verräterische Doppeldeutigkeit im Sinn von Freuds Idee des „Gegensinns der Urworte“! Dabei hätte es so gut gepasst auf den „pater familias“. Denn beides ist im Grunde eine Anmaßung: der Anspruch auf absolute Herrschaft und auch die Behauptung, die Familie (die, da hat AC recht, unbestreitbar von „famulus“ kommt) allein zu ernähren, zu „erhalten“. Dem römischen Familienvater liehen die Sklaven (unfreiwillig) ihre Hände; der heutige Alleinverdiener verlässt sich darauf, dass seine Frau (im Normalfall freiwillig) die häuslichen Geschäfte erledigt.
Wenn der verbrecherische, dabei – entgegen der Behauptung diverser Psychologen – ganz und gar selbstsichere, in seinem Weltbild ruhende Familienvater von Amstetten angeblich behauptet, eine seiner (Enkel-)Töchter habe ihm ihr Leben zu verdanken, weil er doch noch eingewilligt habe, sie ins Spital zu lassen, ist das ein böses Zerrbild väterlicher Anmaßung. Allmacht über Leben und Tod, die kein Tabu akzeptiert, weil sie gar keines kennt. (Auch im Freudschen Meta-Mythos gilt das Inzesttabu übrigens erst nach dem mörderischen Sturz des väterlichen Tyrannen durch die Brüderhorde.)
In einem Jahr mit zwei Muttertagen (am 4.Mai und 11.Mai, beides auf Plakaten gesehen), zwischen diesen, an einem schönen Donnerstag, wo man an/in allen Sandkisten der Stadt engagierte Väter sehen kann, sei eine pathetische Schlussthese erlaubt: Erst das Auslaufen der angemaßten Allmacht des „pater familias“ macht Platz für wirkliche Väterlichkeit.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)