Wenn Kandidat und Gegenkandidat aus demselben Holz geschnitzt sind

Präsidentenwahlen. Die türkischen Oppositionsparteien schicken einen konservativen Wissenschaftler in den Wahlkampfring.

Ankara/Wien. In den Reihen der türkischen Regierungspartei AKP herrscht seit Montag Nervosität – zwar eine leichte, aber sie ist spürbar. Dass sich die zwei größten Oppositionsparteien zu einem gemeinsamen Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten durchringen konnten, dürfte nicht zuletzt die AKP überrascht haben. „Ein Kandidat für zwei Parteien ist eine sonderbare Angelegenheit“, so die AKP-Abgeordnete Belma Satir. Und: Es sei eine Respektlosigkeit gegenüber den Wählern.

Normalerweise liegen die sozialdemokratische CHP und die nationalistische MHP notorisch im Clinch. Als gemeinsamen Kandidaten für die Wahlen am 10. August haben sie den weitgehend unbekannten Professor Ekmeleddin Ihsanoğlu gewählt, der als parteiübergreifender Kandidat das Potenzial beider Wählerschichten ausschöpfen soll. Die Parteispitzen dürften allerdings weitergedacht haben: Ihsanoğlu ist Wissenschaftshistoriker, ein ausgezeichneter Kenner der islamischen und osmanischen Geschichte. Mehrere Jahre lang stand der 71-Jährige der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) vor.


Kaum Gefahr für den Premier

Mit dieser Biografie kann Ihsanoğlu durchaus auch im Lager des konservativ-religiösen Premiers Recep Tayyip Erdoğan um Stimmen wildern. In anderen Worten: Die Opposition schickt einen Mann in den Ring, der auch ein Kandidat der Regierungspartei sein könnte. Ihsanoğlus Mankos liegen aber auch auf der Hand. Er ist weitgehend unbekannt, hat wenig charismatische Überzeugungskraft. Die Unterstützung großer (oppositioneller) Medien während des Wahlkampfes ist ihm auch nicht sicher.

Noch wichtiger wird der Gegenkandidat sein. Sollte tatsächlich Erdoğan kandidieren, dürfte selbst eine einträchtige Opposition dem beliebten Premier nicht gefährlich werden. Oder wie die Abgeordnete Satir konstatierte: „Gegen unseren Kandidaten haben sie keine Chance.“ (duö)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2014)