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Euro-Krisenanleihen wieder gefragt

(c) APA/EPA/DANIEL REINHADT (DANIEL REINHADT)
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Seit der jüngsten EZB-Leitzinssenkung reißen sich die Anleger um Anleihen der Euro-Krisenstaaten. Die EZB fürchtet, dass billigeres Geld deren Reformeifer bremst.

Frankfurt. Euro-Anleihen von Krisenstaaten sind nach den Lockerungsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder zum begehrten und profitablen Spekulationsobjekt geworden. Auf die Politik der Euroländer haben die EZB-Maßnahmen zur Senkung der Finanzierungskosten aber unerwünschte Auswirkungen: Sie nehmen den Druck von den verschuldeten Staaten und bremsen den Reformelan der Politik.

Vorige Woche hat die EZB die Leitzinsen erneut gesenkt. Trotz einer stockenden Erholung strömen Anleger seither wieder in Anleihemärkte, um die sie während der europäischen Schuldenkrise einen Bogen gemacht haben. Die Renditen spanischer und italienischer Anleihen sind zuletzt auf Rekordtiefs gesunken. Investoren setzen darauf, dass EZB-Maßnahmen wie ein negativer Einlagensatz und billige Kredite für die Banken die Papiere stützen.

Nachdem bei den Wahlen zum europäischen Parlament im Mai euroskeptische und gegen Sparprogramme eingestellte Parteien deutlich zulegen konnten, drohen die niedrigeren Anleiherenditen jetzt aber den Reformdruck auf die Regierungen zu verringern.

„Es besteht die Gefahr, dass die Renditen auf Niveaus absinken, die nicht mit den Fundamentaldaten übereinstimmen“, sagte Robin Marshall von Smith & Williamson Investment Management in London. „Die Gefahr eines Moral Hazard wurde dem Hauptziel, nämlich der Vermeidung einer Deflation, untergeordnet.“

 

Auch EZB mahnt Reformen ein

Die sogenannten Bond-Vigilanten, die die Renditen von Staatsanleihen aus Euroraum-Ländern während der Schuldenkrise in die Höhe getrieben haben, können derzeit wegen des Einflusses der EZB auf die Anleihemärkte nichts ausrichten. Griechische und portugiesische Anleihen liegen dieses Jahr bei der Rendite ganz vorn, obwohl sich in beiden Ländern Hindernisse für Sparpolitik und Reformvorhaben auftun. Griechische Bonds kommen seit Jahresbeginn auf einen Kursgewinn von 30 Prozent, portugiesische Staatsanleihen haben 16Prozent zugelegt.

EZB-Chef Mario Draghi schlägt mit seiner Politik einen anderen Ton als sein Vorgänger Jean-Claude Trichet an, der sich für Grenzen bei den Interventionen der Zentralbank ausgesprochen hat. Draghi betont zwar immer wieder, die EZB werde innerhalb ihres Mandats handeln, hat jedoch kürzlich erklärt, es gebe für die EZB dabei „keine Tabus“.

Allerdings ist ihm auch der erlahmte Reformeifer in einigen Euroländern nicht entgangen. „Sind wir mit dem Fortschritt bei strukturellen Reformen der Regierungen zufrieden?“, fragte er nach der Zinsentscheidung. Die Antwort: „Nein.“

Gleichzeitig stellt sich der Konjunkturausblick für Draghi angesichts der geringen Inflation im Euroraum anders dar als für Trichet, argumentiert Steven Major, globaler Leiter Analyse Festverzinsliche bei HSBC in London. „Das hat sich entwickelt“, erläutert er. „Schon gegen Ende der Krise ist eine neue Bedrohung aufgetreten, die möglicherweise zur Priorität wurde. Er hat nicht durch Warnschüsse gegen die Regierungen davon abgelenkt, sondern sich auf die Hauptaufgabe konzentriert.“

Ein Erfolgsfaktor bei den Bonds dürfte sein, dass Banken Anleihen aus dem Kerngebiet der Eurozone erwerben, um die für Einlagen bei der EZB fälligen Gebühren zu vermeiden, sagt Neil Williams, Chefvolkswirt bei Hermes Fund Managers in London.

„Draghi will, dass die Banken die quantitative Lockerung für ihn übernehmen“, führt Williams aus. „Er hat bei der Bekämpfung eines der Symptome großartige Arbeit geleistet und die Renditen nach unten geredet.“ (Bloomberg)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2014)