Der Polit-Popstar und seine Fans: "Liebt ihr ihn?"

T�RKISCHER PREMIER ERDOGAN IN WIEN
Fans von ERdogan in Wien(c) APA/HANS PUNZ (HANS PUNZ)

Der türkische Ministerpräsident hatte seine Zuhörer fest im Griff. Ob Wahlkampf betrieben wird, hat das Publikum kaum interessiert: Sie wollten Erfolgsmeldungen aus der Türkei hören.

Fatma Özkan hat ihren Mann verloren. Eben haben sie gemeinsam die Wiener Albert-Schultz-Halle betreten, aber irgendwie haben sie einander verloren und nun lässt Fatma Özkan ihren Mann aufrufen. „Wo ist er?", ruft der Moderator in die noch lichte Halle. „Bringen wir schnell das Paar zusammen!" Die Anwesenden lachen laut, Herr Özkan meldet sich, das Paar ist wieder geeint. „Wir bringen die Leute zusammen", sagt der Moderator noch einmal. Und mit „Wir" ist wohl auch der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan gemeint. Seinetwegen ist die Familie Özkan in die Kagraner Halle gekommen, wie Tausende andere auch, die dem Popstar der türkischen Politik zusehen und zuhören möchten.

Es fühlt sich bereits am frühen Nachmittag an wie bei einen Popkonzert, dabei sind die Reihen noch nicht einmal voll. Der Moderator ruft in die Menge: „Liebt ihr ihn?", und die Anwesenden rufen ihm die einzig mögliche Antwort zu: „Ja!" Man möge die Fahnen schwenken, um den Gast später gebührend zu empfangen, mahnt der Mann gut gelaunt. Die Menge ist hörig, sie wird es den ganzen Nachmittag auch bleiben. Die Fahnen werden für fast jeden Gast zur Verfügung gestellt; sie sind an den Sitzen angebracht, manchmal findet sich zusätzlich auch eine österreichische. In der hinteren Tribüne hingegen weht eine gigantische Flagge mit Halbmond und Stern. Sie ist so lange, wie die Tribüne selbst.

„Wir möchten Frieden"

In den vorderen Reihen hat ein pensioniertes Paar Platz genommen, sie rücken die Flaggen zurecht. Einen Tag vor dem Auftritt des Ministerpräsidenten ist das Paar nach Wien gekommen, erzählen sie. Sie wohnen in Tirol, die Tickets haben sie über das Internet bestellt. Seinetwegen seien sie da, freilich, aber auch, weil sie mit anderen türkischstämmigen Menschen Zeit verbringen wollten. „Wir möchten Frieden", sagt der Mann. Die Kritik im Vorfeld des Erdoğan-Besuches könne er nicht nachvollziehen. Es habe sich angehört, als habe man vor, einen Krieg anzuzetteln. „Und wir wollen das Gegenteil."

Von Krieg wird der Ministerpräsident später auch sprechen. Vom Krieg in Syrien, im Irak, auch vom Beginn des Ersten Weltkrieges, der genau hundert Jahre zurückliegt. Aber die Türkei, das ist die Botschaft dieses Tages - sowohl bei den Zuhörern, auch als auch beim Ministerpräsidenten -, sei ein Ort des Friedens.

Internet funktionierte nicht

Drei junge Mädchen rennen in aller Aufregung in die Halle hinein: „Wir haben es geschafft!" Sie fotografieren einander, können ihre Freude aber mit der Welt nicht teilen, denn das Internet streikt. Zu viele Smartphones in und vor der Halle. Ein paar Besucher halten verzweifelt ihre Handys in die Höhe, damit sie zumindest für einen Facebook-Eintrag das Netz einfangen können.
Der weitläufige Platz vor der Halle, auf dem eine große Leinwand aufgestellt wurde, ist ein patriotisches Fahnenmeer. Die Sicherheitskontrollen am Eingang sind streng, und jene, die keine Eintrittskarten ergattert haben, gehen an den Sperrungen auf und ab, auf der Suche nach Sicherheitskräften, die sie noch irgendwie beschwatzen können. Die Halle selbst füllt sich langsam, knapp mehr als 7000 Menschen haben hier Platz.

In der Mitte des Raumes hat die Familie Birekul Platz genommen. Sie sind festlich in schwarz gekleidet, warten geduldig. Sie sind hier, erzählen sie, weil sie Erdoğan Respekt zollen wollen: seiner Politik, seinem Einsatz für die Türkei. Ob sie selbst von Erdoğans Politik profitieren würden, obwohl sie in Wien leben? Sie vielleicht nicht, aber alle ihre Verwandten in der Türkei. „Und wer weiß", sagt Frau Birekul, „wenn es der Türkei auch weiterhin so gut geht, gehen wir vielleicht irgendwann wieder zurück."
So denken viele hier, sagt die Familie noch. Und hört man sich in der Halle um, stimmt das auch.

Für die Anhänger Erdoğans geht die Anerkennung über die wirtschaftliche Leistung der Türkei hinaus. Eine Hausfrau, die ihre Freude über den Platz in der vorderen Reihe nicht verbergen kann, erklärt: Sie habe nicht gearbeitet, sondern die Kinder großgezogen. Auf große Pensionsbeträge kann sie nicht hoffen, aber mit der „Mavi Kart", einer Quasi-Staatsbürgerschaft für Türken mit ausländischem Pass, könne sie in der Türkei Geld beantragen. Es sei nicht viel, aber es reicht für die Euphorie, die sie hier zeigt: „Kein anderer türkischer Politiker hätte so etwas ermöglicht."

Der Moderator, der ab und zu die Bühne betritt, ruft die Menge zu einem Probe-Jubel auf. Er ist nicht zufrieden: „In Köln hat die Halle gekocht", sagt er mit Blick auf Erdoğans Auftritt in der deutschen Stadt vor mehreren Wochen, „aber aus Wien hört man gar nichts." Das lässt sich das Publikum nicht gefallen: Die Masse atmet hörbar ein - und schreiend wieder aus. Der Moderator nickt.
Der Ehemann der Hausfrau, der nun neben ihr Platz genommen hat, ist noch der einzige türkische Staatsbürger in der Familie. Natürlich werde er zur Präsidentenwahl gehen, sagt er, und natürlich werde er Erdoğan oder den Kandidaten der Regierungspartei AKP wählen. Ob er es nicht merkwürdig finde, dass in Wien türkischer Wahlkampf betrieben wird? „Warum soll das merkwürdig sein?", fragt er. „Ist Wahlkampf durch die Geografie beschränkt?" Die Kinder müssen über den Satz ihres Vater lachen, nicken ihm aber ermutigend zu.

Als ob der Auftritt geprobt wurde

Offiziell ist der türkische Ministerpräsident nach Wien gekommen, um das zehnjährige Bestehen der „Union of European-Turkish Democrats" (UETD) zu feiern. In der Entourage finden sich mehrere hochrangige AKP-Politiker, etwa der Berater des Premiers Emrullah Işler, Europaminister Mevlüt ?avuşoğlu, sein Vorgänger Egemen Bağiş sowie weitere Abgeordnete. Sowohl Işler als auch Erdoğan erwähnen den Jahrestag des Gastarbeiterabkommens zwischen der Türkei und Österreich: 1964, also vor 50 Jahren, begann die Zuwanderung nach Österreich.

„Wir sind stolz auf euch", sagen beide, zielen und treffen damit direkt das Publikum. „Ihr habt Geduld gezeigt, habt euch nicht unterkriegen lassen, ihr habt eure Arbeit verrichtet", sagt Erdoğan. Die Halle kocht.

Es fühlt sich an, als ob der Ministerpräsident diesen Auftritt vor diesem Publikum lange geprobt hat. Jubel brandet wie auf Kommando auf, immer an den richtigen Stellen. Und fallen die Wörter „Gezi-Park" (dort nahmen die großflächigen Anti-Regierungs-Demonstrationen im Vorjahr ihren Lauf), „Pennsylvania" (hier lebt Erdoğans ehemaliger Weggefährte und nunmehriger Widersacher, der Prediger Fethullah Gülen), oder die Namen oppositioneller Politiker, dann folgen umgehend Buh-Rufe.

Ein Vater spaziert mit seinem schlafenden Baby durch die Reihen, der massive Geräuschpegel scheint die beiden nicht zu stören. Immer wieder ertönt aus den hinteren Reihen der Spruch „Steh aufrecht". Es ist zum Leitspruch der Regierung Erdoğan geworden. Der Premier geht in seiner Rede auch darauf ein: „Die Türkei ist nicht mehr die alte Türkei." Man könne sich jetzt erhobenen Hauptes der Welt zeigen, das Land sei nicht mehr arm, sondern stark. Stark dürften sich auch die meisten fühlen, als sie später die Halle verlassen. „Ich bin so froh", sagt die Hausfrau noch, „dass er nach Wien gekommen ist. Wir sind ja gar nicht so viele hier."

AUF EINEN BLICK

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan ist auf Einladung der Union der Europäischen Türkischen Demokraten (UETD) in Wien. Der Verein feierte sein zehnjähriges Bestehen und lud aus diesem Anlass den Regierungschef ein. Es liegt freilich der Verdacht nahe, dass es sich um einen Wahlkampfauftritt handelt. Denn im August wählen die Türken erstmals ihren Staatspräsidenten direkt. Erstmals dürfen dabei auch Auslandstürken ihre Stimme abgeben. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Erdogan im August antreten wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2014)