Hartmann: "...dann wird es für Springer gefährlich"

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Matthias HartmannAPA (BARBARA GINDL)

Interview. „Deckt der Kulturminister Georg Springer?“ Diese Frage stellen sich der Ex-Burgchef Matthias Hartmann und Peter Raddatz, der kaufmännische Geschäftsführer des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg.

Die Presse: Im März hat Sie Kulturminister Josef Ostermayer Ihres Amtes enthoben. Am Dienstag beginnt der erste Prozess am Arbeits- und Sozialgericht. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Matthias Hartmann (MH): Ich bin in meinem Leben noch nie vor Gericht gestanden, weiß daher auch nicht, was auf mich zukommt. Ich bin ein bisschen nervös, muss ich gestehen. Gleichzeitig sehe ich nach der Phase der Perspektivlosigkeit jetzt einen Lichtstreifen am Horizont. Ich hoffe auf Gerechtigkeit und glaube auch daran. Die Dinge, die sich gerade so freischälen, zeigen mir, dass die Menschen wirklich wissen wollen, was in den vergangenen Monaten passiert ist. Sie verurteilen mich nicht pauschal, sondern sehen, dass starke Interessen anderer im Spiel waren.

 

Was meinen Sie?

MH: In den Wochen vor meiner Entlassung wurde ich mit vielen Vorwürfen konfrontiert und konnte sie nicht sofort entkräften, weil ich ja selber vieles nicht verstand. Ich musste immer zu Thomas Königstorfer, dem kaufmännischen Direktor der Burg gehen, um Informationen zu bekommen. Oft waren wir beide ratlos. Damals entstand in der Öffentlichkeit der Eindruck: „Das kann doch nicht sein, dass der Hartmann jahrelang in diesem Theater sitzt, ohne von den Dingen gewusst und sie durchschaut zu haben!“

 

Das ist ja wirklich auch schwer vorstellbar.

MH: Stimmt. Erst wenn man die Berichte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG liest und erfährt, dass es ein Containersystem gab, in dem nur manche drinnen sitzen durften, andere jedoch nicht, kann man das entschlüsseln. Heute weiß ich, dass ich getäuscht wurde, und zwar von Anfang an.

 

Inwiefern?

MH: In dem Vertrag, den ich unterschrieben habe, steht, dass ich ein schuldenfreies Haus übernehme. Das war aber nicht der Fall. Es gab schon damals extrem hohe Schulden. Das belegen Aufsichtsratsprotokolle aus Juni und Oktober 2008, in denen diskutiert wird, wie man damit umgehen soll, dass die Burg eigentlich insolvent ist. Damals war übrigens auch Frau Bergmann im Aufsichtsrat anwesend. Man hat mich – wie man bei euch sagt – gelegt.

Peter Raddatz (PR): Die Eigentümer haben dich nicht über die wahren Vermögensverhältnisse des Theaters aufgeklärt, im Gegenteil: In ihrem Verhalten würde ich den Tatbestand der arglistigen Täuschung verwirklicht sehen.

 

Der Vorwurf der arglistigen Irreführung wird auch Ihnen gemacht, Herr Hartmann. Ihre Vorgesetzten hätten Ihren Vertrag 2012 nicht verlängert, sagen die Burg-Anwälte, wäre ihnen bekannt gewesen, dass Sie vom „Schwarzgeldsystem“ von Silvia Stantejsky, der entlassenen kaufmännischen Direktorin, seit 2009 Kenntnis gehabt und profitiert haben. Das ist ja auch einer der wesentlichen Entlassungsgründe.

MH: Das ist nicht wahr. Weder wusste ich von dem „Schwarzgeldsystem“, noch war ich Teil davon. Anders als behauptet, gibt es für jedes meiner Honorare eine vertragliche Grundlage, das kann ich beweisen.

PR: Aber ob ein Mensch seine Steuererklärung so oder anders macht, kann ja nicht Grund für eine Entlassung sein.

MH: Fakt ist, dass ich meiner steuerlichen Verpflichtung längst in vollem Umfang nachgekommen bin. Aber ich verstehe, dass Springer so tun will, als wäre die Steuersache das eigentliche Thema. Seine alt bewährte Methode ist: „Schießen wir auf die anderen, dann merkt niemand, was mein Problem ist.“ Wenn es ihm nicht mehr gelingt abzulenken, wird es für ihn gefährlich, und das weiß er. Aber ich bin nicht mehr bereit, das Spielfeld zu wechseln. Lange genug musste ich hören: „Wir müssen beide in einem Boot bleiben. Sonst fliegt alles auseinander.“ Ich habe mich dabei zunehmend unwohler gefühlt.

PR: „Die Kuh darf nicht aus dem Stall“, das hat Springer immer wieder gesagt.

 

In welchem Zusammenhang?

MH: Raddatz kam nach Wien und las die Bilanzen. Es dauerte, bis er draufkam, dass die Abschreibungsmethodik das Problem war. Eines Tages kam mein Chefdisponent und zeigte mir ein Papier, auf dem zu lesen war, dass die Bühnenbilder, die vernichtet werden, trotzdem weiterhin in der Bilanz geführt werden, damit sie als Wert bestehen bleiben. Ich zeigte das Raddatz, der sagte: „Das ist Bilanzbetrug!“ Daraufhin haben wir Springer informiert.

 

Wie hat er reagiert?

MH: Er hat Stantejsky geholt und ihr untersagt, sich noch einmal zu bewerben. Wir haben dann noch im Vestibül zusammen gesessen, und sie hat zu ihm gesagt: „Wenn du mich fallen lässt, dann fällst du mit.“

 

Haben Sie verstanden, was er damit gemeint hat?

Nein, gar nicht. Damals wusste ich noch nicht, dass Springer da auch mit drin steckt.

PR: Springer hätte als Eigentümer auch disziplinarrechtlich vorgehen müssen, das hat er nicht getan.

 

Haben Sie PricewaterhouseCoopers (PwC), die damaligen Wirtschaftsprüfer, mit diesem Papier konfrontiert?

MH: Natürlich haben wir das. Wir haben Frau Stangl von PricewaterhouseCoopers gefragt, ob es möglich sein kann, dass bereits vernichtete Produktionen noch als Werte geführt werden. „Das ist unmöglich“, sagte sie. Dann haben wir ihr das Papier gezeigt, sie fand es interessant, steckte es in ihre Tasche, und wir haben nie wieder etwas davon gehört.

PR: Obwohl ich mehrfach nachgefragt habe, gab es nie eine Antwort.

 

Hat es Sie erstaunt, dass Ostermayer sich nicht auch von Springer getrennt hat?

MH: Darüber wundert sich die ganze Republik! Ich frage mich, ob der Kulturminister Springer deckt oder, ob Springer Ostermayer instrumentalisiert hat. Beides ist möglich.

PR: Einem erfahrenen Minister wäre so eine gravierende Fehleinschätzung nicht passiert.

Das Rechtsgutachten, das Ostermayer schon im März in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die Mitverantwortung von Springer nicht für eine Entlassung ausreicht.

MH: Meine Anwälte kennen das Gutachten seit Kurzem, von dem der Minister unbedingt wollte, das es der Akteneinsicht entzogen wird. Springer wird darin schwer belastet. Ich frage mich, seit wann Ostermayer wusste, dass Springer quasi der Hauptbeschuldigte ist? Hat er womöglich gelogen?

 

Ein Rechtsstreit kann jahrelang dauern. Können Sie sich vorstellen, sich zu vergleichen, und gibt es Signale von der Gegenseite, sich einvernehmlich zu einigen?

MH: Einmal hat mich Christian Strasser aus dem Büro des Ministers angerufen und gefragt, ob ich grundsätzlich gesprächsbereit wäre. Er betonte allerdings, es sei seine rein private Initiative.

 

Private Initiative? Er ist der Aufsichtsratsvorsitzende der Burg.

MH: Ich habe mit ihm immer sehr gut zusammengearbeitet. Er sagte mir auch, der Aufsichtsrat sei von den Ereignissen überrollt worden, als es um die Entscheidung ging, mich zu entlassen.

 

Gab es noch andere Gesprächsversuche?

MH: Meiner ehemaligen Mitarbeiterin wurde in einem Gespräch in anderem Zusammenhang im Ministerium gesagt, dass ein Angebot an mich sein könnte, dass ich wieder an der Burg inszenieren kann. Wenn der Prozess läuft, sei eine Pressekampagne wie die des gekündigten Chauffeurs erst die Ouvertüre. Peter Noever (Anm.: der ehemalige künstlerische Leiter des MAK) sei letztlich auch an der Geburtstagsfeier für seine Mutter im MAK gescheitert, obwohl die Vorwürfe gegen ihn nicht haltbar gewesen seien.

 

Wie ist das zu verstehen?

MH: Ich weiß es nicht, ich finde so ein Vorgehen jedenfalls grauenhaft.

ZU DEN PERSONEN

Matthias Hartmann war von 2009 bis März 2014 Burgtheater-Direktor, dann wurde er von Kulturminister Ostermayer des Amtes enthoben. Seine Entlassung focht der Ex-Burg-Chef bei Gericht an.

Peter F. Raddatz ist der kaufmännische Geschäftsführer des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Hartmann schloss mit ihm einen Beratervertrag, weil er nicht verstand, weshalb man an der Burg finanziell auf keinen grünen Zweig kam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2014)

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