Nicht alle Symphonien sind süß: Lag das an der Landschaft?

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Johannes Brahms und Gustav Mahler, Alban Berg und Richard Strauss: Fast alle großen Meister der Oper und der Symphonie suchten ihre Inspiration in der Urlaubszeit.

In der Sommerfrische stoßen auch Literatur und Musik zusammen: „Ein alter, starker Herr, der behäbig den Abhang herunterkam und offenbar schon seit einer Weile berechnet hatte, wie unser Zusammenstoß am mildesten einzurichten wäre; ihn ganz zu verhüten, war bei der Anfangsgeschwindigkeit, mit der ich angesaust kam, und im Hinblick auf die langsame Breite meines Gegenübers physikalisch unmöglich. So kam es dazu, dass er mich plötzlich brummend von sich abhielt, er hatte Grund genug, mich zu verwünschen, und als ich, heftig erschrocken, zu ihm aufsah, hatte ich den Eindruck, dass er sehr böse sei. Sowie aber unsere Blicke sich eine Weile aushielten, löste dieser Unwille sich in ein sanftes Gebrummse, das schließlich in eine Warnung überging, vor einem dunkel zusammengezogenen Gewitter.“

Rainer Maria Rilke war es, den Johannes Brahms davor bewahrte, in einen Regenguss zu geraten. Für „Gebrummse“ war der Hamburger Meister berüchtigt. Längst „eingewienert“, ging er gern auf Sommerfrische, suchte aber auch die Herbheit. Aus Mürzzuschlag schrieb er: „Im Allgemeinen sind ja leider die Stücke von mir angenehmer als ich, und findet man weniger daran zu korrigieren?! Aber in hiesiger Gegend werden die Kirschen nicht süß und essbar – wenn Ihnen das Ding also nicht schmeckt, so genieren Sie sich nicht. Ich bin gar nicht begierig, eine schlechte Nr. 4 zu schreiben.“

Die Landschaft „wegkomponiert“. Schlecht ist die e-Moll-Symphonie nicht geworden, aber auch nicht „süß“. Lag's an der Landschaft? Gustav Mahler beschied seinem Adlatus Bruno Walter, als dieser ihn am Attersee besuchte: „Sie brauchen gar nicht hinzusehen, alles schon wegkomponiert.“

Zwar steht das Höllengebirge noch. Aber tatsächlich meint man, es im Goldenen Musikvereinssaal hören zu können, als hätten sich die kargen, jäh abfallenden Wände am Beginn der Dritten Symphonie Mahlers in Posaunenakkorde und Fagotttriller verwandelt.

Mahler war Sommerfrischekomponist, gezwungenermaßen. Der Wiener Operndirektor zog sich im Juli und August ins Komponierhäuschen zurück, am Attersee, am Wörthersee, später im südtirolischen Toblach.

Zwölf Töne mit Seeblick. Auch Alban Berg, der große Mahler-Verehrer, schrieb seine Partituren mit Blick in die Natur: Am Wörthersee findet man noch heute im Waldhaus den Schreibtisch, wie ihn der Meister während der Arbeit an „Lulu“ verlassen hat; inklusive Motormagazin: Auf den Spazierfahrten mit seinem Ford ist Berg bestimmt in Pörtschach vorbeigekommen, wo 1877 und 1878 Brahms Station gemacht hat.

Wenn Naturstimmungen auf die Kunst abfärben, dann kann man das in den Pörtschacher Werken hören: Brahms' Zweite und das Violinkonzert gehören zu seinen sonnigsten Kompositionen; freilich werden am Wörthersee die Kirschen meist süß . . .

Auf diese Früchte bezog sich übrigens auch Richard Strauss, der nur im Sommer komponierte, denn: „Kirschen blühen nicht im Winter.“ Die Opern und Tondichtungen – darunter die klanggewordene Bergwanderung „Alpensinfonie“, entstanden von Juni bis September, danach folgte die Handwerkerarbeit: das Ausschreiben der großen Partituren. Die Kirschen waren längst verspeist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2014)

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