Metal statt Weltmusik? „Szene wird der Szene fehlen“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Kultur. Die „Szene Wien“ wird von „Planet Music“ übernommen. Man fürchtet, dass die Weltmusik vom Planet Music-Schema verdrängt wird.

Wien. Eigentlich müsste in der Hauffgasse 26 Partystimmung herrschen. Immerhin wird der alternative Simmeringer Konzertclub „Szene Wien“ heuer 25 Jahre alt. Bloß: Es feiert sich schlecht, wenn gerade ein Großteil des Teams mit der Leiterin Gina Salis-Soglio das Haus auf eigenen Wunsch verlässt und Branchenkenner schon mal präventiv Abschied nehmen: „Die Szene“, sagt Herbert Molin, Geschäftsführer des Gürtelbogen-Lokals „rhiz“ und früherer Gastronomie-Pächter in der Hauffgasse, „wird der Szene fehlen.“

Konkret ab 30. Juni. Wie das Team nämlich im April erfuhr, wird die Szene, derzeit noch eine Betriebsstätte der Wiener Stadthalle-GmbH, mit Juli von Josef Sopper übernommen. Sopper leitet den Rockclub „Planet Music“, der im Herbst von der Adalbert-Stifter-Straße in die sehr viel größere Gasometer-Halle übersiedelt und mit dem Simmeringer Club nun ein zweites, mit 460 Stehplätzen bescheidener dimensioniertes Standbein erhält.

Die Szene, begründet das Ernst Hoffmann, der künstlerische Leiter der Stadthalle, habe „einfach nicht mehr ins Portfolio gepasst“. Er hofft, dass durch zusätzliche Rock-Konzerte (nämlich die, für die das Gasometer nun zu groß ist) die Auslastung auf achtzig Prozent gesteigert wird. Die Aufregung im angestammten Team, das sich auf Weltmusik und schrägen Avantgarde-Rock spezialisiert hat, versteht er nicht: „Die bisherige Schiene bleibt ja erhalten.“ Es tue ihm leid, dass Salis-Soglio, die „perfekt“ gearbeitet habe, gehe, aber: „Das ist wie in einem Haushalt mit verschiedenen Familienmitgliedern, es müssten sich nur alle vertragen.“

Gute Kontakte zum Rathaus

Dass diese das nicht wollen, hat jedoch mehrere Gründe. Der wichtigste: Man fürchtet, dass trotz gegenteiliger Versprechungen und trotz festgeschriebenen Kulturauftrages die Weltmusik vom Planet Music-Schema (Nostalgie-Rock, Metal, Band-Wettbewerbe) verdrängt wird.

Die beiden Richtungen, sagt Norbert Ehrlich, der von 1984 bis 2003 die Szene und jetzt das Salam Orient-Festival leitet, seien schlicht inkompatibel: „Das ist so, wie wenn man einem Würstelstandbetreiber anbietet, das Plachutta zu übernehmen. Beide arbeiten mit Fleisch, aber es ist etwas anderes.“ Angeblich wurden bereits einige Konzerte in der Szene von Agenturen abgesagt.

Denn, und das ist Grund Nummer zwei, der Gegensatz versteckt sich oft zwischen den Zeilen. So sind, wie man aus der Hauffgasse hört, erste Treffen zwischen den Teams „Planet“ und „Szene“ mehr als unerfreulich verlaufen. Tenor: Das prallen – auch menschlich – zwei unterschiedliche Welten aufeinander.

Sehr menschlich wäre, so lautet der Vorwurf, auch der Grund, warum ausgerechnet Sopper in einer „Nacht-und Nebel-Aktion“ (so Ehrlich) die Szene erhalten habe. Sopper gilt nämlich als sehr gut mit dem Rathaus vernetzt: Er leitet die Gewista-Tochter „Kultur-Plakat-GmbH“, umgekehrt scheint laut den Wiener Grünen SP-Landespartei-Sekretär Harry Kopietz als Ehrenpräsident des Planet Music auf.

Auffällig sei, sagt Molin, dass offensichtlich sonst keiner gewusst habe, dass die Stadthalle die Szene abgeben wolle: „Vielleicht hätten sich ja auch andere interessiert.“ Wie der Deal konkret zustande kam, wollen Stadthalle bzw. die Wien-Holding, zu der sie gehört, erst heute, Freitag, bei einer Pressekonferenz kommentieren. Bis dahin schweigt auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.

In der Hauffgasse 26 überlegt man inzwischen, eventuell doch noch ein Fest zu organisieren. Zum Abschied. Immerhin ist heuer Jubiläum.

RÜCKBLICK

Die Szene Wien, untergebracht in einem alten Kino, machte sich in den Achtzigern mit schrägem Rock einen Namen. Nach einer Krise in den Neunzigern – ausgelöst durch den DJ- und Elektro-Boom – spezialisierte man sich auf Weltmusik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2008)

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