Argentinien: Wehe, wenn die Steaks ausgehen...

(c) AP (Pablo Aneli)
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Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat von ihrem Vorgänger und Gatten eine überhitzte Wirtschaft samt massiver Inflation geerbt – und führt nun auch noch Krieg gegen die mächtigen Landwirte.

BUENOS AIRES/WIEN. Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner wird sich sicher noch gern an den Besuch erinnern, den ihr Bundeskanzler Alfred Gusenbauer heute, Freitag, in Buenos Aires abstattet: Gusenbauer ist nicht nur der erste europäische Regierungschef, der seit ihrem Amtsantritt im Dezember 2007 im Präsidentenpalast Casa Rosada vorbeikommt; die Präsidentin hat dieser Tage auch mit einem am Donnerstag wieder aufgenommenen Streik der Bauern alle Hände voll zu tun.

Da ist ein nettes Gespräch eine willkommene Atempause – noch dazu, wenn es von einem guten Amigo der Präsidentin vermittelt wurde: Ex-Bundeskanzler Viktor Klima, der als Chef von VW-Südamerika entgegen dem Trend kräftig in Argentinien investiert.

Regieren mit geschönten Zahlen

Cristina Fernández erbte von ihrem Vorgänger und Gatten Néstor Kirchner ein Riesenproblem: eine überhitzte Wirtschaft und damit eine kaum kontrollierbare Inflation. Wie hoch sie genau ist, weiß keiner, da schon ihr Gatte begann, beim Statistikamt geschönte Zahlen zu bestellen. Der Ökonom Ernesto Kritz meint, dass 2007 durch die Teuerung der Lebensmittel 1,3 Millionen der 38 Mio. Argentinier unter die Armutsgrenze rutschten; gesamt seien 30,3 Prozent der Argentinier arm, Tendenz steigend.

Gleichzeitig erzielen Agro-Großunternehmer und Kleinbauern wegen der weltweit hohen Soja- und Weizenpreise Rekordgewinne. In den Augen der links-peronistischen Kirchners sind die Landwirte reaktionäre Oligarchen, deren Gewinne umverteilt werden müssen. Als Fernández-Kirchner im März die Exportsteuer auf Soja auf 45 Prozent anhob, wurde es den Produzenten zu bunt: Sie lieferten drei Wochen lang kein Getreide und – für Argentinier noch schlimmer – keine Rinder mehr ab. Also stockte der Nachschub mit dem nationalen Grundnahrungsmittel Steak, die Preise stiegen noch schneller.

Um nicht als Sündenböcke dazustehen, setzten die Bauern den Streik aus. Wochenlange Verhandlungen sind aber gescheitert – vor allem an der Kompromisslosigkeit des Ex-Staatschefs; denn der wahre Herr in der Casa Rosada heißt weiter Néstor, nicht Cristina.

„Wir haben kein Klo!“

Dass sich Argentinien so schnell von der extremen Wirtschafts- und Finanzkrise von 2002 erholte, ist den Bauern zu verdanken: Sie sind das Rückgrat der Wirtschaft, aber weder in der Regierung noch im (ohnehin entmachteten) Parlament vertreten. Ihre Steuern sehen sie bei den Kirchners nicht in guten Händen: „Aus meinem 2000-Einwohner-Dorf bekommt die Regierung jedes Jahr Millionen Dollar. Trotzdem hat die Schule im Ort kein Klo!“, erregt sich ein Bauer aus der Provinz Santa Fé.

Nun ändern die Landwirte ihre Taktik: Sie wollen ihr Land weiter mit Essen versorgen, aber den Getreide- und Sojaexport stoppen: Wo kein Export, da keine Einnahmen für die Regierung. Die Fleischausfuhr verbat die Regierung sowieso, um Preis und Inflation tief zu halten. Soja brauchen die Argentinier nicht – wer will Tofu-Schnitzel? Wenn aber das „bife“, das Steak, ausgeht, müssen bei den Kirchners die Alarmglocken läuten.
Im Sucher: C. Fernández S. 39

HINTERGRUND

Argentiniens Präsident Néstor Kirchner (2003-07), ein Neo-Peronist mit schweizerisch-kroatischen Wurzeln, stellte seine Frau Cristina Fernández als Nachfolgerin auf, sie gewann die Wahl 2007. Kirchner war zuvor Gouverneur der Provinz Santa Cruz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2008)

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