Nach Argentinien stehen Brasilien, Chile und Peru auf dem Programm.
RIO DE JANEIRO. In seiner Jugend war Bundeskanzler Alfred Gusenbauer kurzzeitig Erntehelfer in Nicaragua – und als er 2004 als SP-Chef kurz vor der Vorarlberger Landtagswahl seinen Genossen im Ländle Mut zusprach, outete er sich nächtens in einer Bregenzer Bar als beseelter Sänger südamerikanischer Revolutionslieder.
Jetzt kann er als Kanzler auf große Tour durchs politisch „rosarote“ Südamerika fahren: Heute Freitag trifft er in Buenos Aires ein, Station eins einer Zehntagesreise, die ihn auch nach Brasilien, Chile und Peru führt. Ihn begleiten rund 30 Firmenchefs. Am Ende nimmt er am fünften Gipfel der EU, der Staaten Lateinamerikas und der Karibik („Eulac“) teil, zu der sechzig Staats- und Regierungschefs kommen und der unter dem Titel „Armut, Ungleichheit und Integration“ steht.
Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner dürfte Gusenbauer wohl nicht mit den schlechten Nachrichten behelligen, die aus dem Land zwischen den heißen Ebenen des Gran Chaco und dem subantarktischen Feuerland kommen: Hohe Inflation, Arbeitslosigkeit und Versorgungsengpässe, die in jüngster Vergangenheit zu Unruhen und Straßenblockaden geführt haben.
Anders Brasilien, wo Gusenbauer Sonntag bis Dienstag ist: Von dort kommen letztens meist gute Nachrichten. Die Entdeckung großer Öl-Lager vor der Küste, die positive Beurteilung der Kreditwürdigkeit durch Rating-Agenturen, die massenhaft Investitionen ins Land bringt, solide Wirtschaftsdaten und das ordentliche Budget, dazu die boomende Börse.
Boom in Brasilien
Brasiliens Arbeiter-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist populär wie nie zuvor; schon ruft man nach einer dritten Amtszeit, die aber die Verfassung verbietet. Das 189-Millionen-Einwohner-Land profitiert vom Rohstoffhunger Asiens, aber ein dunkler Fleck bleibt: Die Abholzung in Amazonien zugunsten von Sojafeldern und Viehweiden.
Dass der Biosprit-Ethanol auf Basis von Zucker anders als die Umwandlung von Mais keine großen ökologischen Probleme birgt, ist bekannt. Österreich profitiert am Boom durch Investitionen, etwa jener im Stahlsektor mit der Liaison des österreichischen Stahlkonzerns Böhler Uddeholm und dem Brasilianischen Stahl-Giganten Villares: Der Kanzler wird das Stahlwerk bei São Paolo besuchen.
Mit Chile, wo Gusenbauer am Mittwoch eintrifft, hat Österreich seit jeher gute Beziehungen – erst recht seit dem Ende der Ära Pinochet. Präsidentin Michelle Bachelet, eine Sozialistin, regiert ebenfalls mit einer Art Großer Koalition; dieses Bündnis ist aber akut vom Zerfall bedroht. Ökonomisch ist Chile Südamerikas Musterland: Kupfer ist immer noch im Export bedeutend, aber eindrucksvoller ist, wie Chile seine Export-Palette erweiterte und darin, etwa mit Holz- und Milchprodukten, Wein und Hi-Tech Österreich gleicht.
Macht Chávez Rabatz?
Ob sich die hehren Ziele des Eulac-Gipfels in Lima (Peru), nämlich über die Bekämpfung der Armut Einvernehmen herzustellen, erfüllen, darf bezweifelt werden; zu disparat sind die Teilnehmer. Und vermutlich will der großmäulige venezolanische Populist Hugo Chávez auf einem Gegen-Gipfel in Lima auch noch Rabatz machen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2008)