Bei Betrachtung eines Schädels

Könnte es tatsächlich sein, dass Schiller um eine Idee größer ist als Goethe?

Es muss eine stille Feier gewesen sein. Zum 203.Todestag Friedrich von Schillers legte am Freitag der Präsident der „Klassik Stiftung Weimar“ einen für derartige Anlässe typischen Kranz vor dem eichenen Sarg des Dichters nieder. Einem leeren allerdings, denn anschaulich gefüllt ist nur die benachbarte Truhe mit den Überresten Johann Wolfgang von Goethes. Seit unlängst Forensiker bis auf Weiteres endgültig wissenschaftlich bezeugten, dass die Gebeine in der herzoglichen Gruft nicht die des Autors der „Bürgschaft“ sein können, sondern von sechs verschiedenen Toten stammen, die nichts Schillerhaftes haben, wurde aufgeräumt.

Der Schiller-Schädel stamme nicht vom hünenhaften Fritz, meinen die DNA-Experten, sondern von einer buckligen kleinen Frau. Und die hat weder „Maria Stuart“ noch „Kabale und Liebe“ und wahrscheinlich nicht einmal „Die Räuber“ geschrieben. Der Dichter bleibt also entrückt.

Das ist eine erfreuliche Meldung! Schiller hat sich durchgesetzt. Die Nachwelt (wenn sie nicht gerade wieder einmal übertrieben nationalistisch war) erachtete den Titanen meist um eine Winzigkeit kleiner als seinen Busenfreund Goethe. Gegen den hat er zwar schon 21 Jahre nach seinem Ableben einen Punktesieg davongetragen, aber niemand bemerkte das. Jetzt ist es sozusagen amtlich durch die emsige Arbeit der Weimarer Forscher: Schiller hatte völlig recht in einer derart wesentlichen Sache, dass sein Ruhm in den kommenden 200 Jahren wachsen, während der von Goethe naturgemäß schwinden wird.

Dazu muss man etwas ausholen. Sie erinnern sich vielleicht aus der Schule, wie sich die beiden Klassiker näherkamen: Am 20.Juli1794 führten sie in Jena nach einer Sitzung der „Naturforschenden Gesellschaft“ ein Streitgespräch über die Urpflanze, eine Marotte von Goethe. Schiller meinte ganz im Geiste Kants, dass diese Pflanze nur eine Idee sein könne, keine Erfahrung. Goethe hielt heftig dagegen, solch strenge Philosophie war ihm viel zu wenig sinnlich. Aber man freundete sich trotzdem an.

Schiller wurde 1805 in einem Sammelgrab für höhere Stände beigesetzt. 1826 fand Weimars Bürgermeister, man müsse ihn umbetten, ging ins Beinhaus, suchte sich den schönsten von 23 Schädeln aus. Ganz der Papa, befand der befragte Sohn. Auch Goethe war angetan vom vermeintlichen Wiedersehen mit dem Freund und schrieb ein Gedicht, „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“, ehe der 1827 in die Gruft kam: Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.

Und nun zur Moral der Geschichte, in welcher der Idealismus siegt: Goethe glaubte tatsächlich, dass der Totenkopf, den er monatelang anschaulich vor sich hatte, authentisch sei. In Wahrheit aber dachte Goethe nur, dass dies der wahre Schiller-Kopf sei, er hatte nur eine Idee von ihm. Die darf bis auf Weiteres ewig währen.


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2008)

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