Die Inflation der Werte

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Soziale Werte. Demokratische Werte. Westliche Werte. Europa als Wertegemeinschaft. Familienwerte. Lebenswerte. Negative Werte. So viel Wert war noch nie. Über die Rhetorik der Werte – und was sie verdeckt.

Alle möglichen Interessen, Mächte und Kräfte, aber auch Vorlieben und Marotten melden ihre Ansprüche heute mit einem wertphilosophischen Visum an – die Rede von „Werten“ ist ubiquitär geworden. Was als Begriff einmal eine strikt ökonomische Kategorie war, findet nun als Phrase thematisch universelle Verwendung, in Moral und Ethik, in Politik und Kultur. Man versteht Europa als Wertegemeinschaft und spricht von westlichen Werten, von demokratischen Werten und von humanistischen Werten, von sozialen Werten und von Familienwerten, wie man schon von geistigen Werten und von Lebenswerten sprach, und man spricht vom Wertebewusstsein generell, dessen Herstellung vornehmste Aufgabe der Pädagogik sei. Der Mehrwert, einst prägnant definierter und durchaus denunziatorisch gemeinter Kernbegriff marxistischer Ökonomie, macht heute als Fangwort Karriere in der Reklame für alle Branchen. Der Wertewandel wiederum ist ein Dauerthema der Soziologie und die Nänie über den Werteverfall ein solches des gehobenen Feuilletons.

Diese Rhetorik der Werte, wie das Denken in Werten überhaupt, ist geistesgeschichtlich relativ neu. Natürlich haben Menschen, Individuen undKollektive, in ihren moralischen und ästhetischen Urteilen ebenso wie in ihrem praktischen Handeln, immer schon „gewertet“, sie haben bewertet, aufgewertet, abgewertet und verwertet, auch der „werturteilsfreie“ Wissenschaftler Max Weberschen Typs steht, wie Weber selber sagt, in einer „Wertebeziehung“ zum Objekt seiner Forschung, die es als problematisches Objekt überhaupt erst konstituiert. (Ohne einen solchen „Wertebezug“ wäre es gleichgültig, die Mühe einer Überlegung gar nicht erst „wert“.)

Aber weder hat die Pragmatik das Handeln immer schon reflexiv als Wertevollzug verstanden, noch wurde die moralische Welt als universales Wertegefüge konstruiert. Man sprach von Leidenschaften und Interessen, von Prinzipien, Idealen und Maximen, von Tugenden und Lasten, man formulierte sittliche Gebote, Normen und Gesetze, und man bemühte auch in der Ethik den Begriff der „Wahrheit“, sei diese offenbart oder spekulativ erschlossen: Der Dekalog ist keine Werteempfehlung, sondern eine Liste von Geboten, und auch der kategorische Imperativ Kants formuliert keinen „Wert“, zu dem man sich irgendwie verhalten kann, sondern eben dies: einen bedingungslosen Befehl. All das geht heute auf in einem Universum der „Werte“.

Diese Pleonexie der Werterhetorik, die das gesamte gesellschaftliche Sein umfasst und durchdringt, erscheint zunächst durchaus erfreulich. Denn einerseits mildert sie, so könnte man meinen, die oft düstere Strenge der klassischen Ethik, dieses schlechten Gewissens der Moral, wie man sie genannt hat, nimmt ihr die objektivistische Härte, atmet also gewissermaßen den Geist der Liberalität, den sie andererseits moralisch durchtränkt und bis in die feinsten Kapillaren des sozialen Verhaltens trägt. Zugleich haftet dem Begriff freilich etwas Ehrwürdig-Museales an – was einen Wert hat, lädt zu pietätvollem Umgang ein und ist reif für eine Sammlung. Max Weber, der großeAnalytiker der Werte, sagte einmal, dass man „den Ausdruck Wert wohl verschmähen würde“, sobald es ernst wird und es um das „Konkretissimum des Erlebens“ geht, und er exemplifizierte das an dem Fall, dass ein alter Ehemann zu seiner Frau sagt: „Anfänglich war unser Verhältnis nur eine Leidenschaft, jetzt ist es ein Wert.“

Als Genus proximum jeglicher spezifischer moralischer Gestimmtheit stellt die Rhetorik der Werte eine Atmosphäre edlen Wohlwollens her, wo von „Werten“ die Rede ist, die man „hochhalten“ will, dort ist man auf der Seite der Guten, dort hat man es mit anständigen Leuten zu tun; und da heute allerorten von ihnen die Rede ist, da nicht nur die Politik, sondern auch jede unternehmerische Investitionsentscheidung „wertebasiert“ sein soll, könnte man fast versucht sein, Nietzsches sarkastische Bemerkung in der „Genealogie der Moral“: „Der Mensch, es ist kein Zweifel, wird immer besser“, zu ihrem Nominalwert zu nehmen.

Wie voreilig und naiv das allerdings wäre,zeigt nicht nur die häufig phrasenhafte Verwendung des Wertbegriffes in öffentlich moralisierender Rede und politischer Propaganda, die von den verschiedensten weltanschaulichen Lagern geübt wird, sondern dies zeigt vor allem eine Rekonstruktion der geistesgeschichtlichen Ursprungsmotive der Wertphilosophie im strengen Sinn selber, deren Anfänge in der Mitte des 19. Jahrhunderts liegen. Das Denken in Werten, die Verwandlung der moralischen Welt in ein Wertgefüge, ist nämlich ein fast verzweifeltesKompensationsunternehmen in Reaktion auf eine metaphysische Verlusterfahrung. Es entsteht als Folge des Zusammenbruchs der Glaubwürdigkeit jeglicher Art von normativ verbindlicher Substanzmetaphysik in der Konsequenz von Religionskritik, positivistischer Naturwissenschaft, Historismus und kapitalistischer Industrialisierung, welchedie Natur und den gesamten, den Menschen umgebenden Kosmos normativ leer räumtenund alles Geschehen einer strikten Causa-efficiens-Logik unterwarfen.

Diese normative Entleerung der äußeren Wirklichkeit, welche jeder substanziellenSittlichkeit den metaphysischen Boden entzog, machte eine Neufundierung des Moralischen jenseits subjektiver Willkür erforderlich, und die Wertphilosophie ist genau dieser Versuch einer Rückgewinnung moralischer Sicherheit, welche die radikale Aufklärung in nichts, beziehungsweise in schiere Gewohnheit und Aberglauben, ausgelöst hatte: Die Wertphilosophie ist die Reaktion auf die Nihilismuskrise des 19. Jahrhunderts, deren Ausdruck sie zugleich ist.

Joachim Ritter bemerkte einmal, dass derWertbegriff in gleichem Maße aufkommt, in dem der traditionelle Naturbegriff durch die moderne Naturwissenschaft zerstört wird (zur gleichen Zeit verschwindet übrigens der Begriff der „Tugend“, beziehungsweise wird ernur mehr ironisch-abwertend gebraucht); die Werte werden an die leer gewordene Natur herangetragen und ihr auferlegt. Der Begriff des „Wertes“, der „Verkehrsform der Dinge“, wie Hermann Cohen ihn genannt hat, bot sich dafür an, weil die gleichzeitig mit dem metaphysischen Destruktionsprozess sich rasch ausbreitende Warenproduktion, mit der Verwandlung von Geld, Boden und Arbeitskraft in Bestandteile des fixen und variablen Kapitals, die Verwendung des ursprünglich in der politischen Ökonomie beheimateten Wertbegriffs über seinen angestammten Geltungsbereich der Tauschgerechtigkeit, der Justitia commutativa, hinaus auch im Bereich der Justitia distributiva, also der Verteilungsgerechtigkeit, wie immer kritisch oder affirmativ, plausibel machte. Mit der Wertphilosophie wird die moralische Welt eindimensional, es gibt höhere und niedere Werte, es gibt auch „negative“ Werte, „Unwerte“, auf welche die Werte je bezogen sind, aber nichts außerhalb der Skala der Werte – so macht der Wert die Dinge und die Ideen kommensurabel; und was einen Wert hat, hat letzten Endes auch einen Preis, das heißt: Man kann es kaufen. Wollte man ein Wort Max Webers verwenden, so könnte man sagen, die Wertphilosophie ist die mit betriebswirtschaftlicher Rationalität formulierte Antwort auf die betriebswirtschaftlich betriebene „Entzauberung der Welt“. (Das ist nicht Marxismus, sondern nur die schlichte Beschreibung eines Sachverhalts, aus dem der Marxismus Honig saugen konnte.)

Die Wertphilosophie ist also nicht etwas, was es in der einen oder anderen Form immer schon gab, nicht der alte moralische Wein in terminologisch neuen Schläuchen, sondern ganz im Gegenteil: Gegenüber der gesamten klassischen Philosophie bis herauf zum Deutschen Idealismus nach Kant, bei Fichte und Hegel, nimmt siesich fast aus wie ein geistiges Pronunziamento, wie eine putschistische Reaktion auf die Nihilismuskrise des 19. Jahrhunderts.(Der Vorwurf des Nihilismus wird ja erstmals Fichte gegenüber erhoben,und Hegels Kritik des Sollens war für jede abstrakte Moral vollends desaströs.)

Rudolf Hermann Lotze hat in seinem Werk „Mikrokosmos“ eine Wertphilosophie im strengen Sinn erstmals systematisch formuliert, indem er den Begriff der „Geltung“ einführte und das Sein der Dinge schroff vom Gelten der Werte unterschied. Aber erst durch die Schriften Friedrich Nietzsches, seine eindringliche Metaphysikkritik und Nihilismusdiagnose sowie vor allem seine vitalistische „Umwertung aller Werte“, findet das Wertedenken allgemeine Verbreitung.

Niemand hat diesen Umsturz in der geistigen Welt knapper und treffender beschrieben als Martin Heidegger in seinem Aufsatz: „Nietzsches Wort: Gott ist tot“: „Im 19. Jahrhundert wird die Rede von den Werten geläufig und das Denken in Werten üblich. Aber erst zufolge einer Verbreitung der Schriften Nietzsches ist die Rede von den Werten populär geworden. Man spricht von Lebenswerten, von den Kulturwerten, von Ewigkeitswerten, von der Rangordnung der Werte, von geistigen Werten, die man zum Beispiel in der Antike zu finden glaubte. Bei der gelehrten Beschäftigung mit der Philosophie und bei der Umbildung des Neukantianismus kommt man zur Wert-Philosophie. Man baut Systeme von Werten und verfolgt in der Ethik die Schichtungen von Werten. Sogar in der christlichen Theologie bestimmt man Gott, das summum ens qua summum bonum, als den höchsten Wert. Man hält die Wissenschaft für wertfrei und wirft die Wertungen auf die Seite der Weltanschauungen. Der Wert und das Werthafte wird zum positivistischen Ersatz für das Metaphysische.“

Das ist der entscheidende Satz: Der Wert wird zum positivistischen Ersatz für das Metaphysische. Er wird zum Ersatz, weil mit ihm die verloren gegangene moralische Dignität zurückgewonnen werden soll, und er wird zum positivistischen Ersatz, weil er nicht mit dem Sein der Dinge verflochten ist, weil er überhaupt nicht ist, sondern eben gilt: Dem Reich eines nur kausal bestimmten Seins der Dinge wird ein Reich idealen Geltens gegenübergestellt und auferlegt.

Bedeutende Philosophen wie Max Scheler und Nicolai Hartmann haben versucht, eine objektive, für alle Menschen und zu jeder Zeit verbindliche materiale Wertlehre geltend zu machen. Scheler spricht von einer „ewigen Rangordnung“ der Werte, die vom Nützlichen bis zum Heiligen gehen und „so objektiv und so einsichtig“ sein sollte wie die Wahrheiten der Mathematik. Es gibt, sagt Scheler, einen „ordre du cœur“, eine „logique du cœur“, welche der „sittliche Genius“ stückweise in der Geschichte aufdeckt und die nicht selbst, sondern deren Erfassen und Gewinnen nur historisch ist: „Die Moralen verhalten sich zu jener ewig gültigen Ethik wie etwa die Weltsysteme, zum Beispiel das ptolemäische und kopernikanische, zum idealen System, das die Astronomie anstrebt.“

So etwas wie einen „Wertewandel“ im eigentlichen Sinn kann es nach dieser Lehre gar nicht geben, die verschiedenen real existierenden Moralen sind nur durch Uneinsichtigkeit und Ressentiment mehr oder minder korrumpierte Abweichungen von dieser ewig gültigen Werteskala, deren ideale Geltung die Wesenschau des Philosophen erschließt und die er dem gemeinen Volk „offenbart“: „Der Begriff der ,Offenbarung‘ vertritt hier – ganz unabhängig von Sinn und Bedeutung, welche die positiven Religionen ihm geben – im System des Objektivismus nur dies, dass gegenständliche Wahrheiten und Werte von Wesen einer reicheren Erkenntnisanlage oder Fühlfähigkeit einer anderen Gruppe mitgeteilt werden können, für welche diese selbst kein Organ des ursprünglichen Erkennens besitzt. Dann muss die Letztere dies eben glauben, was jene ,schauen‘. In diesem formalen Sinne ist ,Offenbarung‘ ein Grundbegriff der Erkenntnislehre und ein Grundbegriff jeder echten menschlichen Kultur.“ – Genau aus diesem Grund, weil man die objektive Geltung der Werte „schauen“ oder „fühlen“ muss (sonst ist man „wertblind“ und muss sich vom „Seher“ belehren lassen), habe ich von einem geistigen Pronunziamento der Wertphilosophie gesprochen. Nach dem gleichen Muster, dem ebenso schlichten wie herrischen Appell an das „wertfühlende Subjekt“ konstruierte Nicolai Hartmann ein System des Zusammenhangs der realen Welt in Schichten, deren unterste das Anorganische, deren höchste das Geistige sein sollte.

Werte mögen also als noch so hoch und heilig gelten, als Werte gelten sie immer nur für etwas oder für jemanden, der sie „schaut“ oder „fühlt“ und auf dieser durchaus subjektiven Basis ihre objektive Geltung behauptet.Die Subjektivität der Wertungen ist damit natürlich nicht überwunden, objektive Werte sind nicht schon dadurch gewonnen, dass man die Subjekte verschleiert und die Wertträger verschweigt, deren Interessen die Standpunkte, Gesichtspunkte und Angriffspunkte des Wertens liefern.

Ohne die objektive Evidenz für Andersdenkende auch nur im Geringsten zu vermehren, hat die Behauptung des objektiven Charakters der gesetzten Werte nichts anderes getan als ein neues Moment der Selbstverpanzerung in den Kampf der Wertungen einzuführen, ein neues Vehikel der Rechthaberei, das den Kampf nur noch schürt und steigert. Was als Überwindung des sogenannten Wertnihilismus sich ausgibt, ist in Wahrheit seine Vollendung in einem objektivistisch maskierten Dezisionismus.

In seinem Aufsatz „Die Tyrannei der Werte“ hat Carl Schmitt diesen Sachverhalt prägnant formuliert: „Tugenden übt man aus; Normen wendet man an; Befehle werden vollzogen; aber die Werte werden gesetzt und durchgesetzt. Wer ihre Geltung behauptet, muss sie geltend machen. Wer sagt, dass sie gelten, ohne dass ein Mensch sie geltend macht, will betrügen.“ ■