Pierre-Laurent Aimard präsentierte in Wien seine Klaviersolo-Version von Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“.
„Also, Niveau hat das ja nicht sehr viel. Aber so ein Reißer!“ Friedrich Torberg überliefert Franz Molnars legendären Ausspruch, der das peinlich-ratlose Schweigen der illustren Hörergemeinde beendete, nachdem Hugo von Hofmannsthal sein kompliziertes Drama „Der Turm“ erstmals vorgelesen hatte. An diese erlösende Pointe darf sich erinnert fühlen, wer einer Gesamtaufführung von Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ gelauscht hat. Ein solches Unterfangen taugt für alles andere als für das zeitgemäß oberflächliche Berieselungs- und Unterhaltungsprogramm, erfordert als veritables Gegenteil eines „Reißers“ vom Interpreten wie vom Publikum höchste Anspannung.
Und doch ist es bemerkenswert, dass in der jüngeren Vergangenheit die vor allem im 20.Jahrhundert fantasievoll angereicherte Legendenbildung um dieses letzte, unvollendete Werk Bachs durch faustischen Tatendrang von Wissenschaftlern und Interpreten aufgesprengt wurde. Die zugespitzte Vergeistigungsthese, derzufolge der Komponist hier gar nicht Musik im klassischen Sinn schreiben wollte, also zum Musizieren und zum Hören bestimmt, dass es sich bei der „Kunst der Fuge“ vielmehr um Lesestoff für Eingeweihte handle, haben Arrangeure mittels unterschiedlichen Instrumentalversionen, vor allem aber Pianisten entkräftet. Sie bringen das Kunstwerk zum Klingen. Und sie relativieren mehr und mehr auch die von Johann Matheson bereits zwei Jahre nach Bachs Tod grundgelegte Vereinnahmungspolitik, die suggeriert, dass ja doch nur in deutschen Landen die kontrapunktische Fugenkunst recht beherrscht würde.
Pierre-Laurent Aimard hat die „Kunst der Fuge“ 2007 im Wiener Konzerthaus aufgenommen – und präsentierte seine Interpretation nun gleichzeitig mit der CD-Veröffentlichung leibhaftig im Mozartsaal. Die Gratwanderung zwischen karger Darstellung der unfassbar kunstfertig ineinander verschlungenen musikalischen Linien und lebendigem Musizieren gelingt dank sicheren Gefühls für Balance und für dramaturgischen Effekt, den Aimard mittels Neuordnung der einzelnen Abschnitte des Werks erzielt.
Als wär's das ideale Musiktheater
So folgt auf die von wachsender innerer Bewegung erfüllten ersten Fugensätze ein reizvolles Spiel rhythmisch belebter Kompositionen, rund um die beiden Versionen der dreistimmigen Spiegelfuge, wo Bachs technische Meisterschaft einen ultimativen Punkt erreicht: Zwei gleich spielfreudige, elegant bewegte Stücke sind einander mathematisch präzis konstruierte Spiegelbilder. Aimard entfaltet da Eloquenz und Gelöstheit, obgleich er niemals versucht, seinem klaren, sachlich zurückgenommenen Spiel Ausdruckswerte zu oktroyieren.
Die Kür glückt ihm nach der Pause, wo kein energisch rhythmisierter „französischer Stil“ und nicht der geringste Anflug von melodischer Italianità mehr helfen, die architektonische Strenge aufzulockern. Die chromatischen Verdichtungen in der unvollendeten Quadrupelfuge verdichten sich vielmehr zum atemberaubenden Formenspiel, dessen Intensität vor dem jähen Abbruch der Musik geradezu beklemmende Züge annimmt. Dem folgt in Aimards stringenter Dramaturgie die Besinnung auf vollkommene Radikalisierung des Kunsthandwerks – der Contrapunctus VIII tönt zuletzt wie eine tragisch-unausweichliche Conclusio nach dem Scheitern der äußersten Anspannung aller Kräfte.
So taugt ein Versuch, der „Kunst der Fuge“, diesem Rätselspiel höchster handwerklicher Kompositionskunst, beizukommen, wenn schon nicht zum „Reißer“, so doch für einen fesselnden Konzertabend.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2008)