Bereits in einem Drittel von Kalifornien herrscht extreme Dürre. Das Zusammenspiel von Klimawandel und Wasserverschwendung stellt das landwirtschaftliche Modell infrage und stürzt tausende Arme ins Elend.
An den letzten starken Regen kann sich Bob Stowell kaum erinnern. „Das muss vor fünf Jahren gewesen sein“, sagt der bullige Wassermanager der Gemeinde Lake of the Woods. Hier, in den kargen Bergen 130 Kilometer nördlich von Los Angeles, kann man beobachten, welches Schicksal weiten Teilen Kaliforniens blühen könnte. Denn nach einer seit drei Jahren dauernden Dürre sind die Wasserreserven der rund tausend Einwohner zählenden Gemeinde aufgebraucht. Seit vergangenem Sommer kommen täglich bis zu zehn Lastwagen aus dem nahem Ort Lebec an, um die drei Wasserspeicher zu füllen. Jede Ladung kostet 500 Dollar (370 Euro), doch diese Kosten sind unabwendbar: Lake of the Woods liegt in einer Region, in der die Wälder oft brennen.
Darum hat Stowell seinen Mitbürgern vor einem Jahr das Blumengießen untersagt. Die Not erfordert das Gebot: Vor drei Jahren noch konnte er aus den drei Tanks bis zu 1100 Liter pro Minute zapfen, dreimal mehr als heute. Stowell lässt neue Brunnen graben. Drei Löcher haben fast 100.000 Dollar gekostet, doch vergebens. Was, wenn er nichts findet? „Ich bin optimistisch. Da muss Wasser sein. Wir werden, wenn es sein muss, mehr als 300 Meter tief bohren. Wir müssen das jetzt durchleiden. Und wir beten für einen nassen Winter.“
„Wir sehen den Klimawandel.“
Beten allein wird nicht reichen. Denn die Trockenheit in Kalifornien ist so stark wie seit mindestens drei Jahrzehnten nicht. 33 Prozent der Fläche des bevölkerungsreichsten US-Gliedstaats sind laut aktueller Erhebung der Regierung von außerordentlicher Dürre erfasst. Das betrifft vor allem das Central Valley, das sich von Norden nach Süden durch den Staat zieht. Bis zur Hälfte allen Obstes und Gemüses, das in den USA konsumiert wird, stammt aus dieser Region. Forscher der University of California in Davis haben erhoben, dass die Dürre zu Einbußen von mindestens 1,7 Milliarden Dollar führt; Felder liegen brach, Obstbäume verdorren, das Pumpen von Grundwasser kostet zusätzliches Geld.
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens ändert sich auch in Kalifornien das Klima. „Wir sehen bereits die Folgen des Klimawandels. Das 20. Jahrhundert war in Kalifornien ausgesprochen feucht. Aber in den jüngsten Jahrzehnten ist es immer trockener geworden“, sagt die Geologin Lynn Ingram von der University of California in Berkeley. Seit 500 Jahren hat es laut ihrer Untersuchungen nur drei Jahre gegeben, die so trocken waren wie das heurige: „Wir müssen uns auf eine trockenere Zukunft vorbereiten.“
Zweitens ist das kalifornische Wasserwesen äußerst ineffizient reguliert. Bauern und Unternehmer bekommen ihr Wasser in vielen Bezirken nicht nach Bedarf, sondern nach Seniorität zugeteilt, erklärt Heather Cooley, Wasserexpertin am Pacific Institute in Oakland. Wer seine Wasserzuteilung nicht verbrauche, riskiere, im folgenden Jahr weniger zu bekommen. Also fluten die Bauern ihre Felder und Gärten. Dabei geht viel Wasser verloren.
Der Bäcker Claude Lagarde veranschaulicht, was das in der Praxis bedeutet. Vor 20 Jahren hat es den Franzosen nach Firebaugh verschlagen, eine staubige Kleinstadt 250 Kilometer südöstlich von San Francisco. „Ich bekomme 22.000 Liter für die Bäckerei zugeteilt – aber ich brauche nur die Hälfte“, sagt er. Sein Ansuchen, nur halb so viel zu zahlen, dafür aber auch nur halb so viel Wasser zu bekommen, verhallte. Also verschenkt er es an einen Basken, der in der Nähe Rinder und Schafe züchtet. „Wollen Sie Ihr Auto waschen?“, fragte er zum Abschied. „Ich hätte genug Wasser dafür.“
Dieses Zusammenspiel aus Klimawandel und Vergeudung hat dazu geführt, dass etwa 14.500 Menschen in der Landwirtschaft ihre Arbeit verloren haben. Das klingt nach nicht viel, in einem Bundesstaat mit mehr als 38Millionen Einwohnern. Doch diese Arbeitslosigkeit ist in den Kleinstädten rund um die Zentren Fresno und Bakersfield konzentriert. Dort, in Orten wie Huron, gut 200 Kilometer nördlich von Bob Stowells vertrocknender Gemeinde Lake of the Woods entfernt, arbeitet fast jeder in der Landwirtschaft. 95 Prozent aller verarbeiteten Paradeiser, die in den USA verbraucht werden, stammen von den gigantischen Feldern rund um diesen staubigen Flecken. So gut wie alle der rund 6000 Einwohner sind hispanischer Herkunft. Und drei von vier Menschen haben keine Arbeit.
„Manchmal weinen wir nur.“
Rafaela zum Beispiel. Die zarte, kleine Witwe ist Anfang der 1980er-Jahre aus dem mexikanischen Chihuahua hergezogen. Von Montag bis Samstag schuftete sie in den Paradeiserfeldern, an den Wochenenden kochte sie in einem Gasthaus. „Damals konnte ich Geld an meine Eltern daheim schicken“, sagt sie im Büro des Westside Family Preservation Center. Heute lebt sie von der Hand in den Mund: Ohne die Lebensmittel, die sie hier einmal pro Woche bekommt, würde sie hungern. „Ich danke Gott, dass wir Zwiebeln und Bohnen bekommen. Aber so wollen wir nicht leben“, sagt Rafaela. Manche sind noch ärger dran: „Meine Nachbarin hat fast nichts mehr. Manchmal sitzen wir beisammen und weinen. Das ist alles, was wir tun können.“
„Es gibt viel Not hier“, sagt Aurora Ramirez. Die 26-Jährige arbeitet im Westside Family Preservation Center, hilft armen Menschen wie Rafaela bei der Beschaffung von Essen und Medikamenten, macht mit Zuwandererkindern Schulaufgaben. Die einst so zahlreichen Stellen sind rar geworden. 1965, als Carlos aus dem mexikanischen Tamaulipas kam, gab es alles: „Wasser, Arbeit, gute Bezahlung. Alles war grün. Sie brauchten immer Arbeiter.“ Doch seit es weniger regnet und die Schneedecken auf den Gipfeln der Sierra Nevada kleiner werden, gehen die Dinge für die Menschen in Huron bergab. „Ich habe keine Hoffnung“, sagt der 77-Jährige vier Jahre nach seiner Pensionierung. Er lebt von 787 Dollar Rente pro Monat.
Für Mike Wade ist klar, wer Schuld hat: die Umweltschützer. „Die Regierung verknappt das Wasser, das wir bekommen, um den Pegel in den Flüssen zu erhöhen, wo naturgeschützte Fische sind“, sagt der Sprecher der Farm Water Coalition. Entlang aller Autobahnen im Central Valley kann man die Schilder dieser Bauernorganisation sehen, die den US-Kongress und die kalifornischen Landespolitiker anklagt. Seit 2008 wird ein Teil des Wassers gezielt in jene Flüsse geleitet, in denen Junglachse und der Delta Smelt, ein glasig schimmernder kleiner Fisch, leben. Denn wenn die Pegelstände dort zu stark fallen, wird das Wasser zu warm, die Fische sterben, das Ökosystem kippt – und damit auch die Berufsfischerei vor der Küste Kaliforniens.
„Kein Bauer will, dass die Fischer geschädigt werden“, sagt Wade. „Aber mit diesen Fischen haben wir einen neuen Wasserverbraucher, den es nicht gegeben hat, als unsere Wassersysteme in den 1940er-Jahren gebaut wurden.“ Heather Cooley vom Pacific Institute lässt das so nicht gelten: „Streng genommen waren die Fische vor uns da.“ Der Delta Smelt sei eine wichtige Fischart, die den Zustand des Ökosystems anzeige. Zudem gehe der inszenierte Streit von Bauern gegen Umweltschützer an der Sache vorbei: „Wir haben hier eine lange Tradition des Kampfs um das Wasser. Aber wir haben genug in Kalifornien. Und wenn wir es nachhaltig nutzen, reicht es für alle.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2014)