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Sarajewo: Ein Attentat, das bis heute entzweit

Republika Srpska's President Dodik talks during the opening of Andricgrad village in Visegrad
Republika Srpska's President Dodik talks during the opening of Andricgrad village in VisegradREUTERS
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Während man in Sarajewo der tödlichen Schüsse und ihrer katastrophalen Folgen gedachte, wurde in Višegrad in der Republika Srpska das "Heldentum" Gavrilo Princips und seiner Mitverschwörer gefeiert.

Die Szene ist symptomatisch: An der Stelle bei der Lateinerbrücke, von der aus vor exakt 100 Jahren der bosnische Serbe Gavrilo Princip Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie ermordete, liegen am Samstag um 10.45, dem Zeitpunkt der tödlichen Schüsse, zwei Blumengebinde. Auf einem dem Thronfolgerpaar gewidmeten Kranz steht „In ewiger Erinnerung – Viribus Unitis“. Aber immer wieder weht eine leichte Brise die Schleife des direkt daneben postierten Gestecks darüber. Und auf dieser Schleife ist auf Kyrillisch zu lesen „Die stolzen Nachkommen“. Stolz auf Princip. Ein Aufkleber ist auch angebracht: „Schwarze Hand – Mlada Bosna“. Dass man die beiden Gruppen historisch nicht in eins setzen darf, und dass das Kyrillische die in Mlada Bosna eben auch vertretenen Muslimen und Kroaten von vornherein negiert, sind dabei Feinheiten. Es geht um das Symbol.

Auch 100 Jahre nach dem Attentat ist weder in Bosnien und Herzegowina noch in der Region ein gemeinsames Gedenken möglich. Genau genommen wurde am Samstag zweier unterschiedlicher Ereignisse gedacht: In Sarajevo der Ermordung von Franz Ferdinand und Sophie, die einen Monat später zur Kriegserklärung Wiens an Belgrad und damit zum Beginn des Ersten Weltkriegs führte. Höhepunkt war ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst in der Viječnica, dem alten Rathaus, das seit Ende der 1940er-Jahre als Nationalbibliothek diente und 1992 im Bosnien-Krieg von serbischer Artillerie in Brand geschossen wurde.

Umstrittenes Kaiserquartett

Im Vorfeld hatte es eine Debatte darüber gegeben, dass ausgerechnet der 2. Satz von Haydns Kaiserquartett (dessen Keimzelle die Kaiserhymne ist und damit die heutige deutsche), aufs Programm gesetzt wurde, was manche Kritiker als Statement der einstigen Okkupationsmacht interpretierten. Die behutsame Interpretation der Streichersolisten verhinderte freilich, dass das Stück in dieser Weise aufgefasst werden konnte.

Als Ehrengast war Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer gekommen. "Für mich geht von diesem Konzert eine Friedensbotschaft aus", sagte er, nachdem als letztes Stück auch die Europahymne verklungen war, vor Journalisten:"Es ist stimmt ja nicht, dass wir aus der Geschichte nichts gelernt hätten. Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg das vereinte Europa aufgebaut". Die Politiker von Bosnien und Herzegovina rief er in diesem Sinne dazu auf, "das Trennende zurückzustellen", damit auch dieses Land einmal ein vollwertiges Mitglied der EU werden könne."

Attentat und Prozess nachgestellt

Rund 120 Kilometer weiter östlich, in Višegrad, heute im serbischen Landesteil Republika Srpska gelegen und bekannt durch Ivo Andrićs „Brücke über die Drina“, wurden die zwei „Schüsse für die Freiheit“ und das „Heldentum“ Gavrilo Princips gefeiert; wurde ihm und seinen Mitattentätern ein Mosaik gewidmet, wurden die tödlichen Schüsse und der Prozess gegen die Verschwörer in einer Art Theaterstück unter der Ägide von Regisseur Emir Kusturica nachgestellt, der für die Konzeption des ganzen Stadtteils Andrićgrad verantwortlich zeichnet.

Auch in Višegrad haben sich hohe Gäste angesagt: Serbiens Präsident Tomislav Nikolić (der dann eine Reise ins Kosovo vorzog) und Premier Aleksandar Vučić. Dass sie nicht nach Sarajewo kamen, begründeten sie mit der Tafel an der mit österreichischen Mitteln wiederaufgebauten Viječnica: Er könne nicht neben einer Gedenktafel stehen, auf der von der „serbisch-faschistischen Aggression“ die Rede sei, begründete Vučić sein Fernbleiben. Ähnlich meinte Nikolić, er könne nicht dort sein, wo „unser Volk“ für schuldig erklärt wird. Nun ist auf der Tafel keineswegs von „faschistisch“ die Rede, sondern von „serbischen Verbrechern“, die die Bibliothek in Brand gesteckt hätten, und es wird auch kein ganzes Volk an den Pranger gestellt, aber das sind auch wieder Feinheiten, auf die es den politischen Protagonisten nicht ankommt.

Ein Grund zur Absage war gefunden. Wobei Serbiens Verteidigungsminister Bratislav Gašić am Freitag in Wien laut APA eine neue Version präsentierte, wonach Vučić nicht nach Sarajewo eingeladen worden sei. Dem widersprach wiederum der hiesige Bürgermeister Ivo Komšić, der in einer Pressekonferenz zum Philharmoniker-Konzert meinte, alle seien eingeladen worden: „Diejenigen, die das ablehnten, haben damit nicht ihre Einstellung zur Vergangenheit ausgedrückt, sondern zur Zukunft.“

Am Ort des Attentats wird derweil ein schlechtes Schauspiel gegeben: Inmitten von rund 200 Schaulustigen posiert ein Paar, das mit viel gutem Willen als Franz Ferdinand und Sophie erkennbar ist, in einem offenen Wagen, der an das Fahrzeug des Thronfolgerpaares erinnern soll. Der Attentäter fehlt, immerhin. Ein anwesender Oberst des österreichischen Bundesheers kann sein Missfallen über den Mummenschanz nicht verhehlen.

"Zukünftige Mitbürger"

Kurz vor Mittag dann der nächste Kranz, diesmal von den österreichischen Monarchisten. Alexander Šimec, ihr Obmann, spricht zu den „lieben ehemaligen und hoffentlich zukünftigen Mitbürgern“. Er tut es auf, wie er sagt, „Serbokroatisch“, wobei hier vielleicht „Bosnisch“ die logischere Wahl gewesen wäre. Den „Schüssen für die Freiheit“ der serbischen Lesart setzt er das „Attentat auch auf ein freies und geeintes Bosnien“ entgegen, dessen bester Garant nun einmal das alte Österreich gewesen sei: „Nieder mit dem Nationalismus, es leben die Brüderlichkeit und Einheit der bosnischen Völker“, schließt er, mit „bratsto i jedinstvo“ ausgerechnet den wichtigsten Slogan des Tito-Kommunismus verwendend.

Von dieser Einheit ist 2014 freilich nichts zu spüren. Die bosnisch-herzegowinische Post hat es nicht einmal geschafft, eine Gedenkmarke zum 100. Jahrestag herauszubringen. Der serbische Vertreter im zuständigen Gremium habe seine Zustimmung versagt, wie die Zeitung „Oslobodjenje“ berichtete. Angeblich, weil der muslimische Vertreter zuvor einer Briefmarke zur Eröffnung von Andrićgrad eine Absage erteilt hatte. Sage noch einer, schloss die Zeitung sarkastisch, eine Briefmarke sei zu klein, um eine Bürde für die Politik sein zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2014)