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Landflucht und Alterung: "Rückbau unumgänglich"

Verfallenes Haus
Verfallenes Haus(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)
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Raumordnungsexperte Heinz Faßmann fordert, das Schrumpfenvon ländlichen Regionen nicht zu bekämpfen.

Zwar kein unmoralisches, aber ein kurioses Angebot war es allemal. Weil die 1700-Einwohner-Gemeinde Rappottenstein im niederösterreichischen Bezirk Zwettl neun Baugründe in einem Siedlungsgebiet am Waldrand nicht loswurde, beschlossen die Kommunalvertreter 2009, die 800 bis 900 Quadratmeter großen Parzellen im Wert von rund 12.000 Euro zu verschenken. Mit der Auflage, dass ansuchende Paare innerhalb von zehn Jahren heiraten und Nachwuchs zeugen. Zudem muss der Bau des Hauses binnen fünf Jahren nach Abschluss des Vertrags abgeschlossen sein.

Von den anfangs Dutzenden Interessenten aus aller Welt nahmen bis heute nur zwei Paare das Angebot in Anspruch – mittlerweile erfüllten auch beide die Bedingungen. „Es war eine Maßnahme aus der Not heraus. Die Grundstücke wollte niemand kaufen“, bekennt Amtsleiterin Karin Fichtinger. „Uns ist natürlich klar, dass dieses Beispiel nicht Schule machen wird. Das hat man auch am mangelnden Interesse an den Gründen gesehen.“


Außer Spesen nichts gewesen.
Auch für Heinz Faßmann, Professor für Raumordnung an der Universität Wien, sind Strategien wie diese nicht geeignet, um die Abwanderung aus ländlichen Gebieten zu verhindern. Es handle sich dabei nur um eine Symptomtherapie. „Die wirkliche Therapie wäre, sozioökonomische Voraussetzungen, also Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Faßmann. „Aber das übersteigt die Kompetenz und die Möglichkeiten der Bürgermeister. Daher verzögern sie die Binnenwanderung lediglich, um irgendwann zur Erkenntnis zu gelangen: Außer Spesen nichts gewesen.“

Er plädiert für eine „neue Form von Realismus“ und den „Abschied von einer Wachstumsfantasie“. Regionen, die weit entfernt von Metropolen liegen, würden zwangsläufig schrumpfen. Diese Entwicklung zu negieren sei eine Illusion. „Die Herausforderung liegt nun darin, diesen Prozess sozialverträglich zu gestalten. Beispielsweise durch die Verbesserung der Erreichbarkeit, weil sie die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in den wachsenden Stadtregionen ermöglicht“, so Faßmann. „Die Erreichbarkeit betrifft nicht nur den öffentlichen, sondern auch den motorisierten Individualverkehr. Die Höhe der Benzinpreise ist damit nicht nur eine Frage der Umwelt-, sondern auch der Regionalpolitik.“

So habe etwa das südliche Burgenland durch den Bau der Südautobahn und Tourismusprojekte eine enorme Aufwertung erlebt. Faßmann: „Aber auch dabei gilt: Wenn der Tourismus weiterhin gefördert werden soll, muss man dafür sorgen, dass Touristen ihre Ziele schnell und bequem erreichen.“ In Gebieten wiederum, in denen der Ausbau des Verkehrs nicht oder kaum möglich ist, müsse die soziale Infrastruktur auch ohne Mindestauslastung aufrechterhalten werden. „Ein Kindergarten zum Beispiel sollte nicht geschlossen werden, wenn er statt von 20Kindern nur noch von zehn besucht wird“, betont Faßmann. „Die öffentliche Hand ist hier gefordert. Rückbau ist unumgänglich – auch wenn er nicht zum Selbstverständnis eines starken und veränderungswilligen Politikers gehört. Zudem erfordert er Zeit und Geld. Schließlich kann man das Licht – aus Gründen der Fairness – nicht von heute auf morgen abdrehen.“

Insgesamt hält der Trend zum Zuzug in die Stadt- und der Wegzug aus ländlichen Regionen weiter an. Die Bevölkerung in den Landeshauptstädten wuchs zwischen 2003 und 2013 um 7,4 Prozent, der Österreich-Durchschnitt lag bei nur plus 4,3 Prozent. Vor allem Jüngere (bis etwa zum 40. Lebensjahr) ziehen in die Stadtregionen – zumeist wegen der besseren Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Ab 60 Jahren hingegen geht es retour – die Sehnsucht nach den Wurzeln kehrt die Binnenmigration um.

Das stärkste Wachstum verzeichneten Eisenstadt (14,1 Prozent), Graz (12,9 Prozent) und Wien (9,3 Prozent). Innerhalb der Europäischen Union gehört Wien mit 1,74 Millionen Einwohnern somit zu den am stärksten wachsenden Städten – hinter Brüssel, Stockholm und Madrid. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, könnte Wien bis 2033 mehr als zwei Millionen Einwohner haben. Von den Umlandgemeinden nahm die Bevölkerung von Gänserndorf bei Wien um 30,1Prozent zu, die von Kalsdorf bei Graz um 20,4 Prozent, die von Leonding bei Linz um 16,1 Prozent. Gemeinden in ländlichen Gebieten hingegen verzeichneten eine Verringerung der Einwohnerzahl, wie etwa Eisenerz (minus 24,2 Prozent), Bad Radkersburg (minus 13,9 Prozent) oder Mariazell (minus 11,7 Prozent).

DiePresse

Eine besonders starke Zuwanderung aus Randgebieten verzeichnen die Kernzonen der Stadtregionen bei den 18- bis 25-Jährigen. Konrad Pesendorfer, Generaldirektor der Statistik Austria, spricht von einer „Bildungsmigration“ – von einem Zuzug zwecks höherer Ausbildung. Dass auch immer mehr Frauen (bis 40 Jahre) in die Städte ziehen, führt er auf die Steigerung ihrer Erwerbstätigenquote von 59,9 Prozent im Jahr 2001 auf 66,5 Prozent 2011 zurück.

Als größte Herausforderung für die Städte bezeichnet Thomas Weninger, Generalsekretär des Städtebundes, die Finanzierung und Mobilität über die Stadtgrenzen hinaus. Um hohe Lebensqualität zu gewährleisten, müssten Städte „smart“ – also nachhaltig, effizient, umweltschonend – sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2014)