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Printstorys, digital erzählt

Am 3. und 4. Juli findet in Wien der Werbeplanung.at-Summit statt. "Spiegel"-Designer Jens Kuppi hat Spannendes zum Thema Digital Storytelling im Gepäck. Ein Vorgespräch.

Langsam zieht die Landschaft über den Bildschirm. Wer mit der Computermaus weiterscrollt, sieht einen Weidezaun. Den weiten Himmel. Bäume. Alles in Schwarz-Weiß. Dann Häuser und zwei Männer in Uniform: „Eine ganz verfluchte Aufgabe, die man mir da gestellt hat“, sagt der eine. Es ist ein Zitat aus dem späteren Gerichtsprozess. „Hilft nichts. Es muss sein“, sagt der Mann mit der Nickelbrille. So beginnt die Graphic Novel, die Jens Kuppi im April für die Onlineausgabe des „Spiegel“ gestaltet hat. Die Story für die Printausgabe des Magazins hat Cordt Schnibben geschrieben. Der Mann mit der Nickelbrille ist sein Vater. Er war ein fanatischer Nazi, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit anderen einen widerständischen Bauern tötete. Schibbens Abrechnung mit der Familiengeschichte war die Keimzelle für jene Story, mit der Kuppi dem „Spiegel“ zu einem neuen Klickrekord verhalf: „Mein Vater – ein Werwolf“.

Kuppi ist beim „Spiegel“ für Digital Storytelling zuständig. Er hat Schibbens Text für alle weiteren Verbreitungswege adaptiert. Zuerst für das iPad. Das war noch keine große Sache: „Wir haben den klassischen ,Spiegel‘-Text genommen und ihn mit den vorhandenen Filmelementen aufbereitet“, erzählt er der „Presse am Sonntag“. Der Redakteur hatte auf seine Recherchefahrten einen Kollegen von „Spiegel-TV“ mitgenommen. Die Videos hat Kuppi auch in die multimediale Onlinestory eingearbeitet. „Die Version für die Webseite war die anspruchsvollste. Wir bedienen da ganz unterschiedliches Leserverhalten.“ Recherche- und Lesematerial für die einen, Filmsequenzen für die anderen und die eindringliche Illustration. Sie entstand „aus der Not“, weil es keinerlei Fotos gibt. Dabei ist die Graphic Novel so dynamisiert, dass man fast meint, einen Comicfilm zu sehen.

Chatten statt blättern.
Doch das Nutzungsverhalten dreht sich weiter, weiß Kuppi: „Der Lesermarkt ist im Umbruch: Wenn ich heute in eine Arztpraxis gehe, dann greift keiner mehr zu den Zeitschriften und Magazinen – egal, wie schön sie gemacht sind. Jeder schaut auf dem Smartphone Newsseiten an oder chattet mit Freunden.“ Für diese Klientel hat der „Spiegel“ eine dritte, mobile Werwolf-Version gestaltet, „eine gekürzte Fassung, die in dreißig Sätzen die ganze Geschichte erzählt.“ Schnell muss es gehen. Und lautlos: „Wir haben keine Filme eingebaut. Man will ja, dass das Smartphone in der U-Bahn ruhig bleibt und nicht plötzlich ein Video anspringt.“

Ob Handy oder Computer – überall ist Konkurrent Google nicht weit. Kuppi wird beim Werbeplanung.at-Summit (3. und 4. Juli in der Hofburg) in einem Panel über das Thema „Was Medien besser als Google machen“ diskutieren. Und das wäre? „Editieren und emotionalisieren.“ Und irgendwann, da ist er sich sicher, werden die User für ein Leseerlebnis wie „Mein Vater – ein Werwolf“ auch online zahlen. „Wir arbeiten daran. Aber erst müssen wir die Bereitschaft schaffen, zu zahlen. Der Leser ist noch nicht vorbereitet.“


diepresse.com/werwolf

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2014)