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Falken und Fatalisten: Wie sie Europa in den Abgrund führten

ATTENTAT VON SARAJEWO: GEMAELDE FRANZ FERDINAND
ATTENTAT VON SARAJEWO: GEMAELDE FRANZ FERDINANDAPA
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Julikrise 1914. Nach dem Attentat der serbischen Ultranationalisten in Sarajewo steuerten Wien und Berlin auf eine militärische Lösung zu. Und zwar keineswegs "schlafwandlerisch".

Alle schwärmten von diesem Juli 1914, ein stabiles Hoch über ganz Europa sorgte für einen Jahrhundertsommer. Wie ein beflissener Bühnenarbeiter lieferte die einschläfernde, tropische Hitze den politischen Akteuren die ideale Kulisse für ihr Spiel. Die Monarchen verbrachten die Sommerfrische in ihren Refugien, Generalstabschefs kurierten ihre Rückenleiden in noblen Bädern, die österreichischen Reservisten hatten Ernteurlaub und arbeiteten auf ihren Bauernhöfen. Europa schien den Mord am österreichischen Erzherzog nach zwei Wochen fast schon vergessen zu haben. Was in den Regierungsbüros in Wien besprochen wurde, sollte streng geheim bleiben, diplomatische Einmischung, Mediation im Balkankonflikt, war nicht erwünscht. So verging ein Tag nach dem anderen im Juli 1914, an der Oberfläche ruhige Tage, die Ruhe vor dem Sturm.

Am 27. Juli schien die Sonne immer noch, als sich Franz Joseph in seiner Salzkammergut-Villa an den Schreibtisch setzte und die Proklamation mit dem Titel „An Meine Völker“ mit seiner Unterschrift versah.
29 Tage waren seit dem Attentat auf Franz Ferdinand verstrichen. Wie Falken, Hasardeure und Fatalisten Europa in diesem schicksalhaften Zeitraum in den Abgrund des Ersten Weltkriegs führten.

Genugtuung für den Königsmord – die Folgen des Attentats


Das Attentat von Sarajewo machte den Krieg nicht unabwendbar. Es war dilettantisch geplant und ausgeführt und erreichte sein Ziel überhaupt nur durch eine Reihe von Zufällen. Und was wäre gewesen, wenn die Zyankalipräparate, die die jugendlichen Amateurterroristen bei sich trugen, auch wirklich die geplante Wirkung gehabt hätten? Sie hätten sich Siechtum und langsames Krepieren in feuchten Kerkerzellen erspart. Die Zeitgenossen hätten die Chance gehabt, die Tat dem pathologisch-selbstmörderischen Irrsinn unreifer bosnischer Hitzköpfe zuzuschreiben, die zu viele Bücher über russische Anarchisten gelesen haben. Die Österreicher hätten ordentlich aufgeräumt bei dem zwielichtigen „Serbenpack“ in ihrer bosnischen Provinz und ansonsten hätte Europa so reagiert wie auf alle Attentate bis dahin: Man geht nach wenigen Tagen Betroffenheit zur Tagesordnung über, gegen individuellen Terror ist man machtlos. Hinter der Hand redet dann jeder darüber, dass Österreich-Ungarn seine Balkanprobleme nie und nimmer in den Griff bekommen werde und man nur auf den langsamen Zerfall des brüchig gewordenen Vielvölkerstaats warten müsse.

Das „ewige Geplänkel“. Man verzeihe den kontrafaktischen Beginn, aber genauso sah es am Tag danach aus. Man sprach etwa in London von einer „schrecklichen Tragödie“ und ordnete Staatstrauer an, bewährte Rituale, um nach schlimmen Ereignissen wieder in die geordneten Bahnen des Alltags zurückzugelangen. Kaiser Franz Joseph war nach einer Kette von Tragödien in seiner Familie ohnehin nicht mehr zu erschüttern und reagierte mit der gewohnt gramvollen Routine. Den Wienern hing das serbische Problem, das „ewige Geplänkel“ (Stefan Zweig), schon zum Hals heraus, am Abend des 28. Juni hörte die Heurigenmusik nicht auf zu spielen. Der Thronfolger war nicht beliebt am Hof und nicht beim Volk. Fällt ein Kronprinz, kommt ein anderer nach, die habsburgische Familie war groß genug. Und dass General Franz Conrad von Hötzendorf den Mord als Anschlag gegen die Monarchie sehen würde, dem ein „sofortiger Schritt“ folgen müsse, war zu erwarten, das sagte er wie ein Mantra schon seit vielen Jahren.

Währenddessen begannen die Attentäter, die eben noch mithilfe von Zyankali ewiges Schweigen üben wollten, offen über ihre serbischen Kontaktpersonen zu plaudern. Als dann auch der Name des mächtigen serbischen Geheimdienstchefs fiel, wurde den österreichischen Behörden klar: Was da so zufällig und dilettantisch ausschaute, ist ein weitverzweigtes Komplott mit vielen gut getarnten konspirativen Personen. Da kann Gavrilo Princip jetzt noch so oft behaupten: „Meine Aktion war individueller Natur“, das nimmt ihm jetzt keiner mehr ab. Hinter dem individuellen Terror müsse wohl staatlicher Terror stecken. Damit war auch den anderen Regierungen klar, dass Österreich-Ungarn Anlass zu einer noch nicht näher definierten Genugtuung für den Königsmord hatte.

"Lieber rasch zugrunde gehen" – Prestige und Eskalation


Die Reaktionen in Europa wiesen zunächst nicht auf eine besonders zugespitzte Lage hin, von der man jederzeit einen europäischen Krieg zu erwarten hatte. Im Gegenteil: Oberflächlich herrschte drei Wochen lang Ruhe. Doch was sich hinter der Kulisse der Normalität verbarg, entzog sich bald dem gewohnten Schema von Konfliktbereinigung. An und für sich wäre genug Zeit gewesen, um das schon mehrfach erprobte internationale Spiel der Deeskalation zu eröffnen: Geht irgendwo eine Sprengladung hoch, werden nach dem unmittelbaren Schock die erhitzten Gemüter abgekühlt, mit gutem Zureden die Säbelrassler verwarnt, an einer Vertragslösung gearbeitet, die den Verzichtenden nicht demütigt und den Gewinner nicht zu sehr triumphieren lässt – Diplomatenhandwerk eben. Vorübergehend müssen unzurechnungsfähige Kriegstreiber an die Kandare gelegt werden – Deutschlands Kaiser musste sich nur an die alte preußische Tradition erinnern, sich wegen Balkanquerelen nicht auf einen Streit mit Russland einzulassen, sollten die Beziehungen zum Verbündeten Österreich auch deswegen abkühlen;  der Zar musste die panslawistisch grundierte brandheiß gewordene russisch-serbische Klammer, die nicht einmal auf ein ordentliches Vertragsverhältnis zurückging, lockern. Stattdessen gelang es der durch die Bluttat herausgeforderten Doppelmonarchie, ihren rasch gefassten Beschluss durchzuziehen: mit Krieg das serbische Problem lösen, den Panslawismus tödlich treffen, Prestige gewinnen.

Die österreichische Regierung lieferte sich nun der fatalen Kombination aus, eine lang ersehnte Gelegenheit ergreifen zu können und zugleich unter Zugzwang zu stehen. Der Großmachtstatus des Landes war bereits die längste Zeit bedroht, sprach man früher in Europa vom „kranken Mann“ am Bosporus, schienen nach dem Niedergang des Osmanenreichs die Aasgeier über der Doppelmonarchie zu kreisen. „Wir wollen und dürfen kein kranker Mann sein, lieber rasch zugrunde gehen“ (Graf Alexander von Hoyos, Kabinettschef im Außenministerium), forsche Zurufe aus Berlin, dass Österreich-Ungarn verloren sei, wenn es diesen Moment nicht nütze, taten ein Übriges.

Die Stunde der „Falken“. Diese besorgniserregende Vermischung des Attentats mit dem Prestige einer schwächelnden europäischen Großmacht stärkte die „Falken“ im österreichischen Lager, die meinten: Allein der Mut zum Krieg auf dem Balkan, vor dem alle Übrigen zurückschreckten, würde die Monarchie für Jahrzehnte sichern. Und „wenn der Weltkrieg daraus entsteht, so kann uns das gleich bleiben“ (Hoyos) – man rechnete in Wien bereits von Anfang an mit einem Eingreifen Russlands und einer europäischen Ausweitung des Konflikts, und verwarf dennoch alle Alternativen. Ohne eine diplomatische Lösung  des Konflikts zwischen Österreich und Serbien war der Krieg zwischen den Großmächten so gut wie programmiert.

Bündnispflichten im Einklang: Blankoscheck und Hasardspiel


Eines war für Österreich daher unabdingbar: die Konsultation und der Beistand des Bündnispartners Deutschland. Der nun folgende Austausch von Botschafterberichten, Memoranden, telegrafischen Nachrichten, die sich daraus ergebenden Ministerratsprotokolle, Aktennotizen: Nichts ist in der Historiografie der letzten hundert Jahre so oft unter die Lupe genommen, analysiert, bewertet, interpretiert worden wie diese Wochen des Juli 1914 und trotzdem oder eben deswegen liegen die Schlüsse, die daraus gezogen werden, weit auseinander.

„Der alten Freundschaft treu“. Der von Wien ersehnte „Blankoscheck“ kam jedenfalls zustande: Wien könne sich darauf verlassen, „dass der (deutsche) Kaiser im Einklang mit den Bündnispflichten und der alten Freundschaft treu an der Seite Österreich-Ungarns stehen würde“.
Berlin kam freilich durch die überaus vorsichtig abwägenden Formulierungen der Österreicher, in denen das Wort „Krieg“ vermieden wurde, zu der Ansicht, dass Österreich es mit seinem Plan, energisch gegen Serbien vorzugehen, so ernst gar nicht meine. Es war immer nur die Rede davon, den „serbischen Machtfaktor“ auszuschalten, da hatte Berlin nichts dagegen, riet dem Partner sogar zu blitzschnellem Zuschlagen.
Das entsprach nicht nur dem aufbrausend-impulsiven Temperament des deutschen Kaisers, sondern wäre möglicherweise ein Ausweg aus der drohenden europäischen Eskalation gewesen: Ihr Österreicher geht militärisch gegen Belgrad vor, ohne Mobilmachung und ohne Kriegserklärung, gewissermaßen als reflexartige Reaktion auf den Mordanschlag, aber ohne uns Deutsche, das Übergreifen auf die Allianzsysteme und damit der Weltkrieg könnten vermieden werden, die Staatenwelt, noch unter dem Eindruck des Attentats, würde verständnisvoll reagieren, Russland sei zu langsam für eine Reaktion. Ein bei Historikern sehr beliebtes, rein spekulatives Szenario.

Ein tollkühnes Hasardspiel.
Zurück zu hieb- und stichfesten Fakten: Eine mäßigende Politik Berlins gegenüber Wien fand nicht statt. Österreich behielt seine Entscheidungsfreiheit. Deutschland zeigte Interesse an einer Lokalisierung des Brandherdes und verfolgte nicht die Absicht, den austro-serbischen Konflikt voranzutreiben, um aus seiner Ausweitung den Sprung zur Weltmachtstellung zu erlangen. „Schlafwandlerisch“, wie vom Historiker Christopher Clark behauptet, ging Deutschland nicht in den Krieg, die Politik, Russlands Kriegswilligkeit auszutesten und die gegnerische Entente auseinanderzumanövrieren, hatte im Gegenteil den Charakter eines tollkühnen Hasardspiels.

"Eines der ungeheuerlichsten Dokumente" – das Ultimatum


Erst mit der Übergabe des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien am 23. Juli wurde allen Regierungen klar, dass Wien einen Krieg provozieren wollte. Ohne Beweise liefern zu können, warf  das Dokument Serbien eine Mitschuld am Attentat von Sarajewo vor und forderte es auf, sich von der südslawischen Bewegung zu lösen, antiösterreichische Umtriebe einzustellen und k. u. k. Beamte in die Untersuchung der Hintergründe des Attentats miteinzubeziehen. Damit war die oberflächliche Ruhe der Juliwochen schlagartig beendet.

Panik in Belgrad. Jetzt nahm die Julikrise erst wirklich internationale Ausmaße an. In Serbien brach Panik aus, man rief Russland zu Hilfe. Für den britischen Außenminister Sir Edward Grey war die Note Wiens „eines der ungeheuerlichsten Dokumente von einem Staat an einen anderen, unabhängigen Staat“. Der russische Außenminister rief  erschreckt, das bedeute „europäischen Krieg“. Russland habe die Verpflichtung, die Vernichtung der slawischen Brüder auf dem Balkan zu verhindern. Damit war auch Frankreich involviert, das die russische Serbien-Politik stützte und ohne Notwendigkeit seine Außenpolitik „balkanisierte“. Akteure schalteten sich ein, die zunächst von dem Konflikt gar nicht betroffen gewesen waren, die Internationalisierung verschärfte die Situation.
Serbien gab sich in der Antwort konziliant, wies aber die Punkte, die eine Verletzung der serbischen Souveränität bedeuten würden, zurück. Dahinter stand wohl die Befürchtung, dass durch eine Untersuchungskommission die Verwicklung staatlicher Akteure in das Attentat bekannt werden könnte. Dennoch hätte die serbische Antwort durchaus als Grundlage für Verhandlungen genutzt werden können, man wollte aber nicht.

Vollendete Tatsachen.
Außenminister Graf Berchtold, der es für gut hielt, rasch vollendete Tatsachen zu schaffen, legte Kaiser Franz Joseph am 26. Juli die Kriegserklärung zur Unterzeichnung vor. Jedem Interventionsversuch in allerletzter Minute sollte der Boden entzogen werden. Die Proklamation „An Meine Völker“, mit der der Kaiser am 28. Juli seinen Untertanen den Beginn des Krieges mitteilte, war im Großen und Ganzen schon vor dem 20. Juli fertiggestellt, als das Ultimatum noch gar nicht übergeben war. So entfesselt man einen Krieg.

Alles mobilisiert. In dem politischen Vakuum – die maßgeblichen Personen waren im Juli auf Urlaub – hatte die Dynamik militärischer Vorbereitungen in Deutschland, Frankreich und Russland bereits Mitte des Monats eingesetzt, ein Automatismus, der die Handlungsspielräume der Politik zunehmend einschränkte.
Wer damit beginnt, seine Truppen zu mobilisieren, bedroht den Nachbarn, der daraufhin ebenfalls mobilisiert, was wiederum weitere Mobilisierungen nach sich zieht: Vermeintlich alternativlose Szenarien, ein Anhalten aufmarschierter und mobil gemachter Armeen ist jenseits der allgemeinen Vorstellungswelt, kein diplomatisches Mittel ist vorgesehen, das einmal in Gang gekommene Räderwerk zu stoppen. Persönliche Interventionen in letzter Minute waren längst durch die militärische Logik überholt. Das Uhrwerk des Krieges setzte sich in Bewegung.

"Presse"-Serie zum ersten Weltkrieg

Bereits erschienen: Der Sprung ins Dunkle, 5. 1. 2014
Der Kriegstreiber aus Wien. Porträt des k. u. k.
Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf, 9. 3. 2014
Mythen einer Nation Frankreich und der Große Krieg, 23. 3. 2014
Die Tiroler des Ostens - die ukrainische Bevölkerung in Galizien, 13. 4. 2014
Frühling 1914 – wie Europa der Illusion vom Frieden erlag, 27. 4. 2014
Die marschierende Gesellschaft – der Mythos Militarismus, 18. 5. 2014
Der „faule Friede“ als Krankheit der Zivilisation, 1. 6. 2014

Chronologie

28. Juni
Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajewo.

29. Juni
Kaiser Franz Joseph fährt von Bad Ischl nach Wien, wo in den nächsten Tagen die Entscheidung zum Krieg gegen Serbien fällt.

4. Juli
Deutschland erklärt Österreich seine Bündnistreue im Fall eines Kriegs mit Serbien.

7. Juli
Der ungarische Ministerpräsident István Tisza warnt im Ministerrat vor einem Militärschlag.

14. Juli
Die Regierung in Wien befasst sich zum ersten Mal mit der Formulierung des Ultimatums an Serbien.

20. Juli
Frankreich und Russland sichern sich bei einem Staatsbesuch in St. Petersburg Bündnistreue zu.

23. Juli
Das auf 48 Stunden befristete Ultimatum wird in Belgrad übergeben. Russland sichert Serbien seine Unterstützung zu.

28. Juli
Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli
Generalmobilmachung der russischen Armee.

31. Juli
Kaiser Franz Joseph unterzeichnet den Befehl zur Generalmobilmachung Österreich-Ungarns. Es folgen die Kriegserklärungen der übrigen europäischen Mächte.

BUCHTIPP

Annika Mombauer
„Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg“ C. H. Beck Verlag 128 Seiten, 8,95 Euro. Eine wohltuend komprimierte Darstellung aller wichtigen Ereignisse.