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Musikalisches Manifest gegen den Krieg

(c) APA/EPA/ALMIR ZRNO
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Die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst gaben in Sarajewo ein aufwühlendes Konzert zum Weltkriegsgedenken.

Schuberts „Unvollendete“, eine „Kriegssymphonie“? Das klingt gewagt. An diesem 28.Juni 2014, exakt hundert Jahre nach dem Attentat von Sarajewo, war allerdings so stark wie selten zu spüren, was passieren kann, wenn man ein wohlbekanntes Werk in einen völlig anderen Kontext stellt: den des Ersten Weltkriegs.

Ganz unumstritten war es nicht, dieses Konzert der Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst, das am Samstag in der mit österreichischer Hilfe wiederaufgebauten Viječnica von Sarajewo – die Nationalbibliothek war im Bosnienkrieg 1992 von serbischen Truppen in Brand geschossen worden – stattfand. Von (bosnisch-)serbischer Seite hatte es Kritik daran gegeben, ein Orchester des damaligen Feindes gastieren zu lassen, und als dann noch bekannt wurde, dass der zweite Satz von Haydns „Kaiserquartett“ auf das Programm gesetzt wurde – also de facto die Kaiserhymne – regte sich sogar in Österreich Widerstand. Man benehme sich wie ein Elefant im Porzellanladen, hatte etwa der grüne Abgeordnete Harald Walser gemeint.

 

Viel Angst vor einem Adagio

Nun, ein Elefant klingt anders. Gespielt wurde freilich keine Bearbeitung für Orchester, und in der subtilen Interpretation der Streichersolisten konnte ein Gedanke an auftrumpfenden Neo-Imperialismus gar nicht erst aufkommen. So viel Angst vor einem „Poco Adagio. Cantabile“ wäre also gar nicht nötig gewesen.

Dann also Schubert. Seine Siebte Symphonie solle daran erinnern, dass „alles, was wir beginnen, unvollendet bleibt“, hatte Möst im Vorfeld erläutert. Der Kontext ließ nun kaum etwas anderes zu, als das Wort „Krieg“ permanent mitzudenken: Schon in den ersten Takten deutet sich das heraufziehende Unheil an, die Exposition sprengt fast den Rahmen der kleinen Viječnica, die für ein so großes Orchester ja gar nicht ausgerichtet ist. Jede Dissonanz bekommt an diesem Ort plötzlich eine andere Bedeutung, und wenn im zweiten Satz dann das Orchester über die fein ziselierten Linien der wunderbar phrasierenden Holzbläser hereinbricht, ist das eine musikalische Illustration von Gewalt. Dass das nicht Schuberts Gedanken gewesen sein mussten, spielt keine Rolle, Musik vollendet sich immer erst im Kopfe des Hörers.

Weiter ging es mit dem dritten von Alban Bergs Orchesterstücken Opus 6. Ein Marsch dem Titel nach, der jedoch eine pechschwarze Persiflage auf alles Triumphalistisch-Militärische ist. Die Programmierung nach Schubert erwies sich als Glücksgriff, selten wurde die Verwandtschaft dieser Komponisten so deutlich spürbar, Berg gleichsam als Fortsetzung Schuberts mit anderen Mitteln.

 

Lernen aus der Geschichte

Musikgeschichtlich machte das Programm dann mit Brahms' „Schicksalslied“ (der Chor des Nationaltheaters Sarajewo bemühte sich nach Kräften, den Philharmonikern Paroli zu bieten) einen kleinen Schritt zurück, nicht jedoch inhaltlich: Wenn am Ende des von Möst fließend interpretierten Werkes die Motive der Einleitung wiederkehren, ist dazwischen etwas ganz Wesentliches passiert: der Mittelteil, beginnend mit Hölderlins Zeilen „Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhn“. Durch das Prisma dieser aufwühlenden Takte gehört, bekommt diese Reprise eine völlig neue Bedeutung. Man kann das – wieder im Kontext des Weltkriegsgedenkens – als musikalische Chiffre für das viel zitierte „Lernen aus der Geschichte“ sehen. Dieses Lernen wurde am Sinnfälligsten durch das den Abend beschließende Stück: die „Europahymne“, als Symbol dafür, dass Europa aus den Kriegen des 20.Jahrhunderts doch etwas gelernt hat, worauf auch Bundespräsident Heinz Fischer im Anschluss hinwies.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2014)

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