Gewalt und Elend treiben zehntausende Kinder aus Zentralamerika in die USA. Präsident Obama will den Grenzschutz um Milliarden aufstocken. An den Ursachen ändert das nichts.
Washington. Sie kommen aus den tödlichsten Städten der Welt und aus den ärmsten Landstrichen des amerikanischen Kontinents; Kinder, oft keine zehn Jahre alt, allein, wochenlang unterwegs, auf Zugwaggons, in Lastwägen, zu Fuß durch Wüsten. Mehr als 50.000 Minderjährige haben US-Grenzschützer in den vergangenen acht Monaten in Texas aufgegriffen. Die Beamten sind am Ende ihrer logistischen Möglichkeiten, menschenwürdige Unterkünfte gibt es kaum mehr. Am Samstag teilte das Weiße Haus mit, den Kongress um zwei Milliarden Dollar (1,4 Milliarden Euro) zusätzlicher Mittel für die Stärkung der Grenzsicherung zu ersuchen und die schnellere Abschiebung der Kinder zu genehmigen.
Ob das die Kinderwanderung nach Norden bremsen kann, ist fraglich. Denn drei Viertel der Kinder flüchten vor Gewalt und Armut aus drei Staaten: Honduras, El Salvador und Guatemala. Allein aus dem rund 440.000 Einwohner zählenden San Pedro Sula in Honduras, der Stadt mit der höchsten Mordrate der Welt, stammen mehr als 2500jener Kinder, die US-Grenzschützer seit Jahresanfang in Texas aufgesammelt haben.
Politisches Hickhack in Washington
Die zweithöchste Mordrate hat laut Weltbank El Salvador, obwohl sich die beiden Verbrecherorganisationen, die für die meiste Gewalt verantwortlich sind, 2012 auf einen Waffenstillstand geeinigt haben. Die weltweit fünfthöchste Mordrate hat Guatemala, was nicht nur daran liegt, dass die grausamen mexikanischen Drogenkartelle der Zetas und der Tempelritter sich hierher zurückgezogen haben, um die Drogenrouten nach Südamerika zu kontrollieren. 63 Prozent der Morde in Guatemala werden laut Regierungsstatistik von örtlichen Banden verübt, die 25Stadtgemeinden beherrschen und ein perfides System der Schutzgelderpressung eingeführt haben: Junge Frauen müssen die Schutzgelder eintreiben. Tun sie das nicht, werden sie oftmals ermordet und ihre abgeschnittenen Brüste und Genitalien an ihre Familien geschickt, hält Diana Villiers Negroponte fest, eine Zentralamerika-Expertin der Washingtoner Denkfabrik Brookings. Die Bandenmitglieder sind jung, häufig gerade einmal zwölf Jahre alt. Sie werden oft mit Zwang initiiert, indem sie Morde verüben müssen.
Diese Ursachen werden in Washington kaum diskutiert. Die Republikaner werfen Obama vor, die Einwanderungswelle mit Versprechungen einer Amnestie jugendlicher illegaler Zuwanderer provoziert zu haben. Obama hat außerdem im Sommer 2012, mitten im Präsidentschaftswahlkampf, per Weisung verfügt, dass das Heimatschutzministerium Menschen, die vor dem 15.Juni 2007 illegal in die USA gekommen sind und damals jünger als 16 waren, vorerst nicht abschieben, sofern sie sich in Ausbildung befinden, unbescholten sind und keine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstellen. Daraus leitet sich aber ausdrücklich kein Aufenthaltstitel für diese Menschen ab, und aktuelle Befragungen von Flüchtlingskindern zeigen, dass man in den drei zentralamerikanischen Ländern die Debatte in den USA kaum verfolgt. Das Weiße Haus wiederum schürt das Misstrauen, weil es die Zahl jener Kinder geheim hält, die von den Grenzschützern freigelassen werden, weil sie Verwandte in den USA haben.
US-Heimatschutzministerium warnt
Rechtlich ist die Sache jedenfalls klar. Sobald die Grenzbeamten einen unbegleiteten Minderjährigen (jünger als 18 Jahre) aufgreifen, müssen sie binnen 48 Stunden entscheiden, ob sie ihn sofort in sein Heimatland abschieben können oder so lange den örtlichen Stellen des Gesundheits- und Sozialministeriums anvertrauen, bis die Abschiebung organisiert werden kann. Doch das Personal der Dienststellen in Texas kommt mit dieser Aufgabe nicht zurecht, weil es alle Hände voll damit zu tun hat, sich um die vielen kleinen Kinder zu kümmern.
Jene, die täglich mit dem menschlichen Elend an der Grenze konfrontiert sind, können mit dem politischen Kleinkrieg nichts anfangen. „Wegen der Gewalt und der Wirtschaftslage wird der Zustrom Minderjähriger in die USA nur sehr schwer einzudämmen sein, “, so das Heimatschutzministerium.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2014)