Belgien gegen USA: Amerikanisches Fußballstrohfeuer

FUSSBALL - MLS,  Rapids vs Earthquakes
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Trotz hoher TV-Quoten und braver Nationalelf: Soccer ist weit vom echten Durchbruch entfernt. Die eigene Liga ist zu schwach, andere Sportarten zu populär.

Washington. Seit die Fußballweltmeisterschaft 1994 erstmals in den USA stattfand, wiederholt sich das Ritual alle vier Jahre: die Ausrufung der amerikanischen Fußballrevolution. 2014 ist keine Ausnahme. Rund 24,7 Millionen Zuschauer sahen das packende 2:2 gegen Portugal auf den Kabelsendern Espn und Univision: So viele Amerikaner zog noch kein Fußballmatch vor die Mattscheibe. Das Trikot der US-Nationalmannschaft hat sich bisher schon dreimal so oft verkauft wie sein Vorgängermodell vor vier Jahren. Und vor dem Achtelfinale gegen Belgien wähnt man in manchen Redaktionen bereits den Vormarsch von Team USA in noch lichtere Höhen.

Adam Avni entlockt dieser neu entflammte Optimismus einen tiefen Stoßseufzer. „Diese Begeisterung wird nach der WM rasch im Sand verlaufen“, meint der 30-jährige leidenschaftliche Fußballfan am vergangenen Donnerstag in der Pause des Spiels der USA gegen Deutschland, umringt von einer rot-weiß-blau verkleideten Masse am Dupont Circle in Washington. Die deutsche Botschaft hat zwei Leinwände aufgestellt. Tausende Washingtoner haben ihre Mittagspause verlängert, um zuzuschauen.

Avni, der in Amsterdam und Kolumbien gelebt und dort echte Fußballbegeisterung erlebt hat, ist nicht beeindruckt: „Als Kind spielt fast jeder Fußball. Es erfordert nämlich weniger koordinative Fähigkeiten, als einen Baseball zu treffen oder einen Football zu fangen. Doch später wechseln fast alle zu Baseball und Football – vor allem die guten Athleten.“

Fußball ist in den USA zwar ein Breitensport; 12,7 Millionen Amerikaner betreiben ihn regelmäßig, teilt die Sports & Fitness Industry Association mit. Vor zehn Jahren allerdings gab es bereits 13,8 Millionen amerikanische Hobbykicker. Und, noch bedenklicher: Die Zahl der fußballspielenden Kinder zwischen sechs und 17 Jahren ist heute niedriger als im Jahr 1994.

Hispanics und reiche Kinder

Streng genommen gibt es in den USA zwei Gesellschaftsgruppen, die besonders häufig Fußball spielen: Hispanics und weiße Kinder aus den reichen Vorstadtvierteln der Großstädte. „Die Hispanics machen Fußball definitiv urbaner. Aber in erster Linie ist das hier ein suburbaner Sport“, sagt Avni. Die reiche (und mehrheitlich weiße) Obermittelschicht nutzt Fußball, um Beziehungsgeflechte für die Kinder zu weben; in den wohlhabenden Orten rund um Washington bieten Eltern ehemaligen Fußballern vierstellige Monatsgagen an, um ihre Söhne und Töchter auf die Sommerfußballcamps vorzubereiten, in denen man die in den USA so wichtigen Beziehungen für College und Berufskarriere webt.

Die Major League Soccer verleitet ebenso dazu, falsche Schlüsse über das Erstarken der amerikanischen Fußballbegeisterung zu ziehen. Der Zuschauerschnitt von 18.608 in der jüngsten Saison klingt zwar toll. Er liegt aber nur um knapp 1000 über dem Mittelwert für Basketball und Eishockey, die als Hallensportarten räumlich begrenzt sind. Hinter dem Zuschauerschnitt der Baseball- (30.895) und American-Football-Spiele (64.698) bleibt Soccer zurück.

Schwache US-Liga

„Die Major League Soccer ist nicht sehr gut, und die Leute wissen das“, sagt Avni. Die TV-Quoten belegen das: Gerade einmal 174.000 Menschen pro Match schauten sich die Major League Soccer in der Spielzeit 2013/14 im Fernsehen an. Die Spiele der österreichischen Bundesliga ziehen im Durchschnitt doppelt so viele TV-Zuseher an.

College-Fußball findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Avni hatte einen Freund, der vor zehn Jahren im Collegeteam von Indiana kickte: „Sein Ziel war, nach Europa zu gehen – nicht in die MLS.“ Den Collegespielern fehlt der Wettstreit mit älteren, erfahreneren Kickern. Das zeigt ein Blick auf den Kader der US-Nationalmannschaft: Bis auf Clint Dempsey hat kein Leistungsträger länger an der Uni gespielt. Die elf Teamspieler, die das taten, sind nur Wasserträger. Ein Problem, das dem Trainerteam bewusst ist. „In Europa bist du niemand. Da musst du dich bei jedem Training beweisen“, sagte Ko-Trainer Andreas Herzog im Vorjahr zur „Presse“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2014)

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