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Bachmann-Preis: Sechs Autoren suchen einen Preis

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Gewinnt beim Wettlesen in Klagenfurt heuer eine Österreicherin oder ein Österreicher? Bis Samstag wird gelesen, fast die Hälfte der 14 Teilnehmer sind heimische Schriftsteller: Wir stellen sie vor.

Georg Petz: Eine Literat im Zwischenreich

ARCHIVBILD: AUTOR GEORG PETZ
ARCHIVBILD: AUTOR GEORG PETZ(c) APA/LISA SCH�LLER-PETZ (LISA SCH�LLER-PETZ)



Man kann die Figuren seines Romans nicht unentwegt nach ihren Wünschen befragen, notierte Georg Petz in seinem Essay „Was kann Politik leisten?“ Sonst würde der junge Werther Goethe auf seelische Grausamkeit verklagen, meint der 1977 in Wien geborene, aber in Graz sozialisierte Autor. Damit nicht etwa der Held Matthias aus dem 2011 erschienenen Roman „Bildstill“ seinen Autor verprügelt, weil dieser ihn stundenlang auf der Südost-Tangente im Stau hat stehen lassen, hat sich Georg Petz schon früh mit literaturpolitischen Themen beschäftigt. Bereits mit 15 wird er Mitglied der Literaturwerkstatt Graz, während des Studiums der Anglistik und Germanistik arbeitete er bei „Punkt.“ mit, der Zeitung  der Hochschülerschaft, zuletzt als Chefredakteur. Seit 2006 zeichnet Georg Petz als Redakteur und Mitherausgeber verantwortlich für die Grazer Literaturzeitschrift „Lichtungen“. Bei so vielen redaktionellen Tätigkeiten kann man schon das eine oder andere „Déjà-vu“ erleben – und es zum Thema eines Romans machen. Der Krimi spielt aber nicht im Milieu der Literaturszene, sondern an der Grenze zwischen Erinnerung und Erleben. Und weil Fantasie und Realität verschwimmen, tut sich der Held in der zwischen Graphic Novel und Film Noir angesiedelten Story schwer, seinen Autor zur Rechenschaft zu ziehen. (hak)

Gertraud Klemm: Die Höhlenfrau mit Herzmilch

INTERVIEW: AUTORIN GERTRAUD KLEMM
INTERVIEW: AUTORIN GERTRAUD KLEMM(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)



„Manche Mütter können den ganzen Tag dem Kind beim Wachsen zuschauen.“ Die Protagonistin in Gertraud Klemms vor Kurzem erschienenen Roman „Herzmilch“ kann das nicht. Sie ist es leid, die Gesellschaft „als Gebärdende, als Aufzuchts- und Aufsichtspersonal“ zu bedienen. Mit der 1971 in Wien geborenen und in Baden aufgewachsenen Gertraud Klemm steigt eine Spezialistin für Frauenleben/Frauenleiden in das Hearing beim Bachmann-Preis. Ihr Roman schildert das Heranwachsen eines Mädchens aus gutem Haus, das sich zur „linken Bio-Emanze“ entwickelt. Dieser Lebensweg war der Heldin des Romans ebenso wenig vorgezeichnet wie jener der Autorin. Die studierte erst einmal Biologie, bevor sie ihre ersten Geschichten unter dem Pseudonym Caroline Schiel beim FM4-Wortlautwettbewerb zum Besten gab. 2006 erschien dann ihr Erzählungsband: „Höhlenfrauen“. Darin tappen Frauen eben wie in einer Höhle durchs Leben: tollpatschig und gefasst auf überraschende Wendungen. Auch Klemms Leben nahm damals eine Wende: Sie gründete das Literaturforum „Wortreich“ und machte eine Ausbildung zur Schreibpädagogin. Gewollte und ungewollte Kinderlosigkeit ist das Thema ihrer Prosa „Mutter auf Papier“. Gertraud Klemm wurde von Hubert Winkels nach Klagenfurt eingeladen. (hak)

Tex Rubinowitz: Humorzeichner auf ernsten Reisen

INTERVIEW: TEX RUBINOWITZ
INTERVIEW: TEX RUBINOWITZ(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)



Er liebt finnischen Tango, Listen und Baden in eiskaltem Wasser, er weiß alles über den Songcontest: Ja, Tex Rubinowitz hat exzentrische Vorlieben, aber er betreibt sie mit Ernst und Genauigkeit, nicht zuletzt in der Sprache. So wie seinen jahrzehntelang mit Kugelschreiber ausgeübten Brotberuf – Humorzeichner beim „Falter“ und etlichen anderen Medien – und seine Band, die wunderbaren „Mäuse“. Geboren 1961 in Hannover als Dirk Wesenberg, lebt er seit 1984 in Wien, wo er bald die legendäre „Amerikanische Krankenhaus Zeitung“ herausgab. Rubinowitz ist begeisterter Reisender, wobei er tatsächlich tut, was viele „alternative Reisende“ für sich beanspruchen: Er lässt sich an ungewöhnliche Orte treiben. „Rumgurken“ nennt er das, im gleichnamigen Buch schildert er u. a. Ausflüge nach Antofagasta (wegen des Namens) und zum nördlichsten Filmfestival der Welt in Sodankylä. Seinen liebenden Blick für Ausgefallenes bewies er auch im Wienbuch „Das staubige Tier“, in dem er u. a. eine Eierlieferung auf dem Naschmarkt, Katzen in der Wolfsschanzengasse und die Eingänge der U-Bahn-Station Schwedenplatz erforscht. Das Bachmann-Wettlesen hat er seit Jahren auf seinem Internetforum „Höfliche Paparazzi“ verfolgt, nun hat ihn Jurorin Daniela Strigl eingeladen. Er wird einen „halb fiktionalen Text“ lesen, der einmal Teil eines Romans werden könnte. (tk)

Roman Marchel: Traumwandler des Richtigen

BACHMANN-PREIS: AUTOR ROMAN MARCHEL
BACHMANN-PREIS: AUTOR ROMAN MARCHEL(c) APA/LUKAS BECK (LUKAS BECK)



Noch einer von diesen Autoren, die man sich in Klagenfurt nur als Leidende vorstellen kann: Roman Marchel ist kein Autor, der sich in der Öffentlichkeit wohlfühlt, der mild-verträumt blickende gebürtige Grazer (Jg. 1974) sucht die Ruhe zum Schreiben in seinem Domizil im südlichen Waldviertel. Kostbare Erzählungen enthält sein jüngstes Buch, „Wir waren da“, Geschichten, die man lieb gewinnen und dankbar lesen kann, weil sie so „richtig“ sind, so unprätentiös und präzise. Sanft und zugleich überraschend zieht es einen hinein: etwa in einen Familiennachmittag im Garten, als plötzlich ein Roboter dasteht und die Schwester des Erzählers mitnimmt; zu zwei jungen Verliebten und ihren Treffen auf einem Dach; zu dem Großvater, der zum ersten Mal liebt (seine Enkelin) und lernt, sich zu entschuldigen . . . Davor hat Roman Marchel 2011 den Roman „Kickboxen mit Lu“ veröffentlicht, über die Begegnung zwischen einer 16-Jährigen und einer alten Schriftstellerin. Fast immer geht es um ganz Junge, oft auch um ganz Alte bei Marchel, und um die kleinen, in Wirklichkeit einzig großen Zustände des Lebens. „Die richtigen Namen der Dinge und Wesen zu kennen sei noch keine Garantie, aber das Mindeste, was man der Welt an Respekt und Interesse entgegenbringen müsse“, heißt es einmal. Das könnte Marchels Motto sein. (sim)

Birgit Pölzl: Eine Biobäuerin auf Abwegen

ARCHIVBILD: AUTORIN BIRGIT P�LZL
ARCHIVBILD: AUTORIN BIRGIT P�LZL(c) APA/CHRISTIAN JUNGWIRTH (CHRISTIAN JUNGWIRTH)

„Das Weite suchen“ – so heißt ihr zuletzt erschienener Roman, und genau das scheint ein Lebensmotto der 1959 in Graz geborenen Birgit Pölzl zu sein. Der Enge der Stadt entfliehen wollen in diesem Buch elf Aussteiger und errichten eine Art Kommune à la Otto Mühl. Dass man solcherart vielleicht Häuserfluchten entkommen kann, nicht aber der Enge im eigenen Kopf, führt die Steirerin, die von sich sagt, dass sie im Herzen Biobäuerin sei, nicht nur literarisch, sondern auch biografisch vor: Immer wieder packt sie ihren Rucksack und bricht auf, um Neues kennenzulernen. Zuletzt war sie ein halbes Jahr in Indien, Nepal und Tibet. „Sich aussetzen“ nennt sie das, und meint das durchaus programmatisch. Als langjährige Literaturleiterin im Kulturzentrum der Minoriten in Graz holte sie die Poetry-Slam-Szene an die Mur, organisierte Lesefeste, schuf Begegnungsmöglichkeiten für Autoren aus Ost und West. Literarisch hat sie sich bisher vor allem mit Publikationen in Literaturzeitschriften auseinandergesetzt. Ihr Pegasos, so notierte sie einmal, sind literarische Texte, „die leichthändig festgefügte Deutungsmuster unterlaufen, die Selbstironie in helleren Volten zur Entfaltung bringen“. Aufgrund der Einladung des Südtiroler Germanisten Arno Dusini muss sie nun zeigen, dass sie auch Nähe erträgt, jene der Juroren und der Öffentlichkeit. (hak)

Olga Flor: Die Physikerin der Gefühle

BACHMANN-PREIS: SCHRIFTSTELLERIN OLGA FLOR
BACHMANN-PREIS: SCHRIFTSTELLERIN OLGA FLOR(c) APA/ERWIN SCHERIAU (ERWIN SCHERIAU)



Es gibt Autoren, die arbeiten sich ein Leben lang an einem Thema ab. Olga Flor ist dagegen eine Autorin, die sich stets neu erfindet. Sie hat keine Scheu, elf Jahre nach ihrem ersten Antreten ein zweites Mal ins Klagenfurter Haifischbecken namens ORF-Theater zu steigen. „Wiederkehr“ hieß ihr Text, der 2003 für eine emotionale Debatte der Bachmann-Jury sorgte. Wahn wollten die einen, bloß eine Putzfrau die anderen am Werk sehen. Der 1968 geborenen Wienerin dürfte die heftige Diskussion (literarisches) Material beschert haben, hat sich die gelernte Physikerin in der Folge doch intensiv mit der Mechanik der Gefühle auseinandergesetzt. Schon im Debütroman, „Erlkönig“ (2002), war davon die Rede, dass da kein Gras mehr wächst, „wo das gesunde Empfinden gärt“. Folgerichtig siedelte sie ihren zweiten Roman, „Talschluss“ (2005), in einer Almhütte an, und ließ die Gefühle während eines Familientreffens kräftig gären. Das geht üblicherweise nicht ohne „Kollateralschaden“ ab. Und so heißt ihr drittes Buch, in dem die inzwischen vielfach preisgekrönte Autorin in einem Supermarkt Sehnsüchte und Schwächen fremder Menschen aufeinanderprallen lässt. Dass sie sich danach den Großmeister der menschlichen Abgründe, Shakespeare, zum Vorbild nimmt, ist fast schon physikalisch gesetzmäßig. Man darf gespannt sein. (hak)