Israel: Ermordung dreier Teenager facht Siedlungsdebatte an

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Nach der Ermordung von drei jüdischen Burschen im Westjordanland berät das Kabinett über weitreichende Vergeltungsmaßnahmen. Der Bauminister will neue Fakten aus Beton schaffen.

Jerusalem. Israels Verteidigungsminister, Mosche Jaalon, will nicht ruhen, bis die Mörder der drei jungen Israelis zur Verantwortung gezogen werden. Mit drei separaten Trauerfeiern und der Bestattung der ermordeten Teenager ging am Dienstag eine der spektakulärsten Entführungsaffären in der Geschichte Israels zu Ende. Freunde und Verwandte der drei Jungen versammelten sich am Nachmittag in den verschiedenen Heimatorten, um die Reden der engsten Familienangehörigen, der Rabbiner und Politiker zu hören. Anschließend setzten sich die Trauerzüge in Richtung Modein in Bewegung, wo tausende Israelis der Beerdigung der drei jungen Israelis beiwohnten.

Erst am Vorabend gab die Polizei bekannt, die Leichen der seit fast drei Wochen Vermissten auf einem Acker zwischen Bethlehem und Hebron verscharrt gefunden zu haben. Ein freiwilliger Helfer war auf den Steinberg aufmerksam geworden. Insgesamt 18 Tage lang hatte ein militärisches Massenaufgebot nach den Entführten gesucht, Razzien in zweitausend Häusern vorgenommen und hunderte Palästinenser verhaftet. Regierungschef Benjamin Netanjahu berief im Anschluss an die Beerdigung erneut das Kabinett ein, um über Vergeltungsschläge gegen die Hamas zu beraten, die er von Beginn der Entführung an dafür verantwortlich hält und die „den Preis bezahlen wird“. Bereits in der Nacht hatten israelische Piloten Dutzende Einrichtungen der Hamas im Gazastreifen angegriffen. Umgekehrt schossen die Islamisten 15 Raketen auf Israel ab.

„Ich bin entführt worden“

Der Autopsie zufolge, waren der 19-jährige Eyal Ifrach und die beiden 16-jährigen Talmudschüler Gilad Schaer und Naftali Frenkel schon in den ersten Minuten nach der Entführung erschossen worden. Gilad gelang es noch, die Polizei zu verständigen. „Ich bin entführt worden“, flüsterte er in sein Handy, bevor die Verbindung unterbrochen wurde. Dass die Beamten, die den Anruf hörten, nicht schneller reagierten, und die Suche nach den Vermissten erst Stunden später begann, war in den vergangenen Wochen Grund für Empörung in der Bevölkerung.

Vier Polizisten sind inzwischen vom Dienst suspendiert worden. Erst seit Montag ist klar, dass die Teenager ohnehin nicht mehr hätten gerettet werden können. Die Suche nach den beiden Palästinensern Marwan Kawasme und Amar Abu Aysha, die als Hauptverdächtige gelten, dauert an. Die Sicherheitsdienste gehen davon aus, dass sich die beiden noch im Westjordanland und vermutlich sogar im Raum Hebron aufhalten. Als eine erste Strafmaßnahme sprengte die Armee die Häuser der beiden Männer in die Luft. Beide haben wiederholte Gefängnisaufenthalte hinter sich und sind als Hamas-Mitglieder bekannt.

Noch in der Nacht zum Dienstag, als die Minister zu ersten Beratungen über die nächsten Schritte zusammenkamen, zeigten sich deutliche Meinungsunterschiede. Bauminister Uri Ariel rief zu einer „umfassenden zionistischen Antwort“ auf, abgesehen davon, dass die „Terroristen ohne Erbarmen geschlagen“ werden sollten. Als zionistische Antwort schwebt Ariel der Bau neuer Siedlungen vor, offenbar auch auf dem umstrittenen E1-Gelände, dem letzten offenen Fenster zwischen Jerusalem und dem südöstlichen Teil des Westjordanlandes. Auch Verteidigungsminister Mosche Jaalon tritt dafür ein. Justizminister Zipi Livni warnte davor, aus dem Mord politischen Profit zu schlagen: „Der Bau von Siedlungen zu diesem Zeitpunkt würde die Morde abschwächen.“

Tiefe Kluft zwischen links und rechts

Die Entführungsaffäre verschärft die innerisraelischen Fronten. Während das rechte Lager unbedingte Solidarität mit den Familien an den Tag legt, wurde trotz allen Mitgefühls Kritik laut, Kinder ins besetzte Land zu schicken und dort per Anhalter fahren zu lassen. Einen Konsens, wie bei dem israelischen Soldaten Schalit, der während eines militärischen Einsatzes in die Hände der Hamas fiel und über fünf Jahre lang im Gazastreifen festgehalten wurde, gab es diesmal nicht. „Wer in ein Fahrzeug steigt“, so schreibt der frühere Parteichef der Meretz, Jossi Sarid, das „in der Dunkelheit nach Groß-Israel fährt“, der müsse nicht auf seine Sympathie hoffen. Seit dem Sechstagekrieg weigere er sich, die „grüne Grenze“ zu überschreiten.

Der linke Blogger Uri Misgav wehrte sich gegen den Aufruf, für die Entführten zu beten. Er rede sonst auch nicht mit Gott und sehe nicht ein, warum er es jetzt tun solle. Gerade in den kommenden Tagen und Wochen droht der Riss zwischen rechts und links noch tiefer das Land zu teilen, wenn es tatsächlich neue Siedlungen geben sollte. Seit Unterzeichnung der Roadmap für einen Frieden baut Israel zwar bestehende Siedlungen aus, von der Errichtung komplett neuer Ortschaften im Westjordanland sah die Regierung bislang aber ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2014)

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