Die hohen Feiertage des Motorsports: Wenn der Earl of March in seinen Garten lädt, kommt alles, was Nachbarn in Angst und Schrecken versetzt. Wenn man welche hätte.
„Motorsport is dangerous“ steht auf den Eintrittskarten, und tatsächlich hat das jährliche Autospektakel in Goodwood schon Opfer gefordert: Die traditionsreichen Motorshows in London und Birmingham etwa wurden vom „Festival of Speed“ glatt überfahren, sind binnen kurzer Zeit bedeutungslos geworden. Die Autohersteller raufen sich stattdessen im Park von Goodwood um Ausstellungsfläche, auf der sie für vier Tage regelrechte Paläste errichten, damit das Publikum den neuesten Kreationen huldigen kann. Anders als stickige Messehallen ist Goodwood ein Outdoor-Event, mit viel Glück ohne Regen, aber da sind die Engländer nicht so empfindlich. Bei der „Moving Motorshow“ kann man nach einem kurzen Anmelde-Procedere die neuesten Autos sogar selbst fahren, ein professioneller Kopilot schaut bloß drauf, dass keiner von der Strecke abkommt.
Doch all die neuen, schicken Autos – sie sind bloß Beiwerk, eine Geldquelle, um das „Festival of Speed“ zu finanzieren: die hohen Feiertage der weltweiten Motorsport-Community. In den späten Junitagen reist absolut alles nach West Sussex, was in Formel 1, Rallye, Nascar, Motorrad oder meinetwegen Drag Racing einen Namen hat, seien es aktive Fahrer oder alle, die in ihrem Sport jemals eine Rolle gespielt haben und noch am Leben sind. Die Fans folgen zu Hunderttausenden. Denn die Stars kommen nicht, um auf Gartenmöbeln zu sitzen und über die alten Tage zu parlieren. Zentrum des Geschehens ist der Goodwood Hill Climb, die Miniatur eines Bergrennens auf 1,16 Meilen Länge. Für diese weniger als zwei Kilometer wird schnelles Gerät angeheizt, ob es nun aus den 1920ern stammt oder vor zwei Wochen in Le Mans gewonnen hat. Keineswegs wird dabei nur lustig ins Publikum gewinkt: Der Rekord wurde 1999 von Nick Heidfeld im McLaren aufgestellt (41,6 Sekunden) und seither nicht unterboten, was auch daran liegt, dass Formel-1-Autos auf der Strecke, die nur von Strohballen und Zuschauern gesäumt ist, aus Sicherheitsgründen nicht mehr um die Bestzeit antreten dürfen. Aber auch Rallye-Weltmeister Sebastien Loeb war heuer mit seinem fast 900 PS starken Pikes-Peak-Siegerwagen flott unterwegs (44,6 sec). Der Rest des Feldes, ein buntes, blechernes Sammelsurium aus fast hundert Jahren Motorsport, röhrt nach Leibeskräften über die Strecke, dass es den Fans die Tränen in die Augen treibt. Der 59-jährige Lord March indes, in dessen bescheidenem Garten das Festival stattfindet, weiß wohl, dass Autos nicht alles im Leben sind. Er hat auch für Pferderennen einiges übrig.
Der Autor reiste auf Einladung von Mazda nach Goodwood.