Wenn Nackte nicht lachen dürfen

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)
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Sechseinhalb Stunden inszenierte der Künstler Spencer Tunick bloße Körper im Stadion. 1840 Menschen hielten still.

Wien. 15.30 Uhr. So langsam kann das gehen. Eineinhalb Stunden und noch immer ist keiner im Ernst-Happel-Stadion nackt. Woraus man folgern kann. Erstens: Das wird wirklich lange dauern. Und zweitens: Das wird – Nackte hin oder her – sich auch wirklich so anfühlen.

Für die Zuschauer, sprich die Medien nämlich. Für die 1840 Beteiligten (3000 waren angemeldet, gerechnet hatte man mit 1500, die tatsächlich erscheinen) ist eine Installation mit Spencer Tunick hingegen anstrengend. Auch was den Ton betrifft. Nach dem ersten „Hello, I'm Spencer“ und nachdem alle über die Sitzreihen im Sektor B verteilt sind, hallen Befehle überlaut durchs Megafon: Kein Schmuck, keine Sonnenbrillen, kein Lächeln. Bitte, danke. Und auf drei alle ausziehen.

15.40 Uhr. Drei! Ein hübscher Moment. Aus 1840 bunten Individuen wird eine homogen fleischfarbene Masse. Eine exakt 1838 Kopf-starke. Denn zwei Personen (darunter ein Mann mit Kind) haben es sich anders überlegt. Und müssen gehen.

15.50 Uhr. Hinauf auf den Sessel. Rücken zum Fotografen. Arme zur Seite: „Seid stark, seid Flugzeuge“. Der Übersetzer hat hörbar den Ehrgeiz, möglichst monoton und mechanisch zu klingen. Die Menge nimmt es trotzdem gelassen. Mit zäher Zeitverzögerung bewegen sich die Gliedmaßen. Es dauert, bis – das dann aber überraschend knapp und exakt – die vier Kameras klicken können. Die Journaille (80 aus acht Ländern) schwitzt fade in der Sonne. Nackte – na und? Man hat sich schnell gewöhnt.

16. 30 Uhr. Der Tross ist zu den türkisen Sitzen übersiedelt. Man ist in Liegeposition, wirkt entspannt. „Die ersten zwanzig Minuten“, meint Christian Hofbauer später, „schaut man schon. Danach nur mehr ins Gesicht. Das ist ja das Einzige, wodurch man die Leute unterscheidet.“ Mitgemacht hat der Niederösterreicher aus Neugier. Wie viele hier. Neugier auch darauf, wie man selbst auf eine solche Situation reagiert: „Im Prinzip habe ich Angst davor“, so Janina Scheibenpflug, „aber das zu überwinden, ist psychologisch interessant.“

Interessant auch die Palette der – im Resümee dann enthusiasmierten – Teilnehmer: Sie reicht vom US-Geschäftsmann, der nach einer Konferenz zufällig vorbeischaut, über studentische Freundes-Grüppchen bis zum 82-jährigen „Naturisten“ und Ex-Mönch. Insgesamt mehr Männer als Frauen, Teilnehmer aus 31 Ländern. Nicht alle mit lauteren Motiven: Einem Mann, der heimlich fotografiert (unter dem über den Arm gelegten T-Shirt), wird die Kamera abgenommen. Handy-Fotos werden aber toleriert.

18.30 Uhr. Eine halbe Stundenach dem anvisierten Ende. Die einseitig dezimierte Gruppe – die Frauen frieren schon – marschiert vorbei am Medien-Eck zur vorletzten Station. Vorwitzige schlagen Rad. Auch sonst gibt es Einlagen: Die Crew vom kolumbianischen TV zieht sich aus, ein „Germany's Next Top Model“ posiert und ein fiebriger Gerald Matt kommt – mit Hut und Anzug. Die Grippe hätte ihn gezwungen, so der Kunsthalle-Direktor, seine Teilnahme vorzeitig zu beenden. Ansonsten laufe aber alles nach Plan. Zeitplan?

Der Höhepunkt: Stachliger Rasen

19.30 Uhr. Der Höhepunkt. Zuerst die Männer, dann die Frauen liegen auf dem stacheligen Kunstrasen mit tausend Fußbällen. Mit Argusaugen wacht die Crew, dass niemand den echten Rasen (Uefa-Verbot!) betritt.

20.30 Uhr. Es ist kalt, fast zu Ende. Die Gespräche drehen sich um Dringendes: WC. Schweizerhaus. Noch ein paar Danke. Klatschen.

20.40 Uhr. So schnell kann das gehen. Nur ein Moment, dann sind die devoten nackten Massen weg und die Studenten, Geschäftsleute wieder zurück. Und haben – nach sechseinhalb Stunden Lebenszeit – ein Leben lang was zu erzählen.

ZUR PERSON: Spencer Tunick

Der New Yorker Künstler ist bekannt für seine sozialen Skulpturen aus nackten Menschen. (zuletzt auf einem Schweizer Gletscher). Sein Ziel sei es, sagt Spencer Tunick die Anonymität öffentlicher Räume der Verletzlichkeit des Körpers gegenüber zu stellen. In Wien hat Tunick bereits 1999 gearbeitet. Die aktuelle Installation wurde zur EM und in Kooperation mit der Kunsthalle gemacht. Die dazugehörige Ausstellung startet am 23. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2008)

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