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Sind Krankheiten meldepflichtig?

File photo of Chairman and CEO of JP Morgan Chase Dimon arriving at the White House in Washington
(c) Reuters
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Der Chef der größten US-Bank ist an Kehlkopfkrebs erkrankt. Anleger sind nervös. Auch in Österreich müssen Firmenchefs Krankheiten unter Umständen melden.

Wien/New York. JP Morgan ist gemessen an der Bilanzsumme die größte Bank in den USA. In der Nacht auf Mittwoch teilte das Institut mit, dass Konzernchef Jamie Dimon an Kehlkopfkrebs erkrankt ist. Anleger reagierten nervös. Die Aktie gab außerbörslich nach. Denn Dimon ist einer der bekanntesten Manager an der Wall Street. Ihm ist es gelungen, das Institut relativ gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise zu führen. An der Börse sprach man vom „Dimon-Bonus“. Die Meldung vom Kehlkopfkrebs kam unerwartet. „Dimon gilt als passionierter Sportler, der mehrmals die Woche joggt oder Tennis spielt und nie geraucht hat“, schreibt die Finanz- und Nachrichtenagentur Reuters. Dimon soll das Institut mit einem autoritär-direktiven Führungsstil geleitet haben. Einen Nachfolger oder Kronprinzen gibt es nicht.

Der Banker entschied sich, seine Mitarbeiter und Aktionäre ausführlich über die Krankheit zu informieren. Er schreibt, dass er sich vor zwei Wochen nicht wohlgefühlt habe. Daher sei er zum Arzt gegangen. Der Krebs befinde sich in einem frühen Stadium und sei heilbar, beruhigte er.

Allerdings muss er sich einer achtwöchigen Chemotherapie unterziehen. Er sagte dafür eine geplante Europa-Reise ab. Dabei wollte er die Regierungschefs von Griechenland und Italien treffen. Auch Besuche in Deutschland, Großbritannien und Spanien waren geplant.

 

Rechtlich eine Grauzone

Schon beim früheren Apple-Boss Steve Jobs gab es Diskussionen darüber, ob schwere Erkrankungen ad-hoc-pflichtig sind. Monatelang kursierten Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand von Steve Jobs. Doch Apple dementierte anfangs: Der Chef habe nur eine Grippe. Und es gebe auch keine Pläne, dass er das Unternehmen verlasse. Irgendwann ließ sich das Ganze aber nicht mehr verheimlichen. Denn Steve Jobs wirkte bei öffentlichen Auftritten stark abgemagert. Schließlich kommunizierte er, wie es um ihn stand. 2011 starb er an Krebs.

Laut Gesetz sind börsenotierte Unternehmen verpflichtet, wichtige Informationen bekannt zu geben. Wie verhält es sich aber bei Erkrankungen? Können sich die Konzerne hier auf die Privatsphäre berufen?

Rechtlich befindet man sich in einer Grauzone. Bei der österreichischen Finanzmarktaufsicht heißt es dazu, dass grundsätzlich jede Information, die sich auf den Aktienkurs auswirken könnte, ad-hoc-pflichtig sei. Ob darunter auch die schwerwiegende Erkrankung eines Firmenchefs fällt, sei letztendlich eine Einschätzungs- und Bewertungsfrage.

Das Ganze hängt von mehreren Kriterien ab: Wie stark ist der Name des Generaldirektors mit dem Konzern verknüpft? Gibt es einen Nachfolger? Wie schwerwiegend ist die Erkrankung? Ist die Leistungsfähigkeit des Chefs so stark eingeschränkt, dass der wirtschaftliche Erfolg eines börsenotierten Unternehmens gefährdet ist, sollte eine Ad-hoc-Meldung verschickt werden?

In Deutschland ist der Arzt und Personalberater Olaf Juergens ein Ansprechpartner, wenn es um Erkrankungen von Führungskräften geht. Laut Juergens ist der Gesundheitszustand grundsätzlich ein höchstpersönliches Gut. Kein Arbeitnehmer sei verpflichtet mitzuteilen, an welcher Krankheit er leidet. Dennoch tragen Manager „Verantwortung für ihre Mitarbeiter und sollten daher sehr sorgsam schauen, wann ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist“, so Juergens in einem Interview mit der „Welt“. Juergens hilft Vorständen, zur rechten Zeit Schwächen einzugestehen. Mitunter werden Nebenwirkungen von Therapien unterschätzt – so könne eine Chemotherapie die Leistungsfähigkeit einschränken.

Juergens erstellt auch Gutachten. Hier geht es darum, wie der Erkrankte sich verhalten und wie der Gesundheitszustand kommuniziert werden soll, ohne dass die Börse falsch reagiert. Dazu werden nicht nur Mediziner, sondern auch Juristen und Kommunikationsberater eingebunden. Dann haben Führungskräfte Rechtssicherheit. Können sie nachweisen, dass sie professionell beraten wurden, greift die Manager-Haftpflichtversicherung, falls Aktionäre Schadenersatzansprüche geltend machen.

AUF EINEN BLICK

Der mächtigste Banker der USA ist krank. Man habe bei ihm jüngst Kehlkopfkrebs festgestellt, schrieb JPMorgan-Chef Jamie Dimon in der Nacht auf Mittwoch seinen Mitarbeitern und Aktionären. „Die gute Nachricht ist, dass die Prognose meiner Ärzte exzellent ist. Der Krebs wurde früh entdeckt und ist heilbar.“ Es gebe keine Anzeichen dafür, dass sich der Krebs anderswo im Körper ausgebreitet habe, so der 58-Jährige. Dimon steht seit achteinhalb Jahren an der Spitze der größten US-Bank. Schon beim inzwischen verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs gab es Diskussionen darüber, ob börsenotierte Firmen ihren Aktionären schwere Erkrankungen von Vorständen melden müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2014)