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Theater an der Wien: Eine „Traviata“ für den Karneval

FOTOPROBE: 'LA TRAVIATA' IM THEATER AN DER WIEN
(c) APA/WERNER KMETITSCH
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Die in den Juli verlängerte Saison schließt mit einem Verdi-Gastspiel aus Graz: Peter Konwitschnys „Traviata“-Inszenierung stieß auf viel Publikumszuspruch – versucht aber keineswegs, Verdis Stück gerecht zu werden.

Wo immer man beginnen mag, stößt man auf Hindernisse. Warum spielt man zum Saisonausklang im Theater an der Wien, wenn die anderen Häuser schon geschlossen haben, ausgerechnet (und notabene stark verkürzt) Verdis „Traviata“? An Produktionen dieser Oper herrscht ja in der Stadt kein Mangel.

Warum, wenn man schon eine weitere „Traviata“ nach Wien holt, präsentiert man eine Aufführung, die sich schon längst als Sammelsurium von Regietheaterklischees der deutschen Provinz entpuppt haben muss – sie war in Graz und in London (an der National Opera) schon zu sehen?

Fragen wir also gar nicht erst nach. Beginnen wir vielleicht mit dem, was Wiens drittes Opernhaus zu Ferienbeginn an Erfreulichem zu bieten hat: Marlis Petersen, die Vielseitige, bindet freilich ihr Publikum, veredelt als Vollblut-Singschauspielerin jede Aufführung, in der sie erscheint. Selbstverständlich steht sie auch diesmal vom ersten Moment an im Mittelpunkt des Interesses.

Dass sie die Violetta dargestellt hätte, darf man nach dem knapp zweistündigen – pausenlos ablaufenden – Bühnenspiel zwar nicht behaupten, aber sie besticht, wie gewohnt, durch animierte Aktion und – bei nachdrücklich engagierter Tongebung – wohlklingenden Gesang. Und das, obwohl Regisseur Peter Konwitschny sie auf der beinah leeren, nur mit Vorhängen, einem Sessel – und einigen Büchern, doch davon später – bestückten Szene so schmählich behandelt, wie ein Inszenator seine Heldin nur behandeln kann.

 

Singen unter allen Umständen

Gesungen wird auf dem Sessel stehend, von diesem herunterfallend – in einem Moment, als ob es gälte, die Angst vor einem Spitzenton zu kaschieren –, auf dem Boden kauernd oder (ausgerechnet am Beginn der großen Arie im letzten Bild) mit vom Zuschauerraum abgewandtem Gesicht, nach hinten schreitend. Krank, taumelnd darf sie sich geben, diese Violetta, doch keinen Zoll eine Edelkurtisane für die große Pariser Gesellschaft sein, sondern ein Mädchen von nebenan, das offenbar in einen Faschingsalbtraum geraten ist.

Je später der Abend, desto katzenjammeriger die Gäste – bald krümmt sich der Arnold-Schönberg-Chor auf dem Boden wie in einer „Macbeth“-Inszenierung nach der Schlacht und Dr. Grenvil (Igor Bakan) kommt zuletzt im volltrunkenen Zustand mit Papphütchen, von Papiergirlanden bekränzt, um das baldige Ende zu konstatieren.

Es wimmelt nur so von Aktionen, die in Chemnitz, als es gerade nicht mehr Karl-Marx-Stadt heißen musste, oder anno 1985 in Gelsenkirchen für enthusiasmierte Feuilletonbeiträge gesorgt hätten. Singen im Zuschauerraum, klettern durch Sitzreihen und bewusste Diskrepanzen zwischen Aktion und Text inklusive (Violetta erschrickt angesichts ihres verstoßenen Liebhabers im dritten Bild wie vor einer Spinne im Salat, eine Minute später fragt ihr Begleiter flüsternd, ob sie Alfredo gesehen hätte . . . )

Am weitesten von einer anrührenden Darstellung jener Schicksale, die Verdi einst als schockierendes Zeitdrama komponiert hat, entfernt man sich in jenem Moment, in dem Roberto Frontali als Vater Germont mit einem Kind an der Hand erscheint, das offenbar die Schwester Alfredos darstellen soll. Das arme Mäderl wird hin und her geschubst und zuletzt sogar geohrfeigt, was wiederum in dieser Produktion Violettas Entschluss reifen lässt, auf die tugendhaften Wünsche des Herren, der nicht ihr Schwiegerpapa sein möchte, einzugehen.

So verschenkt man eine der bemerkenswertesten Seelenmetamorphosen, die je in Musik gesetzt wurden. So gefühlvoll kann die Petersen ihr „Dite alla giovane“ gar nicht verströmen, so kernig-herrisch kann Frontali nicht artikulieren, dass die Diskrepanz zwischen der Allerweltsgeschichte, die da zu sehen ist, und der, von der eigentlich erzählt werden sollte, nicht jegliche tiefere Wirkung ausmerzte.

Dass Sian Edwards am Pult des RSO eher mit dem Holzhammer als mit dem Taktstock zu agieren scheint – und vor allem im ersten Akt immer ein Atom hinter den Sängern herhinkt –, macht die Angelegenheit so wenig besser wie die Tatsache, dass unter den Solisten auch einige gute Stimmen hörbar werden. Voran die des Barons Duphol (Ben Connor), während der Alfredo (Arturo Chacón-Cruz) seinen schön timbrierten Tenor durch Dauerfortissimo überstrapaziert. Er gibt einen intellektuellen Bücherwurm – daher der literarische Fleck im Bühnenbild – inmitten einer Horde von Frackträgern, die sich mit gesenktem Kopf schon auch einmal zur gefährliche Rotte verdichtet. Welches Stück, bitte? „Traviata“ heißt „vom Weg abgekommen“ – insofern stimmt die Sache.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2014)