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Bachmann-Preis: Ein Wettlesen der bösen Frauen

INTERVIEW: AUTORIN GERTRAUD KLEMM
Gertraud Klemm(c) APA (HERBERT NEUBAUER)
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Sterbehilfe, vergaste Tiere und eine aggressive Mutter: Wer beim Auftakt des Bachmann-Wettlesens überzeugte, und wer sich gern mit wem stritt.

Das ORF-Theater als Jurassic Park? Ein ironisches Bühnenbild hat das Wettlesen in Klagenfurt heuer; aber tatsächlich ist es ein Saurier der Fernseh-Unterhaltung geworden.

Kärnten hingegen sei verjüngt, verkündete am Mittwoch bei der Eröffnung der 38. Tage der deutschsprachigen Literatur Festrednerin Maja Haderlap, die Bachmann-Preisträgerin 2011. Noch in ihrer Jugend sei ihr ihre „slowenische Muttersprache oft um die Ohren geflogen“. Nicht zuletzt deshalb habe sie ihren preisgekrönten Roman „Engel des Vergessens“ auf Deutsch geschrieben.

Marchel am besten bewertet

Für den ersten Lesetag am Donnerstag waren gleich drei der nach Klagenfurt eingeladenen sechs Österreicher ausgelost: Roman Marchel, Gertraud Klemm und Olga Flor. (Nur 13 statt 14 Autoren lesen heuer insgesamt, die Deutsche Karen Köhler hat im letzten Moment krankheitsbedingt abgesagt.) Marchels Text „Die fröhlichen Pferde von Chauvet“ schlug ein brisantes Thema an: die aktive Sterbehilfe. Eine alte Frau tötet aus Mitleid ihren Mann und versucht das vor ihrer Tochter, die Ärztin ist, zu verbergen. Drei Dinge brauche man zum Schreiben, sagt der 1974 in Graz geborene Autor im Videoporträt: Feuer, Geduld und Vertrauen. Der Südtiroler Germanist Arno Dusini, der an der Universität Wien lehrt, hatte ihn eingeladen, und Marchel überzeugte einen Großteil der Jury. Nur deren Vorsitzenden Hubert Winkels erinnerte der Text zu sehr an Michael Hanekes Film „Amour“, wenn auch auf voralpenländisch.

Tatsächlich aber beschäftigt sich der Text des Steirers auch mit dem Verschwinden der Männer und der Gewalt der Frauen. Für Jurorin Daniela Strigl enthielt der Text ein „Familienmodell, in dem es eine hohe Männersterblichkeit gibt“. Die Sterbehilfe selbst geht recht brutal vor sich. „Der muss sterben. Pffft“, merkte der Schweizer Juror Juri Steiner dazu an.

Der zweite Text, von der 34-jährigen Leipzigerin Kerstin Preiwuß, ist ein typischer Bachmann-Preis-Text: Er versucht, die Traumata der Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Ein NS-Scherge, der die Gaskammern nicht vergessen kann, arbeitet als Nerzzüchter.

Auch Tiere werden heute mittels Gas getötet, und in der Schilderung dieser Todesmaschinerie ist der Text sehr eindringlich. Insgesamt bleibt er aber zu kalkuliert: „20 oder mehr kommen in die Kiste, in die man Auspuffgase strömen lässt, nicht dass das Fell beschädigt wird.“ Wenig ausgeführt ist im Gegensatz dazu, wie die Hypothek des Vaters auf die Tochter kommt und sie traumatisiert. Hier bleibt Preißwuß' Geschichte einiges schuldig.

Als Dritter las Tobias Sommer. „Steuerstrafakte“ hieß die Geschichte von einem Autor, der wegen eines Steuerstrafbescheids zur Behörde pilgern muss. Dort sitzt er sich selbst gegenüber: Prüfer und Prüfling lösen sich ineinander auf. Er muss sich selbst erklären, wieso sein Leben als Schriftsteller keinen Gewinn abwirft. „Ich kann dem Staat keinen Gewinn bieten“, heißt es. Doch so eine „verlustbringende Tätigkeit“ ist – ganz kafkaesk – eben strafbar. „Amtsstubenposse“ nannte das Jurorin Meike Feßmann, eine Parabel erkannte Hubert Winkels darin. Beides trifft zu. Wegen seiner Geheimnislosigkeit bleibt der Text insgesamt Kafka doch sehr fern.

 

Zwei Mal „Frauenliteratur“

Der Nachmittag gehörte den Österreicherinnen Gertraud Klemm und Olga Flor. Die Texte repräsentierten jeweils sehr unterschiedlich „Frauenliteratur“. Bei Klemm denkt eine Mutter daran, ihr Baby fallen zu lassen, um endlich schlafen zu können. Mutterschaft ist ihr zum Problem geworden. Die lebenslange Bindung an das Kind erträgt sie nicht, sie wird aggressiv.

„Frustrationslabyrinth der Kleinkinderziehung“ benannte das Meike Feßmann. In gewisser Weise ist der Text in seinem Angriff auf das Klischee der liebenswerten Mutterschaft radikal, auf der anderen Seite im Egoismus der Heldin auch ziemlich banal. Auf die Spitze getrieben wird das Setting durch den Wunsch des Mannes nach einem zweiten Kind: „Ujjayi“ heißt der Text zutreffend.

Bei Flor begegnen sich zwei, die einst Leidenschaft verband, bei einem Kongress wieder. Die Protagonistin ist längst verheiratet, und doch bringt die Wiederbegegnung eine heftige Unruhe. Noch dazu handelt es sich bei den beiden um Angehörige einst verfeindeter Nationen, was sehr spürbar wird. Denn die Liebe der beiden ist wie ein Krieg. „Die Tage der Unschuld des Performativen“ sind lange vorbei, diese Liebe ist „so süß, dass es schmerzt“ – bis hin zum Sex.

So waren am ersten Tag des Wettlesens die bösen Frauen beherrschend, unterbrochen von traumatisierten Männern. Anders als bei der Jury: Dort stritten sich Männer am liebsten mit Männern (Burkhard Spinnen gegen Hubert Winkels), und – Strigl gegen Feßmann – Frauen gern mit Frauen.


Die Eröffnungsrede von Maja Haderlap finden Sie am Samstag im Spectrum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2014)