Vom Schließen der Knöpfe

Alexander Widners funkelnde Posen, Possen und Pointen.

Eines schönen Tages, schön war er in der Frühstunde in seinem friedlichen Beginnen tatsächlich, war Ashburn alt.“ Das Lebensgeflunker stockt, die Sommertage werden frostig, das Leben wird kleiner, der Tod ist spürbar näher gerückt. Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen, doch Ashburn ist noch nicht so weit, seine „Posen und Possen der vorletzten Tage“, wie der 1940 geborene und in Kärnten lebende Alexander Widner „Ashburns Knöpfe“ untertitelt, sind noch lange nicht ausgespielt, viele Knöpfe, die ihm in letzter Zeit aufgingen, sind noch zu schließen.

Es ist ein schmaler Band geworden, doch einer mit geballter Ladung Gedankenfutter: eine größtenteils genussreich zu lesende Sammlung von Kurzprosa, die funkelnde Alltagsszenen, bitterböse Sentenzen, oft auf Aphorismus-Dichte verknappte Gedankengänge im mentalen Diarium des mit einem allzu sprechenden Namen ausgestatteten Ashburn vermengt. Unter „Ashburn“ sollte man sich keine narrativ und psychologisch ausgearbeitete Figur vorstellen, eher so etwas wie eine gedankenverbindende Instanz, die ihre Umgebung aus der Distanz oft geistreich, manchmal nur grantelnd betrachtet – und zwischendurch eine Menge schöner Bonmots fabriziert. Kärnten, aber auch Österreich erscheinen da dem kritischen Geist als „Erdbeerland: Ärsche in die Höh, Kopf im Boden, verborgen im Kraut“. Und nur ein paar Seiten lang ist die kurze Mär vom Brandstifter, der das kleine Land im Süden so befeuerte, dass es am Ende abbrannte: „Asche und heiße Luft, das ist alles, was geblieben ist.“

Da kommen New York und diverse Aspekte des American Way of Life doch sehr viel besser weg, die Fremde fordert die Neugierde und das genaue Hinsehen heraus, und schon den Vorurteilen zum Trotz findet er in den Staaten vieles Positive, denn: „Die Europäer wissen nichts über die USA. Das aber ganz genau.“


Romanversessenheit der Kollegen

Die Selbstbetrachtung der eigenen Dichterexistenz dagegen fällt gnadenlos und unbarmherzig aus: „Die poetische Existenz ist der Strick, an dem du baumelst in langem Verrecken.“ Ashburn ist ein Übertreibungskünstler von der Güte und Häme eines Thomas Bernhard, einer, der mit der „Romanversessenheit“ seiner Kollegen wenig am Hut hat und sich lieber an größeren Vorbildern orientiert: „Ich möchte den Satz schreiben, den ich, ohne meiner unsicher zu sein, Céline, Pessoa und Cioran zeigen könnte.“

Weder Posse noch Pose verdienen aber die Kinder dieser Welt. Eine dann doch überraschende Zärtlichkeit und Liebe kontrastiert den Text, wenn die vierjährige Enkelin Lara die Szene betritt und mit ihren altklugen Ansichten – wie alle Kinder – die Welt der Erwachsenen aus den Angeln hebt. Es sind Geschichten, wie sie alle kennen, die Kinder großgezogen haben, ja manchmal hat man sie wortwörtlich schon aus Mündern gehört. „Der Himmel ist nicht dicht, sagt Lara und stellt sich unter ein Vordach.“ In diesen Momenten bekommt Ashburn es mit der realen Angst zu tun, dass ihm der Tod einen Strich durch sein Manuskript machen und er Laras genialische Sprüche nicht länger goutieren könnte.

Ashburn als einen Kulturpessimisten zu bezeichnen wäre untertrieben: „Habe ich in Wien die Möglichkeit, gute Ausstellungen zu besuchen, gehe ich auf den Naschmarkt.“ Er gefällt sich in seiner oft ironischen Ungreifbarkeit, turnt in Paradoxien und ist streckenweise nicht ganz gefeit vor Geschwafel. Letztlich ist es eine Pose: „Nehmt mich ernst für das, was ich nicht bin; lacht über den, der ich bin.“ ■

Alexander Widner

Ashburns Knöpfe

Possen und Posen der vorletzten Tage. 180S., brosch., €18,80 (Wieser Verlag, Klagenfurt)