Die beste Abwehr und eine hoch effiziente Offensive haben die Ticos erstmals bis ins Viertelfinale geführt. Gegner Niederlande ist gewarnt und baut auf den besten Angriff des Turniers.
Salvador/Wien. Die Sympathien sind Costa Rica als krassem Außenseiter im heutigen Viertelfinalduell mit den Niederlanden (22 Uhr, ORF eins, ZDF, SFzwei) gewiss. Die Mittelamerikaner erleben in Brasilien ihr Fußballmärchen und stehen erstmals in der Geschichte unter den letzten acht. 4,3 Millionen Landsleute fiebern heute mit ihren Helden mit, die mit einem Erfolg nicht nur sich selbst, sondern einem ganzen Kontinentalverband zu einer unerwarteten Sternstunde verhelfen könnten. Erst ein einziges Mal schaffte ein Land aus der Concacaf-Zone, also Nord-, Mittelamerika und der Karibik, den Sprung ins Halbfinale: Bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay belegten die USA den dritten Platz.
„Wir haben den Traum, für Costa Rica Geschichte zu schreiben. Das ganze Land steht hinter uns“, sagte Abwehrspieler Junior Diaz von Mainz 05. Zwölf seiner Teamkollegen spielen noch in der Heimat oder in den USA und wollen mit einer guten WM den Sprung nach Europa schaffen. „Wir wollten die Welt auf unseren Fußball aufmerksam machen, ihr zeigen, dass sie die Türen für uns öffnen kann“, erklärte Innenverteidiger Giancarlo Gonzalez.
Nur ein Gegentor aus dem Spiel
Ein costaricanisches Offensivspektakel ist auch diesmal nicht zu erwarten, präsentierten sich sich die Ticos bislang doch als absolute Minimalisten. Nur 15 der insgesamt 32 abgegebenen Schüsse in den vergangenen vier Partien gingen auf das Tor – die viertschlechteste Quote aller 32 teilnehmenden Mannschaften. Nur der Iran (zwölf) und Australien (14) waren zurückhaltender im Abschluss, allerdings bei einem Spiel weniger. Umso beeindruckender ist dafür die Effizienz, erzielte Costa Rica daraus doch gleich fünf Tore. Ganz anders der heutige Gegner: Die Niederländer verbuchen durchschnittlich alle 8,7 Minuten einen Abschluss, stolze 41 ihrer 55 Schüsse hatten das richtige Ziel. Mit zwölf Toren sind sie zudem auch die trefferreichste Mannschaft.
Die beste Offensive des Turniers trifft somit auf eine der besten Defensiven. Erst zweimal musste Torhüter Keylor Navas hinter sich greifen. Gar nur ein Tor fiel aus dem Spiel heraus, da Edinson Cavani für Uruguay vom Elfmeterpunkt traf. Damit liegt Costa Rica gemeinsam mit Frankreich, Kolumbien und Belgien an der Spitze. Speziell Keeper Navas, der nach einer Schulterblessur wieder fit ist, spielte sich beim Achtelfinal-Krimi gegen Griechenland mit zahlreichen Glanzparaden und einem gehaltenen Elfmeter in den Vordergrund und wird inzwischen mit mehreren Topklubs in Verbindung gebracht. Noch aber zeigt sich Arbeitgeber Levante hart, der Klub von ÖFB-Legionär Andreas Ivanschitz soll ein Angebot über sechs Millionen Euro von Meister Atletico Madrid für den 27-Jährigen ausgeschlagen haben.
Mit großem Interesse wird Costa Ricas Partie wohl auch im italienischen Trevignano verfolgt, dem Firmensitz von Ausrüster Lotto. Der Erfolgslauf der Ticos hat einen regelrechten Run auf die Trikots ausgelöst, im Fifa-Onlineshop sind die meisten Größen längst ausverkauft. Nach Angaben der Italiener ist der Verkauf seit dem 3:1-Auftaktsieg gegen Uruguay um das 20-Fache gestiegen, die Produktion kommt der großen Nachfrage nicht mehr nach.
Orange Comebacks
Nach Mexiko ist Costa Rica der zweite Concacaf-Gegner für die Niederlande, diesmal soll die Entscheidung aber nicht erst durch ein Elfmetertor in letzter Minute fallen. Seit dem Kantersieg zum Auftakt gegen Spanien präsentierte sich die Elftal zwar in der Offensive um den überragenden Arjen Robben stark, leistete sich aber vor allem in der Abwehr Unsicherheiten und Fehler. Nun fällt mit Nigel de Jong auch noch die defensive Schaltzentrale wegen einer Verletzung aus.
Positiv schlägt der niederländische Teamgeist zu Buche. Gegen Spanien, Australien und Mexiko lag Oranje in Rückstand, dreimal wurde die Partie noch gedreht. „Wir haben einen starken Glauben an uns selbst“, sagte Wesley Sneijder, mit 15 Einsätzen neuer WM-Rekordspieler seines Landes. „Auch wenn wir vor einer Niederlage stehen, lassen wir uns nicht hängen.“ Von der vermeintlich klaren Rollenverteilung will sich die Mannschaft von Louis van Gaal nicht blenden lassen. „Costa Rica hat sich in einer schwierigen Gruppe durchgesetzt. Wir müssen voll fokussiert sein, wenn wir gewinnen wollen“, betonte Bayern-Star Robben. Ein intensives Duell scheint jedenfalls garantiert: Costa Rica (81 Fouls) und die Niederlande (76) sind die beiden Mannschaften, die bislang für die meisten Schiedsrichterpfiffe gesorgt haben.
Niederlande: 1 Cillessen; 7 Janmaat, 2 Vlaar, 3 De Vrij, 4 Martins Indi, 15 Kuyt; 8 De Guzman, 10 Sneijder, 5 Blind; 11 Robben, 9 Van Persie.
Costa Rica: 1 Navas; 16 Gamboa, 2 Acosta, 4 Umaña, 3 Gonzalez, 15 Diaz; 17 Tejeda, 5 Borges; 7 Bolaños, 10 Ruiz; 9 Campbell.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2014)