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Graffiti am Donaukanal: »Relativ wenig Substanz«

Graffiti am Donaukanal
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Graffitiforscher Norbert Siegl dokumentiert seit den 1970er-Jahren die Zeichen an der Wand. Bei den Wiener Sprayern vermisst er Qualität.

Sind es dieselben Leute, die illegal auf Züge sprühen und legal etwa Auftragsarbeiten annehmen?

Norbert Siegl: Das kann man nicht zu 100 Prozent trennen. Manche Sprayer machen Auftragsarbeiten und sprühen dann mit den Spraydosen, die ihnen übrig bleiben, auf Züge. Graffiti sind der Definition nach immer etwas Inoffizielles. Insofern kann es keine Auftragsgraffiti geben. Dafür gibt es neue Formen wie Streetart, die mit dem unbändigen Charakter der Graffiti liebäugeln.

Was sind die Motive der klassischen Sprayer, die inoffiziell die Wände bemalen?

Vor allem die Zugsprayer sind extrem namensfixiert. Die Sprayerbewegung ist ja so entstanden: Jugendliche wollten durch die Verbreitung ihres Namens berühmt werden. Da ist einer hergegangen und hat 5000 Mal seinen Namen auf eine stationäre Fläche geschrieben. Und einer hat denselben Effekt vielfach erreicht, indem er einen Zug mit seinem Tag darauf durch Stadt und Land geschickt hat. Eigentlich ein schlauer Gedanke. Aus den Tags haben sich dann verschiedene Stile entwickelt, indem die Namenszüge auf komplexe Art aufgebaut worden sind.

 

Die bunten Bilder, die man am Donaukanal sieht, sind also auch aus den einfachen Tags hervorgegangen?

Die Tags sind die Basis, und der Namenskult als solcher ist erhalten geblieben. In der Wiener Sprayerkultur finden Sie zu 90 Prozent immer noch Namen. Nur sind die Namen heute sehr kompliziert, bunt ausgeschmückt, verschnörkelt und mit einem Tag signiert. Man hat jetzt auch gerne Messages dabei, die durchaus auch eine politische Bedeutung haben können. Die meisten beziehen sich aber auf Feindbilder wie die Polizei oder die ÖBB.

 

Die Wiener Sprayer machen heute also nichts anderes als die Kids in New York in den 1970er-Jahren?

Da müssen Sie einmal eine qualitative Bewertung vornehmen. Gehen Sie am Donaukanal entlang von der Urania bis nach Brigittenau. Sie werden feststellen, dass dort zu 95 Prozent nachgemachte Sachen sind, mit relativ wenig Substanz und relativ wenig technischem Können.

 

Gibt es auf der anderen Seite auch Sprayer, die sich als Künstler verstehen?

Ja, natürlich gibt es diese Weiterentwicklung. Die Spraydose ist ja ein gestalterisches Mittel, wenn man sie richtig anwendet. Und da gibt es einige, die können tatsächlich was. Und einige wenige, die den Sprung schaffen von der Namensverbreitung hin zur Kunst, Motive komplexerer Art umzusetzen. Einige können auch davon leben.

 

Glauben Sie, wird man sich in 20 Jahren ärgern, dass womöglich echte Kunstwerke zerstört worden sind?

Wir leben in einer Zeit, in der alles tausendfach dokumentiert wird, und ich denke mir, dass der Großteil dieser Werke sehr gut im virtuellen Raum aufgehoben ist. Es ist natürlich schön, wenn man verfolgen kann, wie sich das weiterentwickelt hat. Aber ob man das konservieren soll? Da bräuchte man ja die ganze Stadt Wien. Und ich muss ehrlich sagen, je älter ich werde, desto mehr liebe ich den Blick ins Grüne. Eine schöne Pflanze finde ich weitaus attraktiver als die schönste Sprayerei.

Steckbrief

Norbert Siegl
Der gelernte Fotograf beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit den Botschaften auf der Straße – vom Sticker auf dem Laternenmast über die Sprüche auf Klotüren bis hin zu großflächigen Graffitibildern.

Graffitiforschung
1996 gründete Siegl das „Institut für Graffitiforschung“. Das Institut betreibt ein Fotoarchiv, vermittelt Aufträge und bietet Workshops und Führungen an.

Daniela Beranek

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)