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Die Verlockungen des Verrats

Die Kairo-Affäre, Olen Steinhauer
(c) Blessing Verlag
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Seit WikiLeaks ist es gar nicht mehr leicht, einen Spionageroman ohne »Déjà-lu«-Erlebnis zu schreiben. Olen Steinhauer sucht in »Die Kairo-Affäre« nach alternativen Ansätzen.

Einst brauchte man für einen guten Spionageroman nicht mehr als Schirm, Charme und Melone; einen Guten, am besten leicht väterlich angehaucht, der sich am Ende als perfider Bösewicht herausstellen würde; Spione, die ebenso gut denken und dechiffrieren wie schießen und würgen konnten; und einen Autor, der sich haarsträubende Bedrohungen ausdachte, die das Zeug hatten, die sichere Welt des Lesers für immer aus den Angeln zu heben. Kein Wunder, dass es dem Spionageroman nie so gut ging wie in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Heute sieht das etwas anders aus. Und zwar so anders, dass man jedem Autor mit Ambitionen dringend empfehlen müsste, sich doch auf einem anderen literarischen Gebiet umzutun. Denn der klassische Spionageroman hat seine Grundlagen verloren. Nichts ist mehr geheim, dafür sind grundsätzlich alle gemein. Die Welt ist so unsicher wie nie, die Leser sind ebenso abgebrüht und zynisch wie die Romanciers. Sie können ihren Kindern Gutenachtgeschichten aus WikiLeaks vorlesen, Verschwörungstheorien en gros im Internet studieren und, wer weiß, wurden vielleicht auch schon irrtümlich oder absichtlich von der NSA ausspioniert. Was bitte bleibt da noch?

Das will auch Olen Steinhauer wissen, der sich trotz allem auf das Genre des Spionageromans kapriziert. Und das durchaus mit Erfolg. Der Amerikaner, der 1999 im Zuge eines Fulbright-Stipendiums mit dem ehemaligen Ostblock in Berührung kam und mittlerweile mit seiner Familie in Budapest lebt, hat bereits eine Reihe viel beachteter und preisgekrönter Agentenromane geschrieben, darunter die Serie um den Spion Milo Weaver („Der Tourist“, „Last Exit“, „Die Spinne“).

Milo Weaver, der von den globalen Veränderungen gebeutelte Spion, könnte durchaus Modell gestanden haben für einige der Figuren, die Steinhauers jüngsten Roman bevölkern: „Die Kairo-Affäre“, im derzeit unter Thriller-Schreibern höchst beliebten Arabischen Frühling angesiedelt. Auslöser des Thrillers ist der Mord an dem US-Diplomaten Emmett Kohl, der vor den Augen seiner Frau Sophie in einem Budapester Restaurant erschossen wird. Sophie Kohl macht sich auf den Weg nach Kairo, der letzten beruflichen Station ihres Mannes, um seinen Tod aufzuklären. Die faktischen Elemente, die Steinhauer dem Leser präsentiert, könnten vielfältiger nicht sein: geheime Pläne der CIA für einen Umsturz in Libyen, längst vergangene, aber nie vergessene Verbrechen während der Jugoslawien-Kriege, der Umbruch des ägyptischen Staates.

Lügen aus Lust. Spannender als die Handlung aber sind die Porträts von Menschen, die aus Notwendigkeit oder aus schierer Lust an der Unwahrheit lügen, sowie die Frage, wie sich solche Lügen langfristig auswirken. Denn in „Die Kairo-Affäre“ sagt niemand jemals die Wahrheit. Und das oft nicht einmal aus triftigen Gründen. Lügen sind in diesem Buch ein Reflex, eine Lebenseinstellung, ein Kick und manchmal auch nur ein Irrtum. Das gilt für den verliebten CIA-Agenten Stan Bertolli mit seinem Vaterkomplex ebenso wie für den abgehalfterten, Lyrik liebenden Söldner John Calhoun, das gilt für die naiv-dumme Sophie Kohl (wahrlich keine Werbeträgerin für Harvard) genauso wie für den idealistischen libyschen Exilanten Aziz Jibril und den alten Geheimdienst-Haudegen Omar Halawi. Aus den Erzählperspektiven dieser Personen entwickelt Steinhauer seine Geschichte, manchmal etwas langatmig, dann wieder mit Geschwindigkeit und Dichte.

Das wirklich Bedrohliche an „Die Kairo-Affäre“ aber ist, dass sie die Spionagewelt von einst auf den Kopf stellt. Hier hat man es nicht mehr mit Alleskönnern zu tun, die zwar böse, dafür aber wenigstens brillant waren, sondern mit dem personifizierten menschlichen Makel: wahrscheinlich einfach mit der Realität, in der nicht nach Computerlogik gearbeitet wird, sondern mit „Rückenschmerzen und Hämorrhoiden“, wie ein hochrangiger CIA-Agent seinen Berufsalltag beschreibt. Und diese wahre Einsicht, dass Geheimdienste ebenso übermächtig wie fehlbar sind, ist wahrscheinlich der Punkt, an dem Steinhauer seine Leser so richtig das Fürchten lehrt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)