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Als man aus dem Urlaub noch Postkarten schrieb

Toskana, Italien, Postkarten
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com
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Es gibt sie noch, doch sie sind mittlerweile ähnlich retro wie Briefmarkensammeln. Dabei waren Ansichtskarten früher einmal so ziemlich die einzige Verbindungzwischen Ferienort und daheim.

Es gab eine Zeit, da war Urlaub noch wirklich weit weg. Und nein, das ist nicht räumlich gemeint. Es genügten schon ein paar Tage in der Steiermark oder vielleicht eine Woche in Lignano. Festnetztelefone gab es, das schon. Aber Gespräche, die nicht aus der unmittelbaren Umgebung kamen, waren teuer. Dementsprechend war der gelegentliche Pflichtanruf nur eine kurze Sache. „Alles in Ordnung, es geht mir gut“ auf der einen Seite. „Schön, dass alles in Ordnung ist, aber jetzt leg wieder auf, das ist so teuer“ auf der anderen. Die Distanz war eine technische. Es war Urlaub, und was daheim passierte, war aus den Augen, aus dem Sinn.

Immerhin, ein paar kleine Kontaktmöglichkeiten gab es schon. Eine Liste der Hotels, in denen man wohnen würde. Zum Anrufen, für den Notfall. Und innerhalb von Österreich hatte man „Autofahrer unterwegs“: „Herr Maier, Richtung Kärnten unterwegs mit einem VW Käfer mit dem Wiener Kennzeichen...! Bitte rufen Sie Ihre Gattin an!“ In Zeiten, in denen man sich im Urlaub noch vornehmlich in Österreich aufhielt, bei der Auswahl der Sender auf Ö1, Ö Regional und vielleicht Ö3 beschränkt war, funktionierte das.

Abgesehen davon war aber ein Stück Papier oft die einzige Verbindung zwischen Urlaubern und Daheimgebliebenen. Die Postkarte. Sie war so etwas wie ein Statuseintrag mit Bild, nur eben nicht auf Facebook. Und sie kam in einer etwas niedrigeren Frequenz als Kurznachrichten über das Telefonnetz oder das Internet es heute tun. Schreibt man man heute eigentlich noch Postkarten? Da mag Marketagent.com in einer Umfrage herausgefunden haben, dass 80 Prozent der Österreicher zumindest manchmal bis selten eine Karte schicken, doch in Wahrheit ist der Urlaubsgruß mit buntem Hintergrund fast schon so retro wie Briefmarkensammeln.


Wetter schön, Essen gut. Ein kleiner analoger Zusatzgag im persönlichen Kommunikationsportfolio, viel mehr ist es nicht mehr. Denn dank Mobiltelefon (mit immer günstigeren Roamingtarifen), Internet und diverser Apps ist die technische Distanz zwischen Urlaubsort und daheim kaum mehr vorhanden. „Kann heute abend nicht kommen, liege gerade in Sri Lanka am Strand“ als Antwort auf eine Einladung per SMS? Längst Alltag. Ein Skype-Telefonat vom Strand? Sowieso. Klar, dass die Ansichtskarte auf diese Weise ihre kommunikativ-informative Funktion eingebüßt hat. „Liebe Oma, Wetter schön, Essen gut, Baden lustig.“ Dafür eine Karte zu erstehen, die dann erst einige Tage später ankommt, das hat heute schon etwas Skurriles.

Wobei, ein wenig skurril war es in Prä-Handy-Zeiten auch schon. Da war etwa die Frage, zu welchem Zeitpunkt des Urlaubs die Karten besorgt werden sollen. Zu Beginn wird es noch hinausgeschoben, es bleibt ja noch so viel Zeit. Am Ende folgte der Pflichtkauf am letzten Tag, das Schreiben im Transferbus zum Flughafen, und vor dem Check-in wartete hoffentlich noch ein Postkasten. Ja, Postkarten verschicken war anstrengend, darum wurde es auch bis zum Ende hinausgeschoben.

Da war zunächst einmal das Motiv. Das nachkolorierte Panorama von Peter Roseggers Geburtshaus in Alpl – oder doch lieber die gezeichnete Karte mit zwei barbusigen Kellnerinnen und einem Spruch à la „Ans, zwa, gsuffa“? Das gleiche Motiv für alle ging sowieso nicht, dann also ein konservatives für die Großeltern, ein sexistisch-dümmliches für den besten Freund und ein romantisches Bild mit Sonnenuntergang – das gibt es in jedem Urlaubsort – für den Schwarm aus der Schule. Und wenn es mit dem Schwärmen vielleicht doch nicht ganz so ernst gemeint war, kam die Karte ohne Briefmarke in den Postkasten, dafür mit dem spöttischen Vermerk „Empfänger zahlt aus Liebe“.

Ähnlich originell waren auch die unausrottbaren Witzkarten à la „Wien bei Nacht“ auf schwarzem Hintergrund. Und das überall auf der Welt mit dem gleichen Text – bis auf den Namen des Ortes natürlich. Ähnlich wie die Shirts à la „My girlfriend went to London and all I got was this lousy T-Shirt“, nur dass die nicht per Post kommen, sondern man bei der persönlichen Übergabe Freude heucheln muss. Dann gibt es ja auch heute noch die Freecards. Mit netten Sprüchen, meist getarnter Werbung, hängen sie in Lokalen zur freien Entnahme. Wirklich verschickt werden sie meist nicht. Im schlechtesten Fall lässt man den Stapel, den man sich zuvor zusammengekramt hat, beim Fortgehen im Lokal sogar einfach liegen.


Ein Akt des Leidens. Nach der Auswahl kam die nächste Schwierigkeit. Denn so leichtfüßig wie per SMS oder WhatsApp geht es dann doch nicht von der Hand. Papier hat Bestand, womöglich findet sich die Karte später auf einer Pinnwand wieder. Und da will man doch nicht mit unsinnigen Sätzen auffallen – oder, noch schlimmer, mit unlustigen. Dementsprechend war jeder Akt des Schreibens auch ein Akt des Leidens. Den man sich übrigens noch eine Weile vom Hals halten konnte – mit der Glaubensfrage etwa, ob der Text waagrecht geschrieben werden soll, sodass Adresse und Grußbotschaft auf einen Blick lesbar sind. Oder ob die Karte für die Nachricht um 90 Grad nach links gedreht wird. Da prallten ganze Denkschulen aufeinander.

Auch nicht so leicht war die Suche nach Briefmarken. Je nach Urlaubsland konnte es unterschiedlich kompliziert sein, an die richtigen Marken zu kommen. Spätestens an diesem Punkt gaben viele auf, nahmen die Karten mit nach Hause und überreichten sie dann persönlich. Es sei denn, man weilte gerade in, sagen wir, Kirgistan, und wollte auch auf papierene Weise den Globetrotter raushängen lassen. Selbst, wenn dafür im Postamt von Bischkek eineinhalb Stunden Wartezeit bevorstanden. Dass die Karte erst etwa sechs Monate nach der Rückkehr ankam, war in Ordnung. Denn auch das gehörte dazu, dass man oft schneller wieder in der Heimat war als die Urlaubspost.

Und doch war es keine schlechte Zeit. Damals, vor SMS und Internet, war der Urlaub eine andere Welt. In der man keinen Gedanken daran verschwendete, was daheim passierte. Und war das Heimweh doch groß, blieb viel Raum für Pathos und Tränen rund um die unerfüllte Sehnsucht nach den Menschen daheim. Die man erst in ein oder zwei Wochen wiedersehen – und sich dann viel zu sagen haben würde. Keine SMS zwischendurch, keine Skype-Telefonate am Tablet über das Hotel-WLAN oder womöglich eine Führung durch die Hotelanlage via Webcam. Und es war gut so. Denn sonst hätte man ja auch gleich zu Hause bleiben können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)