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Pop

Die Discokugel aus Suburbia in der Staatsoper

Pet Shop Boys
(c) APA/EPA/MARCIAL GUILLEN
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Alles elektrisch, alles eklektisch: Die guten alten Pet Shop Boys brachten ihre Show beim Jazzfest Wien.

„It's always a new day in heaven“, schwärmt Neil Tennant in „Fugitive“, und dann wieder: „It's always forever in heaven.“ Passt das zusammen? Im Dancefloor-Himmel der Pet Shop Boys schon. Und den betreiben diese beiden nun auch schon 54 bzw. 59 Jahre alten Buben schon über drei Jahrzehnte lang. Begonnen hat ihr Unternehmen am 19.August 1981 in einem Elektrogeschäft in der King's Road: Da begegneten einander Neil Tennant und Chris Lowe zum ersten Mal, als Tennant ein Kabel für seinen ersten Synthesizer kaufen wollte.

Das braucht er jetzt längst nicht mehr. Um die elektronische Basis kümmert sich Lowe, der ewig verspielte Synthie-Meister mit der Aufschrift „Boy“ auf dem Kapperl, während Tennant dafür sorgt, dass das zutrifft, was er im letzten Lied des Abends singt: „Every track has a vocal, and that makes a change.“ „Vocal“ heißt der Song und ist auf dem aktuellen Album der Pet Shop Boys, das programmatisch „Electric“ heißt.

So sah man auch immer wieder auf dem riesigen Video-Vorhang in der Staatsoper die Bilder, die Anfang der Achtzigerjahre junge Popmusiker nachhaltig verzückten: Schaltkreise. Spielplätze für Elektronen. Später schöne Formeln aus der Elektrodynamik. Doch die Fahrt begann mit einem Kegel, wie ihn die Pet Shop Boys gern als Kopfbedeckung tragen, der sich drehte, in die Horizontale, hohl wurde – und schon raste man durch den Tunnel. Keine Frage, man war im Transeuropa Express, dem 1987 eingestellten, also längst mythischen Schnellzug, den Kraftwerk 1977 beschworen hatten. Diese deutsche Band, die erst vor sieben Wochen im Burgtheater ihr Gesamtwerk aufgeführt hat, war ja für die Pet Shop Boys wie für so viele Bands in England und den USA das Vorbild, der Prototyp. Auch wenn die Pet Shop Boys heute ihre Gesichter über die Bühne projizieren, folgen sie der Ästhetik, die Kraftwerk 1981 mit dem Cover „Computerwelt“ vorgegeben haben.

Tänzer mit Stiermasken. Was haben die Pet Shop Boys mit der kühlen Menschmaschinenwelt von Kraftwerk gemacht? Sie haben sie aufgetaut, erwärmt, humanisiert, mit alltäglichen Sehnsüchten aus den Londoner Vorstädten. „Suburbia, where the suburbs meet utopia“, heißt es in „Suburbia“, einem der schönsten Songs des Abends. Dazu bewegten sich eine Tänzerin und ein Tänzer, beide mit Stiermasken, wie man sich einst bewegte in den Achtzigern unter der Discokugel. Eine solche trug Lowe später bei „Leaving“ über dem Kopf, während Tennant, mehr der soignierte britische Gentleman, sich mit einer Art Tropenhelm begnügte.

Ja, die Optik war üppig, mit Lasern und was sonst noch dazu gehört, die Sounds waren schwelgerisch, immer ein bisschen zu viel, ein bisschen zu überladen, wie sich das gehört in der Welt der Pet Shop Boys, wo zarte Ironie stets dann keimt, wenn sich die überlebensgroßen Sehnsüchte an den Realitäten des kleinen Lebens brechen. Fein, dass der bezauberndste Moment des Abends nicht geplant war: Just bei „It's a Sin“, diesem verschämten Rückblick auf eine nicht perfekte Existenz, fiel Tennants Mikrofon aus. Das tat der Begeisterung natürlich keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, die Elektrik war bald repariert, das „Mea culpa, mea maxima culpa“ wurde nachgeholt, und die Disco ging weiter.

Dass sie diesmal im Rahmen des Jazzfests in der Staatsoper stattgefunden hat, hat nicht geschadet. Oder eigentlich doch: In einem kühlen Zweckbau wie dem Gasometer wirkt die Suburbia-Beschwörung der Pet Shop Boys stimmiger. Das nächste Mal dann wieder in einem Himmel aus Beton.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)