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Bachmann-Preis: Mutterschmerzen, kleine Liebesgeschichten

(c) APA/EPA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)
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Die Gewinnchancen waren heuer so hoch wie nie, sechs Preise für 13 Kandidaten, eine Autorin sagte krankheitshalber ab. Der Wettbewerb ist allerdings in Gefahr in Belanglosigkeit abzugleiten. Die Fachbesucher murrten.

Der Bachmann-Preis 2014 (25.000 Euro) ist vergeben: an den 1961 in Hannover geborenen und seit 1984 in Wien lebenden Zeichner, Musiker und Autor Tex Rubinowitz. Es ist in der 38-jährigen Geschichte des Wettbewerbs selten, dass ein amüsanter Text den Hauptpreis gewinnt; das letzte Mal vielleicht 1995, als Franzobel für die „Krautflut“ prämiert wurde. Satirische, ironische, humorige Texte erhalten in Klagenfurt üblicherweise den Publikumspreis. Möglicherweise hat die abstimmende Netz-Gemeinschaft Gertraud Klemms „Muttertags-Suada“ witzig empfunden und deshalb für sie gestimmt. Obwohl die 1971 in Wien geborene Autorin von Juror Hubert Winkels hartnäckig für jeden Preis nominiert wurde, ging sie bei den Jury-Preisen leer aus. Die Jury fand das „Frustrations-Labyrinth der Kleinkind-Erziehung“ (Jurorin Meike Feßmann) offenbar nicht so lustig wie die literarischen Laien.

Der Kelag-Preis (10.000 Euro) ging an den 1982 nahe Bern geborenen Michael Fehr, der mit „Simeliberg“ akustisch Eindruck machte. Der blinde Autor bekam den Text nämlich via Kopfhörer vorgelesen und gab ihn im Vortrag wieder. Seine Performance lieferte der Jury mehr Diskussionsstoff als die Geschichte selbst. Ein Stechen zwischen Senthuran Varatharajah und Katharina Gericke um den 3sat-Preis (7500 Euro) entschied der 1984 geborene Tamile für sich, dafür erhielt letzerte den vom Klagenfurter Buchhändler Helmut Zechner gestifteten „Mr. Heyn's Ernst-Willner-Preis“ (5000 Euro).

 

Tex: „Verbumfeit, klabastrig“

Die Gewinnchancen waren in diesem Jahr so hoch wie noch nie, da für nur 13 Kandidaten (eine ist krankheitshalber ausgefallen) theoretisch sechs Preise zur Verfügung standen. Zu den offiziellen fünf Preisen gesellt sich der „Automatische Literaturkritik-Preis“ hinzu, der aus Spenden gespeist wird und heuer 5000 Euro ausschüttet. Diesen Preis hinzugerechnet ergibt sich eine (nahezu 50-prozentige) Gewinnchance, die sonst kaum wo zu erzielen ist. Den Preis gibt es schon seit 2008, aber ins Bewusstsein der Bachmann-Preis-Community ist er erst durch einen Artikel der Preisträgerin von 2006, Kathrin Passig, getreten, die ihn in der Zeitschrift „Volltext“ bewarb. Erhalten hat auch ihn Michael Fehr.

Schon bei der Debatte über Tex Rubinowitz' Text „Wir waren niemals hier“ war klar, dass er einen Preis bekommen würde. Unentschieden war nur, welchen. Selbst Neojuror Arno Dusini, der an wenigen Beiträgen Gefallen fand, lobte die unselige Beziehungsgeschichte zwischen der „durch und durch pragmatischen“ Irma und dem sich zum Affen machenden Ich-Erzähler. Die nahezu völlig emotionslose Baltendeutsche, deren einzige Leidenschaft das Lecken von Batterien ist, fordert den Hannoveraner nicht nur sprachlich durch wunderliche Vokabel („verbumfeit, gebumfiedelt, klabastrig“), sondern auch damit, dass sie ihm Zucker in die Jackentasche leert und ihn Brathühner klauen lässt. Der Witz des Textes speist sich vor allem aus dem Missverhältnis in dem nur zur Not als Liebesbeziehung zu bezeichnenden Zusammenleben der zwei in einer 26-Quadratmeter-Wohnung.

Auch die Geschichte Michael Fehrs über einen an der „Schweizer Krankheit“, der Melancholie, leidenden Gemeindevertreter und einer paramilitärischen Organisation, ist inhaltlich nicht sonderlich aufregend. Der Text ist vielmehr phonetisch choreografiert, das heißt, er hat eine lautliche Struktur. Mehr als über das „zeitgenössische Schweizer Bauerntheater“ (Jurorin Daniela Strigl) unterhielt sich die Jury deshalb darüber, wie in Zukunft mit solch lautmalerischen Texten umzugehen sei, beziehungsweise überhaupt mit einer ins Gesprochene rückgeführten Literatur. Tatsächlich entfaltet Fehrs in Versform geschriebener Text nur laut gelesen seine Wirkung.

 

Eine Jury ohne Biss

Noch eine Art Liebesgeschichte, wenn auch eine, die nur von 8 Uhr 31 bis 23 Uhr 57 dauert, ist Senthuran Varatharajahs Facebook-Chat zwischen einem Tamilen und einer Albanerin. Die beiden tauschen ihre Befindlichkeit sowie ihre von archaischen und religiösen Traditionen geprägten Familiengeschichten aus. So unterschiedlich wie die Herkunft der beiden, so unterschiedlich auch ihre Art zu sprechen und worüber sie sprechen. Ob wir schon soweit sind „dass man die Liebe nur noch in der Oper sieht“, fragt die Erzählerin in Katharina Gerickes Berliner Stadtspaziergang in Jamben. Wieder spielte der Rhythmus des Textes eine entscheidende Rolle in dieser „spätmodernen Ballade auf die Liebe“ (Jurorin Hildegard E. Keller). Angesiedelt ist das Personal des Textes im Opernmilieu, das die 1966 geborene Autorin opern-, oder wie Feßmann meinte, operettenhaft agieren lässt. Das verleiht dem Text seine Leichtig-, aber auch seine Luftigkeit.

Von beidem hat Gertraud Klemms treffend als „Ujjayi“ betitelter Beitrag nichts. Er ist eine atemlose, verbissene Anklage des Mutterdaseins. „Wenn eine Erzählsituation ident wird mit der Stimme und dem Hineinfühlen in eine Figur, kann das auch ein großes Problem sein“, merkte Arno Dusini zu Recht an und resümierte, dass die Erzählinstanz mit ihrer Figur in die Familiensituation zurückkippe und diese „Selbstaggression“ zur Folge habe, dass das Schreiben hier „gegen die Wand“ laufe.

Ein solches Schicksal könnte der Bewerb auch selbst erleiden. Drohte dem Bachmann-Preis 2013 das finanzielle Aus, läuft er nun Gefahr, wegen literarischer Belanglosigkeit sanft zu entschlafen. Ging anfangs noch leises Raunen durch die Fachbesucher, war am Ende schon kräftiges Murren vernehmbar: Warum nur so unerhebliche Texte? Ist die gegenwärtige Jury inzwischen so eine Art spanische Nationalmannschaft? Gut eingespielt, aber ohne jeglichen Biss. Oder liegt es am „System Bachmann-Preis“ an sich? Das macht die Juroren zu Geiseln der Autoren, die sie einladen. Vielleicht sollte man zwei Jurys einsetzen: eine anonyme, die die Texte auswählt, und eine öffentliche, die darüber diskutiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2014)