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Tex Rubinowitz: "Ich habe meine Seele aufgemacht!"

Tex Rubinowitz sieht seine Auszeichnung auch als Hommage an Autor Wolfgang Herrndorf und deutet an, dass sein Siegertext zu einem Roman werden könnte.

Die Presse: Sie sind seit Jahren aktiver Teil der Bachmann-Familie, organisieren das Drumherum des Wettlesens mit Quizspielen und Wettschwimmen. Wie war es, plötzlich im Fokus zu stehen?

Tex Rubinowitz: Wenn man vor der Kamera sitzt und lesen muss, ist man wie in Trance. Man ist anwesend abwesend. Meine einzige Sorge war: Hoffentlich fällt das Wasserglas nicht um. Ansonsten war ich relativ entspannt, weil ich nicht mit dem Preis gerechnet habe. Ich wusste ja, dass Humor in Klagenfurt nicht belohnt wird.

Kam es Ihnen als Zaungast in all den Jahren je in den Sinn, hier selbst vorzulesen – bevor Sie Jurorin Daniela Strigl im Winter fragte, ob Sie teilnehmen wollen?

Null. Ich hatte eine viel zu große Ehrfurcht davor. Ich bin ja kein wirklicher Literat, mir ist das zugefallen. Zudem habe ich mich immer wohl gefühlt als Zaungast und Unterstützer für andere. Für Wolfgang Herrndorf etwa (Anmerkung; Autor von „Tschick“), der vor zehn Jahren hier gelesen hat und sich im vergangenen Jahr wegen seinem bösartigen Gehirntumor umgebracht hat. Aber ich habe mich auch für Kathrin Passig (Bachmannpreisträgerin 2006) und Jochen Schmidt gefreut, der leider nichts gewonnen hat.

Sie alle waren Teil des Bloggerforums „Wir höfliche Paparazzi“. Zufall oder nicht, dass viele von Ihnen beim Bachmannpreis antreten – und ihn sogar gewinnen?

Für uns war das wie eine Schreibschule. Zumindest habe ich durch dieses Forum schreiben gelernt. Ich weiß auch, dass Wolfgang Herrndorf erst dort den Mut gefunden hat, frei zu schreiben – und ohne ihn hätte ich nicht zu schreiben begonnen. Insofern schließt sich mit meinem Antreten ein Kreis. Mein Preis ist auch eine Hommage an ihn.

Jurorin Daniela Strigl hat sie eingeladen. Sie hofft jetzt, dass Sie sich neben Ihrem Brotberuf als Zeichner, noch mehr der Literatur widmen werden. Werden Sie ihr diesen Gefallen machen?

Natürlich. Ich möchte an diesem Text weiterschreiben, weil mich interessiert, wie die Geschichte weitergeht. Das hätte ich auch ohne Preis gemacht, nur der Druck ist jetzt größer. 

In Ihrem Text „Wir waren niemals hier“ geht es um eine skurril-schwierige Liebesbeziehung, die nicht wirklich in die Gänge kommt. Sie stehen dazu, dass der Text autobiografische Züge hat.

Ich könnte eine Liste machen, was wahr und falsch ist. Das Mädchen hat es gegeben, mich hat es gegeben, das Tattoo und die Verzweiflung, selbst den Schlag hat es gegeben, die Batterien, den Rauch und die Zigaretten auch. Aber natürlich sind auch andere Elemente drin. Aber ich habe hier durchaus meine Seele aufgemacht.

Während die Jury ihren Text kritisiert hat, haben Sie einige Male zustimmend genickt. Wie ist das, wenn man coram publico kritisiert wird und nichts erwidern kann?

Die Regeln sind klar: Die Juroren sind die Stars, wir Autoren sind nur die Dienstleister und sollen gefälligst die Klappe halten. Aber wenn mich, wie es geschehen ist, Hubert Winkels direkt ansieht, dann muss ich mit Nicken reagieren, da kann ich nicht einfach stumm dasitzen. Aber wenn ich mich eingemischt hätte in die Jurydiskussion, die Gott sei Dank sehr positiv war, wäre das zu meinem Nachteil gewesen. Das hätte man mir als querulantisch ausgelegt.

Juryvorsitzender Burkhard Spinnen kritisierte, Sie hätten Ihren Text grässlich gelesen.

Damit habe ich kein Problem. Es geht ja nicht um den Vortrag, sondern um den Inhalt. Burgschauspieler Joachim Meyerhoff hat im Vorjahr viel Lob für seinen guten Vortrag bekommen, aber der lenkte ab vom Inhalt. Wenn ich mich verlese oder verplappere, ist mir das egal. Ich bleibe beim Vorlesen generell nicht so gern am Text kleben. Es war für mich eine Aufgabe, nicht zu erklären und zu kommunizieren und am Text zu kleben.

Bachmannpreis und Songcontest werden auch gern belächelt. Sie haben große Sympathien für beide Institutionen. Warum?

Die Bewerbe haben viele Parallelen, die viele nicht sehen, weil sie denken, es gibt keine Schnittmenge zwischen Schlager und Literatur. Die meisten haben Vorurteile oder lehnen beides pauschal ab, weil sie sich nicht damit auseinander setzen wollen. Wer hat schon Zeit, jeden Tag sechs Stunden Literatur anzusehen? Dabei geht es nicht nur um Literatur und Schlager, es geht um ein Gesamtkunstwerk.

 

 

ZUR PERSON

Tex Rubinowitz, geboren als Dirk Weseberg 1961 in Hannover, seit 1984 in Wien, ist Cartoonist, vor allem beim „Falter“, Schriftsteller und Sänger der Band Mäuse. Er schrieb u.a. das Wienbuch „Das staubige Tier“, das Reisebuch „Rumgurken“ und viel für die 1999 von Christian Ankowitsch gegründete Online-Plattform „Wir höflichen Paparazzi“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2014)