Bei Präsident „Lula“ lobte Alfred Gusenbauer die Industrie und die Getränke des Landes.
SÃO PAULO/ RIO DE JANEIRO. Am Montag waren beide noch in São Paulo: Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer beim Ededelstahl-Schmied Villares, einer hundertprozentigen Tochter von Böhler-Uddeholm, Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva beim LKW-Bauer Scania. In Brasilien heißt es: in São Paulo wird das Geld verdient, in Brasília wird es verteilt und in Rio de Janeiro wird es verjubelt. Zum Geld verteilen war Gusenbauer allerdings am Dienstag nicht in die futuristische Hauptstadt Brasília gekommen, sondern um mit Lula über Themen wie Biotreibstoff, Freihandel und eine mögliche Erweiterung des UN-Sicherheitsrates (Brasilien will rein) zu sprechen.
Alte Habsburger-Bande
Österreich und Brasilien könnten unterschiedlicher nicht sein, sind aber trotzdem seit der Unabhängigkeit Brasiliens gewissermaßen auch familiär verbandelt (die beiden ersten Kaiser Brasiliens heirateten Habsburgerinnen). In seiner Begrüßung des Gastes aus Österreich erinnerte Lula an die gemeinsamen Wurzeln beider – die Arbeiterbewegung – und bekundete Genugtuung darüber, dass er in Wien den Bruno-Kreisky-Preis hat empfangen dürfen. Beide Regierungen seien sich in vielen Dingen einig – über die Notwendigkeit der Armutsbekämpfung und der sozialen Integration, über den Schutz der Umwelt und des Klimas beispielsweise – daher habe er die Erwartung, dass Brasilien mit Österreich auch auf der Euro-Lateinamerika-Konferenz Ende der Woche in Lima gemeinsame Positionen vertrete.
Zwei, die hart im Nehmen sind
Brasiliens Präsident empfing den Kanzler am Dienstag im Regierungspalast „Palácio Planalto“, hernach ging es zur mittäglichen Tafel in den „Palácio Itamaraty“, den Zeremonialpalast des brasilianischen Außenministeriums. Die Küche dieses Palastes ist berühmt-berüchtigt und hat schon bei manchem Staatsgast Schweißausbrüche verursacht – aber Gusenbauer wie Lula sind hart im Nehmen.
Der Kanzler hat mit seiner positiven Beurteilung des brasilianischen Bio-Sprit-Programms und der Würdigung der brasilianischen Industrie beim „Metaller“ Lula Punkte gemacht. Und auch die Tatsache, dass den Kanzler eine ganze Korona von Unternehmern begleitet, die nicht abgeneigt sind, in Brasilien zu investieren, löst bei den Brasilianern Freude aus. Schließlich hat Brasilien jüngst von amerikanischen Rating-Agenturen angesichts des anhaltenden Booms den Ritterschlag bekommen.
Nach spektakulären Funden scheint es, als würde Brasilien auf reichen Erdöl- und Erdgasschätzen sitzen, das Land hat sich außerdem zum Saudi-Arabien der Alternativenergie entwickelt. Doch die EU will dem Import von brasilianischem Ethanol auf Zuckerrohrbasis Grenzen setzen. Doch das ist nicht der Grund dafür, weshalb der brasilianische Rum in der Caipirinha-Erscheinungsform so gerne getrunken wird (musste Gusenbauer natürlich auch probieren).
Unter „Strauchdieben“
Der Kanzler durfte auch durch die hohen Hallen des schönsten Parlaments der Welt in Brasília wandeln und einige Herren Senatoren und Abgeordneten begrüßen. So eindrucksvoll auch hier die Architektur des Star-Planers Oscar Niemeyer ist, so muss sie ein wenig darüber hinwegtrösten, dass der brasilianische Kongress eben nicht das gleiche ist wie das heimische Parlament. Böse Zungen behaupten: Der Kongress ist ein Bazar, der dem Präsidenten das Regieren teuer macht. Lula selber hat ja mal die Volksvertreter als „Strauchdiebe“ bezeichnet. Aber das ist lange her, und es bleibt auch keine Zeit, das zu vertiefen, denn am Abend flogen Gusenbauer und seine Mannschaft nach Chile weiter.
AUF TOUR
Bundeskanzler Gusenbauer trifft auf seiner Tour durch Südamerika heute, Mittwoch, aus Brasilien kommend in Santiago de Chile ein. Am Freitag wird er in Lima (Peru) erwartet, wo er am Gipfel der EU und der Staaten Lateinamerikas und der Karibik teilnimmt. Erste Station seiner Reise war in der Vorwoche Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2008)