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„Der Gerechtigkeitssinn ist wie ein Muskel“

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Gerechtes Handeln taugt nicht zum Bildungsstandard, aber man kann es täglich fördern. Lawrence Kohlberg hielt Gerechtigkeit für eine Denksache, heutige Psychologen betonen frühes und emotionales Lernen.

In der kleinen Welt, in der Kinder leben, gibt es nichts, was sie so feinsinnig aufnehmen und empfinden wie Ungerechtigkeit, ganz gleich, von wem sie erzogen werden“, sagt Pip in Dickens' Roman „Große Erwartungen“. Stimmt das? Der kleine Pip wird ungerecht erzogen, von einer tyrannischen Schwester, wie kann er sich darüber empören, wenn er sonst nichts kennt?

Weil er einen „natürlichen“, angeborenen Sinn für Gerechtigkeit hat, hätte der Philosoph Jean-Jacques Rousseau gesagt. Die Erfahrung lehrt aber, dass Menschen sehr unterschiedlich auf ungerechte Verhältnisse reagieren. Die einen werden vielleicht Gerechtigkeitsfanatiker, die anderen Meister der Unterdrückung. Ihr Verhalten hängt von unzähligen genetischen und nicht genetischen Faktoren ab.

 

Sechs Gerechtigkeitsstufen

Kein Wunder, dass derzeit mehr darüber nachgedacht wird, wie man Kindern früh Fremdsprachen beibringt, als wie man ihren Gerechtigkeitssinn fördert, zumal der schwer messbar ist und nicht zum Bildungsstandard taugt. Versuche, ihn zu messen und zu fördern, gibt es aber schon lange. Das einflussreichste Modell entwickelte seit den 50er-Jahren der US-Psychologe Lawrence Kohlberg. Gerechtigkeit war für ihn gleichbedeutend mit Moral und stand im Mittelpunkt seiner Theorie moralischer Entwicklung. Diese beginnt mit dem Kleinkind, das sich nur an Gehorsam oder Bestrafung orientiert, geht über die „Eine Hand wäscht die andere“-Haltung bis zur höchsten Stufe, wo man sich von allgemeingültigen Prinzipien wie der Gleichheit aller Menschen, Respekt für die individuelle Würde etc. leiten lässt.

 

Nützt das „Heinz-Dilemma“?

Theoretisch. Kohlberg sah den Gerechtigkeitssinn als Denksache, deshalb war ihm die Dilemma-Diskussion so wichtig. Junge Menschen wurden mit verzwickten ethischen Fällen konfrontiert: wie dem „Heinz-Dilemma“, in dem ein Mann, dessen Frau krebskrank ist, entscheiden muss, ob er das nötige Medikament stehlen soll. Mit derlei Debatten wollte Kohlberg nach Art des Sokrates das moralische Urteilsvermögen fördern.

Fördern sie auch moralisches Handeln? Der Hauptgrund, warum Menschen sich ungerecht verhalten, ist ja nicht, dass ihnen die Einsicht in einen ethisch vertrackten Fall fehlt. Schuld ist meist die sogenannte Akrasie – man weiß, was das Richtige wäre, tut es aber nicht, aus Bequemlichkeit, fehlendem Mitgefühl, Willensschwäche...

Außerdem erwies es sich als sinnlos, Menschen mit der ethischen Kür zu konfrontieren, die das Einmaleins der Gerechtigkeit nicht beherrschten. Das Heinz-Dilemma etwa war für Häftlinge gar keins: „Warum hat dieser dumme Mann die Medizin nicht gleich gestohlen?“, wunderten sie sich.

Auch Kohlbergs „just communities“ waren ein Misserfolg. Er versuchte, in Schulen partizipatorische Demokratien zu schaffen, durch die moralische Atmosphäre des Gemeinschaftslebens und kollektiv erarbeitete Lösungen sollte Gerechtigkeit eingeübt werden. Trotz vieler Erzieher und Berater scheiterte das Experiment, es gab Probleme mit Drogen, Diebstahl, Sex, Rassismus... Am Ende revidierte Kohlberg seine Ablehnung moralischer „indoctrination“: Er habe sich geirrt, moralische Erziehung müsse doch teilweise „belehrend“ sein, korrigierte er Ende der 70er-Jahre.

Kohlbergs Einsicht in kindliche Entwicklungsstufen wird zwar heute relativiert, in Grundzügen ist sie aber wesentlich geblieben. Aber das Vertrauen, dass der Intellekt allein uns moralisch machen kann, ist seit Kohlberg geschwunden. Dafür hat die Entwicklungspsychologie gezeigt, wie wichtig das „emotionale Lernen“ schon in der (frühen) Kindheit ist. Zumal Babys keine Tabula rasa sind: Sie weinen mehr mit, wenn andere Babys weinen, als wenn man ihnen ihre eigene Stimme auf Tonband vorspielt. Zeigt man Babys eine Puppe, die einer anderen Böses tut, und dann eine, die diese bestraft sowie eine, die diese belohnt, greifen die Babys zur strafenden Puppe, obwohl sie normalerweise immer „lieb“ handelnde Puppen bevorzugen. Das heißt, sie sind zwar noch totale Egoisten, aber als soziale Wesen zeigen sie Vorformen von Empathie und Gerechtigkeitssinn.

 

Zuerst kommt die Ich-Stärkung

Wie werden diese Anlagen verstärkt und in die richtige Richtung gelenkt? Schon im Mutterleib, sagen Psychologen – indem sich Kinder angenommen fühlen und erleben, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Bis zum Alter von drei Jahren gehe es in erster Linie um die „Stärkung des Ichs“. Je jünger die Kinder, desto weniger Regeln (die aber eingefordert werden). Mit allen möglichen, die Sinne ansprechenden Spielen versuchen Psychologen, Kindern zu einem Gefühl für das Du zu verhelfen: Ein Beispiel ist die „Kuschelburg“, bei der es um gegenseitige Berührung geht, darum, herauszufinden, was einem selbst und dem anderen angenehm ist. Was das mit dem Gerechtigkeitssinn zu tun hat? Viel, weil es einen solchen nicht geben kann, wenn das (Mit)Gefühl für das Du fehlt.

Viele Kindergärtner lehnen aber Programme wie das deutsche „Papilio“ oder das österreichische „Faustlos“ ab: Das Kind lerne am besten durch spontane Intervention in konkreten Alltagssituationen und durch Bezugspersonen, sich in andere hineinzuversetzen, für alle akzeptable Lösungen zu finden und den Sinn von Regeln zu verstehen.

Das heißt, zuallererst durch die Eltern. Auch Lob und Strafe sind auf einer sanften Ebene wieder „in“, nur dass sie jetzt „positive und negative Verstärkung“ heißen; ebenso wie das „Lernen am Modell“, durch die Nachahmung positiver Bezugspersonen.

„Jeden Tag eine gute Tat“ – auch dieses Pfadfindergebot klingt nur altmodisch. Aristoteles sah gerechtes Handeln als Übungssache, Gerechtigkeitsphilosoph Otfried Höffe tut das heute noch. „Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu“ gelte seit Jahrtausenden, sagt er, und danach zu handeln lerne man „durch Einüben, Gewöhnung“. Auch für den Schweizer Moralforscher Georg Lind ist der Gerechtigkeitssinn wie ein Muskel: „Er wird schlaff, wenn man ihn nicht benutzt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2014)