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"Atme falsch, sing es falsch!": Schubert, frisch von der Leber weg

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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"Schubert und ich" zeigt, wie Pianist Marino Formenti musikalische Laien zum Liedersingen bringt. Bei den "Wellenklängen" in Lunz setzt er das Projekt live fort.

Das war daneben... Daneben ist schön.“ Marino Formenti sagt es sanft und zugleich bestimmt, aufmunternd und aufweckend zu einem jener Menschen, die sich darauf eingelassen haben, mit ihm Lieder von Franz Schubert einzustudieren – ganz ohne klassische Gesangsausbildung, nur mit der vorhandenen, entwickelbaren Musikalität, vor allem aber mit dem ureigenen persönlichen Hintergrund, mit den Brüchen, Verwerfungen und auch Wunden, die ein Leben mit sich bringt.

Der Film „Schubert und ich“ zeigt, wie der Musiker Marino Formenti auf der Straße Leute anspricht und sie fragt, ob sie sich vorstellen könnten, zu singen. Denn: „Mir gehen die Künstler auf die Nerven.“ Statt nach Schönheit und Perfektion sucht der Pianist und Dirigent lieber nach der Wahrheit – gemeinsam mit den Neugierigen, die sich auf die Reise einlassen.

Er besucht sie, begleitet sie, so vorhanden, auf deren Klavier oder bringt das eigene Keyboard mit. „Atme falsch, sing es falsch!“, beschwört er die, die sich von den eigenen Ansprüchen nicht animieren, sondern behindern lassen – und freut sich, wenn er zwischen schräger Intonation, Textirrtümern und rhythmischen Unsicherheiten emotionale Kostbarkeiten zutage fördert, die sonst kaum zu finden sind. Und dabei auch, fast nebenbei und mit stiller Rücksicht auf Schubert selbst, viel an Seele freilegt: beim pensionierten Versicherungsdirektor Johann Hauf, der im Beruf viel geblufft hat, beim Musikkritiker Heinz Rögl, der „auf der Geige einmal singen konnte“, früher, und heute viel über Einsamkeit nachdenkt.

Bei der Arbeit die Glacéhandschuhe der Hochkultur abzustreifen und auch mal „schmutzig“ zu werden, hat Formenti nie gestört, im Gegenteil. Jahrelang setzte der gebürtige Italiener als Pianist im Klangforum Wien die komplexesten Partituren um, bevor er eigene Wege einschlug, immer öfter selbst zum Taktstock griff und der Musik und ihrer Kraft in teils radikal zugespitzten Situationen nachspürte: Beim Steirischen Herbst hat er eine Woche lang in einem Kubus unter direkter und digitaler Beobachtung gelebt und viel Feldman gespielt („Nowhere“, 2010) oder war überhaupt nackt am Flügel zu erleben (Rodrigo García: „Gólgota Picnic“, 2011). Beim Festival „Wellenklänge“ in Lunz am See (NÖ) mit seinem reichhaltigen Programm, das vom modernen Klassiker Kurt Schwertsik bis Jazz, Pop, Rock und World Music reicht, hat er nun ein neues, nach allen Seiten offenes Ambiente gefunden.

„Du singst wie ein Mädchen!“, schimpft Formenti im Film einmal Vedran Nedelkovski, den jungen Biophysiker, der leidenschaftlich gern tanzt, aber dessen künstlerische Seite seine Eltern nicht sehen können oder wollen – und der doch einen berührenden Klageton für den „Erlkönig“ findet.

Der Rapper Ahmed Yousif freut sich, dass er besser wuzeln und lauter brüllen kann als Formenti, singt dann aber einen ganz intimen „Leiermann“. Und mit der in der Badewanne übenden Medienkünstlerin Julia Zdarsky geht „Meeres Stille“ schließlich nur als zartes, tastendes Duett.

 

„Schubert in unser Leben pflanzen“

Gemeinsam mit diesen drei Protagonisten verspürte Formenti nach dem Dreh in Frühjahr 2013 „das Bedürfnis, uns mehr und mehr in die Materie zu vertiefen, Schubert wirklich in unser Leben zu pflanzen. Wir hatten den unbedingten Wunsch, in einem Buen Retiro – und Lunz ist der perfekteste Ort dafür – ein Stück wirklich ,menschlich erlebten‘ Musikweg miteinander zu gehen.“

Im Projekt „Borderbreak II – Schubert und ich“ leben der Pianist und seine drei Sänger nun also drei Wochen lang in einem öffentlich zugänglichen Lunzer Haus mit Klavier und Garten zusammen. Einmal pro Woche gibt es musikalische Treffen, zu denen auch junge Bands stoßen und die Auseinandersetzung mit Schubert auf eigene Weise bereichern. Das erste findet heute, Donnerstag statt; anschließend stellt Formenti solo in der Kirche Schubert zeitgenössischer Musik gegenüber; das Publikum kann auf Matratzen lauschen. Zum Finale der Klausur gibt es dann am 26.Juli bei Kaffee, Kuchen, Brot und Wein eine ungewöhnliche Gartenparty, bei der Hausbewohner und Gäste neuerlich Franz Schubert ins Zentrum rücken.„Die Party dient der Musik, nicht die Musik der Party“, versichert Formenti. Eine Schubertiade der besonderen Art also – in der Absicht, „den Liedern die Dringlichkeit zurückzugeben, aus jener sie einst entstanden sind“.

„Schubert und ich“ (Österreich/Schweiz 2014; Regie: Bruno Moll) läuft im Filmhaus am Spittelberg am 10.Juli, 17.15 Uhr.

 

„Wellenklänge“ in Lunz am See dauern bis zum Samstag, dem 26. Juli. Informationen unter wellenklaenge.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2014)