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Pop

George Ezra: "Gute Storys finde ich in jedem Pub"

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(c) APA/EPA/BALAZS MOHAI (BALAZS MOHAI)
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Rausch oder Kater? George Ezra, Newcomer aus Bristol, kann sich nicht so recht entscheiden. Dass er staubigen Blues liebt, darüber ist er sich aber sicher. Mit der „Presse" sprach er über seine Inspirationsquellen.

Mit Vergleichen ist die Musikindustrie flotter denn je. Einen „neuen Johnny Cash" will seine Plattenfirma im 21-jährigen Briten George Ezra entdeckt haben. Zum Glück kümmert den Burschen das nicht. Natürlich, aus seinem - rhythmisch äußerst abwechslungsreichen - Debütalbum „Wanted On Voyage" kann man, wenn man will, auch andere Einflüsse hören, der finstere Schlusssong erinnert sogar an die Doors. Vor allem aber strahlen die zwölf Lieder eine rätselhafte Reife aus. Und Ezras stärkster Trumpf ist das Charisma seiner sonoren Stimme: Aus einem Milchgesichtsmund scheint ein Hundertjähriger zu singen.
Nicht nur darin gleicht er seinem Kollegen King Krule: Wie dieser sucht er, angeödet von Castingshow-Pop und marktoptimierten Radioprogrammen, Inspirationsquellen in Archaischem. King Krule macht steinalter Jazz happy, Ezra labt sich am Blues der Zwanziger- und Dreißigerjahre.

Seine erste Inspiration war aber Bob Dylan, erzählt der artig gescheitelte Ezra: „Er hat mir vermittelt, dass Musik ein Weg für mich sein könnte. Danach kamen Woody Guthrie, Leadbelly, Howlin' Wolf, Robert Johnson und all diese Meister in mein Leben: Menschen, die über die Musik hinaus ganz wenig zum Leben brauchten. Das bewundere ich." Dass er selbst die Universität von Bristol verlassen hat und nun auf die recht unzuverlässige Karte einer Musikerkarriere setzt, findet er gar nicht so schwindelerregend. Sorgen macht ihm eher die Perspektivlosigkeit seiner Generation: „Violence in the air, cutthroat stares, we're just window shopping", ächzt er mit der tiefsten seiner Stimmen im düsteren, mit Maschinenklängen angereicherten „Spectacular Rival", um gleich trotzig zu fragen: „Won't you dance with me?"

Ja, so ein Tanz am Rande der Konsumgesellschaft, der kann behagen. Die Essenz des Lebens sieht Ezra ohnehin im Immateriellen. Gern geht er mit kleinem Koffer und Gitarre auf Reisen. Viele seiner Lieder sind bei einer Interrailreise durch Europa entstanden. So auch sein schwärmerisches „Budapest". Er hat es in Malmö geschrieben, am Tag nach dem Songcontest 2013, als er schwer verkatert realisierte, dass er den Zug nach Budapest versäumt hatte. „Ich bin mir gar nicht sicher", sagt er, „ob der Rausch oder der Kater das Bessere am Alkohol ist." Wenn sich die Vernebelung lichtet, kommen ihm jedenfalls die besten Ideen. Das Material hat er dann schon: „Gute Storys finde ich in jedem Pub." Eine Narbe in seinem Gesicht erzählt allerdings davon, dass diese Recherche mit gewissen Gefahren verbunden ist . . .

Als Kollegen schätzt Ezra u. a. Paul Simon und Ezra Koenig von der US-Band Vampire Weekend. Und auch Jake Bugg, obwohl er die ständigen Vergleiche mit ihm hasst. „Die britische Popmusik war zuletzt arg versnobbt. Es war so erfrischend, als Jake auftauchte. Ich bin immer noch ganz fasziniert, dass ihn das große Publikum gut findet." Die Kohorten der eigenen Fans wachsen ebenfalls rasch. Für sie ändert er sogar seinen Lebensstil. „Ich gehe verantwortungsbewusster mit mir um. Zum Frühstück trink' ich jetzt einfach keinen Whiskey mehr."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2014)