Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schweden ist auf die älter werdende Gesellschaft vorbereitet

Pensionistin
PensionistinClemens Fabry
  • Drucken

Best-Practice-Beispiel. Rentenkürzungen, späterer Renteneintritt, kinderfreundliche Einwanderungs- und Familienpolitik.

tockholm. Schweden war mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie Österreich: Durch den Anstieg von Pensionisten schien das Rentensystem in Zukunft kaum finanzierbar. Für 2025 ist man von einem Anstieg des Beitragssatzes auf über 35 Prozent ausgegangen. Inzwischen gilt das Problem als gelöst. Und zwar durch radikale Veränderungen und zu einem hohen Preis. Für alle Jahrgänge vor 1954 gilt noch das auf geringere soziale Unterschiede im Alter Wert legende alte Zwei-Säulen-System. Dabei wird der Großteil der Renten über die steuerfinanzierte Volksrente unabhängig vom früheren Einkommen ausgezahlt. Der Rest wird als einkommensabhängige Zusatzrente auf einem Niveau von 60 bis 65 Prozent ausbezahlt.

Doch auch für das wohlhabende Schweden ist dieses großzügige System unbezahlbar geworden. Deshalb beschlossen schon 1999 Sozialdemokraten und bürgerliche Opposition, weitgehend unter Ausschluss von Öffentlichkeit und Parteibasis die Rentenbezüge für alle Schweden, die ab 1954 geboren wurden, deutlich zu beschneiden. Insgesamt mit einer Rentenniveausenkung von 60 bis 65 auf heute 50 bis 55 Prozent, schätzt der Rentnerverband „Pro“. Das neue System besteht aus fünf Säulen.

Zum einen besteht eine Grundsicherung: Bei Rentenbezügen unter dem Existenzminimum greift eine Garantiepension von maximal 7881 Kronen (849 Euro) im Monat für Unverheiratete und im Bedarfsfall ein zusätzliches Wohngeld.

Die wichtigste Säule ist die einkommensabhängige Pension: Sie ist abhängig von den Beiträgen, die der Arbeitnehmer sich mit seinem Arbeitgeber teilt. Zusammen betragen sie 18,5 Prozent. Davon werden 16 Prozent direkt an die heutigen Pensionisten weitergegeben. Die Höhe der Rente aus diesem Teil berechnet sich, statt wie früher aus den 15 besten Einkommensjahren, aus allen Lebenseinkommensjahren, was bereits eine Senkung bedeutet. Wie viel Rente Arbeitnehmer einmal im Ruhestand durch ihre Einzahlungen bekommen werden, weiß dennoch niemand. Denn ein Rentenniveau wird nicht mehr garantiert. Im neuen System reguliert stattdessen eine komplizierte Formel die Auszahlungen. Rentenbezüge werden automatisch gekürzt, wenn die konjunkturelle Entwicklung Schwedens sich verschlechtert und wenn die Lebenserwartung der Rentner steigt.

Die restlichen 2,5 Prozent, die nicht ins Umlageverfahren gehen, müssen Arbeitnehmer selbst in Kapitalmarktfonds anlegen. Neben diesen drei Altersversorgungssäulen gibt es noch die freiwillige betriebliche Rentenversicherung und eine Privatversicherung.

Der Vorteil: Das schwedische Pensionssystem ist fast vollständig vom Staatshaushalt entkoppelt und ohne Steuerzuschüsse finanziell ohne Beitragserhöhungen tragbar. Politiker müssen zudem keine unpopulären Beschlüsse mehr treffen, weil sich die Rentenbezüge im Bedarfsfall automatisch kürzen. Der Nachteil: Die Rentenbezüge werden niedriger. „Das Rentenniveau kann im ungünstigen Fall unter die 50-Prozent-Marke sinken“, warnte Ex-Versicherungsanstaltschef Karl Gustaf Scherman nach der Einführung.

 

Hohe Geburtenrate

Zudem soll die Bevölkerung länger als bis 65 arbeiten. Wer bis 70 arbeitet, wird durch einen Zuschlag belohnt, der den Pensionsbezug deutlich erhöht. Während das europäische Renteneintrittsdurchschnittsalter bei rund 61 Jahren liegt, in Österreich bei 58,8 Jahren, gehen Schweden heute durchschnittlich erst mit 63,8 Jahren in den Ruhestand.

Die schwedische Gesellschaft wird nicht nur älter, sie verjüngt sich auch wieder. Dazu haben eine großzügige Einwanderungspolitik und eine sehr kinderfreundliche Familienpolitik beigetragen. Deutschsprachige Einwanderer schwärmen oft von der Kinderfreundlichkeit. Die Geburtenrate gehört zu den höchsten in Europa. Dazu trägt eine ganze Palette von Maßnahmen bei: Kindergeld, Elterngeld, Unterhaltsgeld und Wohnungsgeld wurden lange stetig über den Inflationssatz erhöht. Auch der Erziehungsurlaub wurde erweitert. 480 Tage Urlaub können Eltern zu gleichen Teilen über acht Jahre nehmen. Innerhalb der ersten 390 Tage bekommen sie rund 80 Prozent ihres Gehaltes, Eltern ohne Einkommen 727 Euro im Monat. Für die restlichen 90 Tage gibt es 19,4 Euro pro Tag. Zudem wurden deutlich mehr Väter für den Erziehungsurlaub gewonnen. Zwar kann der Großteil des Erziehungsurlaubs auf nur einen Elternteil übertragen werden, aber je zwei Monate müssen Mutter und Vater in Anspruch nehmen.

DIE IDEE

Schweden. Die Pensionshöhe wird „automatisch“ berechnet: Berücksichtigt werden Lebenserwartung und Konjunktur. Die Zahl der Beitragszahler wird vergrößert durch Einwanderungs- und Familienpolitik: Müttern und Vätern stehen je ein Jahr und vier Monate Erziehungsurlaub mit 80Prozent des Einkommens für die ersten 13 Monate zu.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2014)