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Karstadt zittert vor René Benko

Woman on a bicycle passes an outlet of the German department store chain Karstadt in Hamburg,
Woman on a bicycle passes an outlet of the German department store chain Karstadt in Hamburg,REUTERS
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Die österreichische Investorengruppe Signa-Holding rund um René Benko will Branchengerüchten zufolge Karstadt übernehmen – und zerschlagen.

Wien. Nach dem unerwarteten Abgang der Karstadt-Chefin, Eva-Lotta Sjöstedt, nach nur fünf Monaten kocht die Gerüchteküche. Am Freitag berichtete die deutsche „Bild“-Zeitung unter Berufung auf Branchenkreise, dass der österreichische Immobilieninvestor René Benko mit seiner Signa-Holding Verhandlungen mit dem derzeitigen Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen über eine Komplettübernahme des Konzerns für einen symbolischen Euro führe.

Die Aussicht auf Benko als neuen Karstadt-Eigentümer, so die Spekulationen, sollen Sjöstedt zu ihrem Rücktritt bewogen haben. Vonseiten der Signa-Holding hieß es dazu gestern nur lapidar, zu Gerüchten wolle man nicht Stellung nehmen.

Tatsache ist, dass Sjöstedt sich in einer öffentlichen Erklärung ungewöhnlich brüsk über Karstadt-Eigentümer Berggruen geäußert hat: Sie habe von Berggruen nicht den nötigen Rückhalt erhalten, der für eine Sanierung der defizitären Kaufhauskette nötig gewesen wäre. Dieser fehlenden Rückhalt könnte sich nun darauf beziehen, dass Sjöstedt wusste, dass Berggruen Benko das Szepter übergeben will.

Bergguen hatte den Karstadt-Konzern 2010, als dieser kurz vor der Insolvenz stand, erworben und sich selbst die Aura des Retters in der Not gegeben. Im Februar dieses Jahres schlug der egozentrische Multimillionär allerdings schon andere Töne an. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gestand Berggruen Fehler ein und bezeichnete sich als „zu weich für einen Geschäftsmann“. Tatsächlich ist so einiges gar nicht so gelaufen wie geplant.

Berggruen wollte Karstadt bis 2015 von der Tariflohnbindung lösen, scheiterte aber am Widerstand von Betriebsräten und Gewerkschaft. Auch Berggruens Personalentscheidungen waren alles andere als glücklich. Der Vorgänger von Sjöstedt, Geschäftsführer Andrew Jennings, wollte den Modebereich der Kaufhauskette neu aufstellen und setzte auf junge, aber in Deutschland unbekannte ausländische Marken. Damit verstimmte er das eher konservative Karstadt-Stammpublikum, schaffte es aber nicht, eine junge, onlineaffine Käuferschicht anzusprechen.

 

Branche fürchtet Belzebuben Benko

Während Insider Berggruen zumindest ehrliche Absichten und einen gewissen Idealismus nicht absprechen wollten, zeigte sich die Branche, als René Benko bei Karstadt in Erscheinung trat, skeptisch bis entsetzt. Dabei hat Benko mit seiner Investorengruppe im Gegensatz zu Berggruen, der Karstadt für einen symbolischen Euro gekauft hat, tatsächlich Geld in Karstadt investiert. Bereits 2012 stieg die Signa-Holding in den Karstadt-Konzern ein und erwarb die Immobilien von 21 Filialen in besten Innenstadtlagen. Kurz drauf erstand sie eine Dreiviertelmehrheit an den gesunden Karstadt-Teilen, den Luxuskaufhäusern KaDeWe in Berlin, Alsterhaus in Hamburg und Oberpollinger in München sowie der Karstadt-Sporthäuser. Im Gegenzug investierte Signa 300 Mio. Euro in die Modernisierung des Konzerns. Im November 2013 schließlich sicherte sich Benko auch noch eine Option auf das marode Stammgeschäft, die 83 Karstadt-Filialen.

Sollte sich Berggruen nun geschlagen geben, käme Benko zum Zug und das bedeutet – da sind sich viele sicher – die Zerschlagung von Karstadt. Signa interessiere sich bei diesem Deal lediglich für den Immobilienwert der Filialen, und nicht für die Erhaltung eines sowieso längst totgesagten Geschäftsmodells: dem des Kaufhauses.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2014)