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So deutsch: Einigkeit und Recht und Fußball

Deutschlandfahnen schmuecken ein Wohnhaus in der Schoenleinstrasse in Berlin Kreuzberg snapshot photog
Deutschlandfahnen schmuecken ein Wohnhaus in der Schoenleinstrasse in Berlin Kreuzberg snapshot photogimago/snapshot
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Deutschland spielt im Finale der Fußball-WM. Die Euphorie bis hinauf zur Staatsspitze ist wohldosiert. Das Rasenspiel stiftet Identität und zähmt den lang verfemten Patriotismus.

Der ranghöchste Fan des deutschen Nationalteams hatte es eilig, und die Pekinger Studenten brachten dafür volles Verständnis auf. Das Flugzeug warte schon auf dem Rollfeld, sagte Angela Merkel. Es sollte sie rechtzeitig nach Hause bringen, zum Beginn des WM-Semifinales, einem Spiel, das sie danach als „fast historisch“ einschätzte. Über 40 Prozent aller Deutschen taten es ihrer Kanzlerin gleich und scharten sich um kleine, große und riesige Bildschirme. Fast 33 Millionen – mehr als jemals zuvor.

Seit der Heim-WM 2006 inszeniert sich Merkel als Fußballfan. Per SMS schickt sie Glückwünsche an „Jogis Jungs“, auf der Ehrenloge bangt sie mit, und bei Toren reißt sie jubelnd die Arme hoch. Zum WM-Auftaktspiel gegen Portugal flog sie nach Salvador. Hinterher besuchte „Mutti“ die halb nackten Spieler in der Kabine. Das Foto dazu ging weltweit durch die sozialen Netzwerke. Die nüchterne Taktikerin der Macht gilt nicht als Frau mit Leidenschaft. Aber ihre Liebe zum Fußball sei durchaus privat und authentisch, betont Gunter Gebauer, Deutschlands Sportphilosoph Nummer eins, vor der Auslandspresse.

Merkel und Gauck in Rio. Merkel versprach, bei einem deutschen Finale dabei zu sein. An diesem Sonntag ist es so weit, Argentinien ist der Gegner. In ihrer Maschine nach Rio reist auch Bundespräsident Joachim Gauck. Dass ein Staatsoberhaupt und eine Regierungschefin wegen 90 Minuten Ballspiels um die halbe Welt reisen und dafür die Sympathie aller ernten, macht klar, wo Fußball in Deutschland heute steht: in der Mitte der Gesellschaft, als Kulturgut der Massen und weltoffener Freiraum für einen Patriotismus ohne Krampf und Reue. Das war beileibe nicht immer so. Eine starke Breitenwirkung außerhalb der Fanmilieus der Klubs blieb dem „Nationalsport“ lange verwehrt. Vor allem die Eliten distanzierten sich vom Rasenspiel rauer Männer. Nach dem „Wunder von Bern“, dem später zum Gründungsmythos der Bundesrepublik überhöhten WM-Finalsieg 1954 gegen Ungarn, schickte Kanzler Adenauer nur ein dürres Telegramm an die Mannschaft und hatte damit seine Pflicht erfüllt. Allein für die unteren Schichten beschleunigte der überraschende Sieg die nationale Identitätsbildung, das Wir-sind-wieder-wer nach vielen Jahren der Ächtung und internationalen Isolation. „Es war Balsam auf die Seele, aber nicht mehr“, resümiert Gebauer. Erst beim WM-Sieg 1990, mit dem Schwung der welthistorischen Stunde kurz nach Mauerfall und überwundener Teilung, kam breitere Euphorie auf. Aber zur Siegesfeier am Frankfurter Römer sangen die Fans nicht die Bundeshymne, sondern „We Are The Champions“. Nationale Symbole waren immer noch tabu. Zwar sprach der Kaiser, Trainer Franz Beckenbauer: „Es tut mir leid für den Rest der Welt. Wir werden auf Jahre dominieren.“ Aber als sein großkotziges Versprechen nicht eintraf, klang die Begeisterung bald wieder ab.

Noch zur WM 2002 war die deutsche Mannschaft im eigenen Land unbeliebt. Die Spieler galten als „Rumpelfüßler“: kraftvoll, hart und konsequent, aber auch unelegant und steif. Es war das Bild vom hässlichen Deutschen, das sie in die Welt hinaus transportierten. „Das ist kränkend“, sinniert Gebauer in der Rückschau, „vor allem, wenn man weiß, dass es zum Teil stimmt.“

Rezept für ein Märchen. Doch da war die Wende schon im Gang. Das Rezept: den Nachwuchs wie in Frankreich fördern, junge Migranten aktiv für die U17 bis U21 anwerben, Jürgen Klinsmann als Trainer aus den USA holen. Und siehe da: Pünktlich zum „Sommermärchen“, der WM 2006 im eigenen Land, spielte die deutsche Nationalelf plötzlich elegant, ästhetisch, einfallsreich, intelligent und mit Gefühl. Das infizierte das Volk: Auch die deutschen Bürger wollten sich anders zeigen, als die Welt sie zu kennen glaubte. Merkels Prognose zur Neujahrsansprache erfüllte sich: „Der Sieger steht für mich jetzt schon fest. Das sind wir, weil wir mit der ganzen Welt ein Fest feiern können.“

Unter dem Schutzschirm der wiedergewonnenen Unschuld leuchtete auch die verbotene Liebe zu Schwarz-Rot-Gold auf, heftig und unvermittelt. Der lange so verpönte Patriotismus, unter der Last der Kriegsschuld verschämt unterdrückt, trat zutage, erst spielerisch, dann mit freundlicher Wucht. Der Fußball als Ventil: Ein ganzes Land drapierte sich mit Wimpeln, Fähnchen und Fahnen, Wangen schimmerten in Schwarz-Rot-Gold, und millionenfach pilgerten die Bundesbürger zu den Fanmeilen der Republik.

Sie fingen plötzlich an, im Stadion ihre Hymne zu singen, und fühlten sich dabei einig, frei und im Recht. Eine neue Lockerheit machte sich breit, ein fröhlicher Umgang mit nationalen Symbolen in einem sommerlichen Karneval. Die WM, unter dem Motto „Zu Gast bei Freunden“, hat auch die Sicht der Welt auf das Musterland der Streber und Aufsteiger schlagartig zum Positiven verändert.

Allein vor der Quadriga am Brandenburger Tor in Berlin versammelten sich zu den Deutschland-Spielen bis zu eine halbe Million Fans. Als die Italiener die Klinsmann-Elf im Semifinale in die Knie zwang, war es im Herzen Berlins mit einem Mal mucksmäuschenstill, ehe sich eine Flut von Tränen Bahn brach. Nach dem triumphalen Comeback im Spiel um Platz drei ließen sich die „Klinsmänner“ in einer ausgelassenen Party ebendort feiern, wo einst die Mauer West und Ost teilte.

Und heute? Der entspannte Patriotismus ist zum Markenzeichen geworden, das jederzeit abrufbar ist und pünktlich alle zwei Jahre neu zum Einsatz kommt. Die Nationalelf gilt als vorzeigbares Abbild einer Gesellschaft, in der jeder Fünfte Wurzeln im Ausland hat: der Pole Lukas Podolski, der Deutschtürke Mesut Özil, Sami Khedira mit seinem deutsch-tunesischen Doppelpass und Jérôme Boateng mit dem Vater aus Ghana dienen als Aushängeschilder für gelungene Integration.

Längst sind auch bei den Fans alle mit dabei. Die Hälfte sind Frauen, ihrem Anteil in der Bevölkerung entsprechend. Die neuen Deutschen von der Fanmeile versteht oft nicht viel von Fußball, aber sie wissen, wie man Party macht. Nach einer Niederlage gehen sie recht rasch zur Tagesordnung über, ein Sieg gibt ihnen noch länger Schwung. Selbst im schwarz-rot-goldenen Delirium bleiben sie selbstironisch und friedliebend. Generös trösten sie die Fans der geschlagenen Gegner.

Vor allem aber sind sie stets darauf bedacht, im Triumph nicht völlig abzuheben. Das zeigte sich nach dem „fast historischen“ Semifinale: Die legendären Brasilianer mit 7:1 so vernichtend, so demütigend zu schlagen, hat viele Deutsche mehr erschrocken als begeistert. Statt lauter denn je auszufallen, blieb der Jubel verhalten. Ein 3:1 wäre für alle besser gewesen, lautete der Tenor. Für Gebauer hatte das sportliche Gründe: „Es ist immer ein Moment der Beschämung dabei, wenn man den eigenen Lehrmeister übertrifft.“

Dezente Sieger. Aber es steckt wohl doch mehr dahinter. Seit Beckenbauers Zeiten haben es sich die Deutschen abgewöhnt, mit ihren Erfolgen lautstark zu protzen. Als Vorbilder dienen dabei die Spitzenpolitiker: Merkel dominiert das Eurokrisenmanagement. Aber sie nimmt dabei den Mund nicht voll, vermeidet laute Töne. Auch Außenminister Steinmeier bleibt stets taktvoll und zurückhaltend. Und so bemühen sich auch die fußballbegeisterten Bürger redlich, vor dem Rest der Welt nicht unangenehm aufzufallen.

Zumindest nicht, ehe sie endlich wieder Weltmeister sind. Die Zeit ist reif für den Titel, finden sie alle, nach zehn Jahren mit einer wunderbaren Mannschaft und einem guten Trainer. „Die Lebenswirklichkeit der Deutschen“, sagt Gebauer, „ist heute von Zufriedenheit geprägt.“ Und ein Finalsieg „würde die Krone draufsetzen“. Die Folgen wagt auch der Fußballphilosoph nicht abzuschätzen. Welche neue Form von patriotischer Energie sich dann Bahn bricht, bei Merkel, Gauck und vielen Millionen Bundesbürgern, wird erst die Sonntagnacht weisen.

FAKTEN

Drei Titel. Dreimal errang Deutschland bisher den WM-Titel: Der 3:2-Sieg über den Favoriten Ungarn bei der WM 1954 in der Schweiz markiert einen Mythos der jungen Republik, als „Wunder von Bern“ ging er in die Historie ein. Hunderttausende säumten die Triumphfahrt bei der Rückkehr der „Helden“ im Zug von Bern nach München. 1974 gelang ein Sieg bei der Heim-WM, ein 2:1 im Finale gegen die Niederlande in München. Zuletzt gewann Deutschland 1990 in Italien, zudem kamen noch vier Vizeweltmeisterschaften: 1966, 1982, 1986, 2002.

Einschaltquote. Das Semifinale Deutschland – Brasilien brachte für das ZDF eine Rekordeinschaltquote: 32,5 Millionen Menschen sahen zu. Das heutige Finale, übertragen von der ARD, wird die Rekordquote sicherlich noch toppen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2014)

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