Sabine Bode: "Rettende Medikamente wird es in absehbarer Zeit nicht geben"

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Seniorin mit TablettenErwin Wodicka - BilderBox.com
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Die deutsche Autorin Sabine Bode spricht über ihr neues Buch, Vorurteile gegenüber Demenzkranken und die Macht eines Konzertbesuchs.

Sie fordern in Ihrem Buch ein generelles Umdenken im Umgang mit Demenzkranken. Inwiefern?

Sabine Bode: Demenz ist kein GAU, sondern eine Lebensphase – häufig auch eine schwierige. Eine Katastrophe wird Demenz meist erst dann, wenn Kranke, Angehörige und Pflegende wegen der dauernden Überlastung eine entspannte, warme Atmosphäre nicht mehr kennen. Deshalb beschreibe ich im Buch die guten Erfahrungen. Die schlechten kennen wir alle.

 

Welche denn? Im Buch ist von „Horrorszenarien“ die Rede, ohne genau darauf einzugehen.

Am schlimmsten ist die Hoffnungslosigkeit. Wer in Deutschland die Fernsehdebatten am Abend verfolgt, kommt zu folgendem Schluss: Erstens: Alzheimer ist grausam, man kann eigentlich nichts dagegen tun. Zweitens: Es fehlen die Pflegekräfte und das Geld, die Zukunft ist düster. Kein Wunder also, dass die große Mehrheit aus Angst wegsieht. Das ist ein Teufelskreis, aus dem wir uns befreien müssen. Damit sich Entscheidendes ändert, brauchen wir ein starkes Bürger-Engagement. Die Voraussetzung ist aber, dass sich Lösungswege zeigen. So war es auch bei der Ökologiebewegung. Als erneuerbare Energien nicht mehr als Spinnereien abgetan werden konnten, gab es einen kräftigen gesellschaftlichen Schub.

 

Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Vorurteile gegenüber Demenzkranken?

Dass sie keine Freude mehr am Leben haben. Allerdings brauchen sie, um Freude zu empfinden, eine stressfreie Umgebung. Sie ertragen Druck nicht. Auch keine Bevormundung.

 

Welchen Ratschlag würden Sie Angehörigen von Betroffenen geben?

Das Buch ist kein Ratgeber. Es geht mir darum, zusammen mit anderen ein gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen – analog zur Aidsbewegung, die nur durch starke Bürgerunterstützung viel erreicht hat. Auch finanziell.

 

Welche besonders ermutigenden Erfahrungen haben Sie bei Ihren Recherchen gemacht?

Wie soll ich das in der Kürze beschreiben? Zum Beispiel, wie Menschen mit Demenz aufblühen, wenn Grundschulkinder ihre Spiele mitbringen und sie zum Mitmachen einladen. Wie gut ein Konzertbesuch tut. In der Demenzszene weiß das jeder, außerhalb ist es unbekannt.

 

Was kann jeder Einzelne von uns in diesem Kontext machen?

Der Konzertbesuch ist ein gutes Beispiel. Er erfordert viel Aufwand und Organisation – schon allein beim Transport von Rollstühlen. Da könnte jeder mithelfen, der einem kranken Bekannten oder Nachbarn eine Freude machen will. Die Helfer, und die, die Hilfe brauchen, zusammenzubringen, braucht Koordination – allein schon deshalb werden örtliche Netzwerke weiter ausgebaut.

 

Welche Versäumnisse gab es Ihrer Meinung nach bei der Betreuung von Demenzkranken?

Ein Versäumnis ergibt sich wohl aus einem allzu langen Vertrauen auf das rettende Medikament, das es auch in absehbarer Zeit nicht geben wird. Eine verständliche Hoffnung, die gleichzeitig blind machte für die definitiven Fortschritte einer guten Demenzpflege, wie sie flächendeckend existieren könnte.

 

Wie fielen die Reaktionen auf Ihr Buch aus? Welche Rückmeldungen haben Sie bekommen?

Bei Lesungen höre ich viel Gutes, vor allem, dass es Zeit ist für diesen Perspektivenwechsel. Rezensionen gab es kaum. In einem Fall ist mir mein Optimismus vorgeworfen worden. Was soll ich sagen? Ohne Optimismus keine Visionen. Wir Deutschen wissen: ohne Visionen kein Atomausstieg, ohne Visionen kein Mauerfall.

 

Gab es einen besonderen Anlass, das Buch zu schreiben?

Ich wollte mehr erfahren über den Zusammenhang zwischen Kriegstraumata und Demenz, weil ich danach so oft bei Lesungen zu meinem Kriegskinderbuch „Die vergessene Generation“ gefragt wurde. Das war mein erster Schritt in die von mir bis dahin so gemiedene Demenzwelt. Vorher dachte ich, tu dir das nicht an, du wirst nur Elend erleben. Stattdessen entdeckte ich eine erstaunliche Parallelwelt, in der die gute Zukunft im Umgang mit Demenz schon längst begonnen hat.

Steckbrief

Journalistin:
Die 66-jährige Sabine Bode begann als Redakteurin beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Seit 1978 arbeitet sie freiberuflich als Journalistin – überwiegend für den WDR und NDR.

Buchautorin:
Zu ihren bisher erschienenen Büchern gehören „Die vergessene Generation“, „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“.

Mrijan Murat

ERSCHIENEN

„Frieden schließen mit Demenz“
Autorin: Sabine Bode
Verlag: Klett-Cotta.
Preis: 20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2014)


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