Die Strompreise sind gestiegen, obwohl CO2-Zertifikate meist noch gratis sind.
Brüssel. Seit 2005 müssen Unternehmen in der EU für ihre Kohlendioxid-Emissionen Zertifikate vorweisen können. Obwohl es bereits eine Börse zum Handel dieser CO2-Zertifikate gibt, erhalten die Unternehmen derzeit den Großteil davon noch gratis zugeteilt – um konkurrenzfähig zu bleiben. Dennoch hat das System bereits Auswirkungen. „Der Strompreis hat sich aufgrund der Zertifikate um zehn Euro je Megawattstunde erhöht. Die europäische Strombranche hat dadurch einen Extra-Profit von 40 Mrd. Euro pro Jahr“, sagt Christof Bauer vom europäischen Verband der Chemischen Industrie (Cefic) anlässlich eines Journalisten-Seminars der E-Control.
Ab dem Jahr 2013 sollen Zertifikate nicht mehr gratis verteilt werden. Laut dem Vorschlag der EU-Kommission sollen die Stromproduzenten dann sämtliche benötigte Zertifikate zukaufen müssen. „Die 40 Mrd. Euro sollen so von den Kassen der E-Konzerne in die Staatskassen umgeleitet werden. Die Frage ist, ob sich die Stromfirmen das gefallen lassen und nicht ihre Marktmacht missbrauchen, um ihr Gewinn-Niveau zu halten“, philosophiert Bauer. Zudem dürften auch die Preise für die CO2-Zertifikate ansteigen. Laut Cefic erhöht ein Anstieg des Zertifikatspreises von 25 auf 50 Euro je Tonne CO2 den Strompreis um rund zehn Euro je Megawattstunde.
Allianz der Großverbraucher
Die Chemie-, Stahl-, Zement-, Glas- und Papierindustrie hat sich daher in einer Allianz der energieintensiven Branchen zusammengeschlossen. Sie wollen auch verhindern, dass sie für ihre eigene Produktion sämtliche Zertifikate zukaufen müssen. Zwischen 2013 und 2020 sollen nämlich auch sämtliche Industriebereiche sukzessive keine Gratiszertifikate mehr erhalten.
Ausgenommen sollen nur besonders energieintensive Branchen werden, die im starken Wettbewerb mit Ländern stehen, in denen für Emissionen nicht gezahlt werden muss. Allerdings sind die Kriterien für derartige Branchen noch nicht definiert. Dies soll erst 2011 geschehen. „Eine Entscheidung im Jahr 2011 ist problematisch. Die Firmen müssen jetzt wissen, ob sich Investitionen in Europa noch rechnen“, sagt Bauer. In China würde für die chemische Produktion rund 3,5mal so viel CO2 ausgestoßen, wie in Europa.
Die energieintensiven Branchen fordern daher ein Benchmarking-System. Dabei erhalten die effizientesten Betriebe mehr Zertifikate als sie benötigen, die ineffizienten Betriebe weniger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2008)