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Wiener Literaturhaus: Wühlen unter Bücherwürmern

(c) Sonja Lex
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Auf den bisherigen Leiter Heinz Lunzer folgt im Herbst der Südtiroler Robert Huez. Er übernimmt ein Haus mit problematischer Struktur.

Das Wiener Literaturhaus gibt es gar nicht. Zumindest nicht als Rechtsperson, sagt Ministerialrat Robert Stocker, der für Literaturförderung zuständige Beamte im Kunstministerium. Vielleicht ist deshalb noch nicht offiziell bekannt, wer ab Herbst das Haus leiten soll, obwohl bereits im Februar ein Nachfolger für den bisherigen Leiter, Heinz Lunzer, gewählt wurde. Aus acht Kandidaten, die zu einem Hearing geladen worden waren, fiel die Wahl auf Robert Huez, Jahrgang 1965, aufgewachsen in Lana in Südtirol. Er hat in Innsbruck Germanistik und Geschichte studiert, seine Diplomarbeit über Norbert C. Kaser geschrieben, und bereits zwei Jahre in Wien verbracht, wo er an einem Projekt über Karl Kraus beteiligt war.

Bisher stand Robert Huez dem „Verein der Bücherwürmer Lana“ vor. Wenn er im September nach Wien übersiedelt, übernimmt er ein Haus, das nach Aussage von Heinz Lunzer, „eine Verlegenheitslösung des Staates“ ist. Denn im Gegensatz etwa zum Literaturhaus am Inn oder jenem in Graz wird in Wien kein Literaturhaus vom Bund subventioniert, sondern nur die Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur (Doku) mit knapp unter 1,3 Mio. Euro, die IG Autorinnen und Autoren (IG) mit rund 500.0000 Euro sowie die Übersetzer-gemeinschaft (ÜG) mit etwa 70.000 Euro. Gemeinsam ist diesen drei Vereinen die Adresse Seidengasse 13 im siebenten Bezirk. Einen Trägerverein Literaturhaus mit seinen spezifischen Aufgaben gibt es in Wien nicht.

Diese Konstruktion wurde 1990 bei der Einrichtung des Literaturhauses gewählt, wie der Langzeit-Geschäftsführer der IG, Gerhard Ruiss, sagt, um Kosten zu sparen. Denn es gibt vieles, „wo einer dem anderen zuarbeitet“. Ob dies heute noch zweckmäßig ist, wird der neue Leiter zu überprüfen haben. Denn die Aufgaben einer Dokumentationsstelle für österreichische Literatur und jene für ein Wiener Literaturhaus sind nicht unbedingt dieselben.

Erstere steht für das Forschen, Archivieren und Dokumentieren, ein Literaturhaus dagegen eher fürs Repräsentieren, Informieren, Diskutieren. Ob die Personalunion eines Leiters der Doku und des Literaturhauses diesen unterschiedlichen Anforderungen noch gerecht werden kann? Selbst Heinz Lunzer spricht davon, dass sich die Gewichtungen seit der Eröffnung des Hauses im September 1991 verschoben haben.

Die ursprüngliche Idee bei der Zusammenlegung war, sämtliche Institutionen, die in Österreich mit Literatur beschäftigt sind, also die universitäre Germanistik und literarische Vereinigungen (wie etwa die Grazer Autorenversammlung), in das Literaturhaus zu integrieren. Deshalb schicken diese Institutionen bis heute ihre Vertreter in den Vorstand der Doku. Da sitzt dann etwa für die IG der 60-jährige Hahnrei Wolf Käfer in diesem Gremium. Ob er wirklich die österreichische Autorenschaft repräsentiert, möge diese selbst beurteilen. Und ob Germanistikprofessoren in Graz, Innsbruck oder Salzburg, wirklich wissen, was heute die Herausforderungen eines Wiener Literaturhauses sind? Zudem handelt es sich bei dem neunköpfigen Vorstand mit Ausnahme von Christa Rothmeier, die einen Sitz für die ÜG innehat, um eine Altherren-Riege.

Versuche, diese ein wenig verkrustet anmutende Struktur aufzubrechen, hat es gegeben. Etwa Anfang 2004 von der Wiener Germanistikprofessorin Konstanze Fliedl, die sich um eine Mitgliedschaft in der Doku bemüht hat, um neue Ideen und auch eine weibliche Perspektive einzubringen. Zuerst wurde Fliedl von der Geschäftsführung um Geduld gebeten, es wurde ihr mitgeteilt, dass man sich ihrem Antrag bei der nächsten Sitzung widmen werde. Danach, so Fliedl, hat sie nie wieder etwas gehört.


Institutionalisierte Verhaberung

Diese Vorgangsweise erstaunt nicht, wenn man weiß, dass die Doku im Gegensatz zu den beiden anderen im Literaturhaus angesiedelten Vereinen so gut wie keine Mitglieder hat. Die Generalversammlung, welche die Vorstände wählt, besteht laut Heinz Lunzer aus zwölf Personen, umfasst also drei Personen mehr als der Vorstand. So bleibt man unter sich. Man kann das auch institutionalisierte Verhaberung nennen.

Rechtlich ist alles in Ordnung. Es erinnert nur ein wenig an Russland, in dem Glasnost und Perestroika zu Gunsten einer „gelenkten Demokratie“ abgeschafft wurden. Bevor der neue Mann also seine Pläne vorstellt, wird er sich überlegen müssen, ob er unter den derzeitigen Bedingungen überhaupt eine Chance sieht, diese auch umzusetzen. Klagt doch schon Heinz Lunzer darüber, dass er wegen des überbordenden Verwaltungsaufwands seine kreative Seite zurückstellen musste. Zudem war es aufgrund der Budgetkürzungen zu Beginn des neuen Jahrhunderts nötig, etwa die Video- und Audiosammlung einzustellen. Gerade diese wären aber doch zukunftsweisend.

Auf Robert Huez warten also heikle Aufgaben. Was er vorhat, will er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Ob die Struktur des Zwitterwesens Literaturhaus Veränderungen überhaupt zulässt? Kenner der Szene sind jedenfalls der Ansicht, dass das Literaturhaus in punkto Außenwirkung, Veranstaltungswesen und beim Internet-Auftritt Nachholbedarf hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2008)