Mehr Chemie in die Apotheke!

Bei aller Sympathie für Generika: Acetylsalicylsäure nimmt man lieber ungesüßt zu sich.

Jetzt sollen also die Patienten nach der ärztlichen Sprechstunde eine Quittung erhalten, und man wird gut aufpassen müssen, dass diese mit Taktgefühl verfasst wird. So möchte ich nicht auf meiner Abrechnung den Posten „Beistand bei akuter Hypochondrie-Attacke“ lesen müssen; wenn aber z.B. eine Spritze als „Injektion gegeben: ein Euro; gewusst wo: 49 Euro“ aufgeschlüsselt wird, wird mir das eine Freude sein.

Mit Gespür wird man auch das „Aut-idem“-Prinzip – dass nur der Wirkstoff verschrieben wird und nicht ein bestimmtes Medikament – realisieren müssen. Allerdings könnte die Volksbildung davon profitieren: Ich plädiere ja seit langem dafür, dass die Formeln der diversen Pharmazeutika auf den Medikamenten-Packungen abgebildet werden, schon weil ich glaube, dass z.B. ein Ciprofloxacin mit seinem schmucken Kohlenstoff-Dreieck nicht nur die Bakterien das Fürchten lehrt, sondern auch den menschlichen Schönheitssinn erfreut und damit gewiss das Immunsystem stärkt. Und wenn die verschreibenden Doktoren die Formeln auch auf die Rezepte kritzeln, wird das dazu beitragen, die oft beklagte Kluft zwischen Medizin und Chemie zu überbrücken.

Im Fall von homöopathischen Arzneien wird man sich halt überlegen müssen, ob man die Formel des Moleküls, das in der Flasche resp. in den Globuli mit größter Wahrscheinlichkeit gar nicht vertreten ist, auf die Packung draufschreibt; auch hier gilt wohl die alte stoische Weisheit: Wenn's nichts nützt, so schad't 's nix.

Ein Stoff, der mir, glaube ich zumindest, nie schadet, ist die (mit ihrem mickrigen Benzolring formelmäßig leider nicht so imposante) Acetylsalicylsäure, die ich jederzeit auch in der Gestalt eines Generikums einnehmen würde, schließlich habe ich ja keine spezielle Sympathie für die deutsche Firma, unter deren Namen u.a. die EM-Fußballer Tranquillo (sic!) Barnetta, Simon Rolfes und Manuel Friedrich spielen, Aktien schon gar nicht. Leider ist das Generikum nicht grün, sondern orange verpackt, was bei Kopfweh nicht so gut aussieht. Außerdem ist es gesüßt, und das ist kontraproduktiv nach Abenden, an denen einem beim Bestellen just das sauerste und beste aller Getränke, Soda Zitron, nicht und nicht eingefallen ist. In der Früh fällt es einem ein, und da hat man auch gern seine Acetylsalicylsäure in Lösungen mit niedrigem pH-Wert und ungesüßt.


Dass das Generikum ein bisschen billiger ist als das Original, würde mich dagegen nicht stören. Sage ich zumindest. Allerdings weiß ich, dass eine Arbeit von Forschern der Duke University, Dirham, USA, ergeben hat, dass ein Medikament umso besser wirkt, je teurer es ist (Jama, S.299, S.1016). Jetzt glaube ich zwar eigentlich nicht an diesen Effekt, aber mir geht es da ein bisschen wie dem Physiker Niels Bohr.

Den besuchte einst der damals noch streng anti-metaphysisch gesonnene Wolfgang Pauli in seinem Landhaus und musste bemerken, dass über der Tür ein Hufeisen hing. „Professor!“, rief er mit Tadel in der Stimme: „Glauben Sie denn daran?“ „Natürlich nicht“, beruhigte ihn Bohr, „aber man hat mir versichert: Es hilft auch, wenn man nicht daran glaubt.“

In diesem Sinn zahle ich den kleinen Aufpreis gern. Pharmaindustrie und Apothekerkammer unterstützen diese Haltung übrigens voll und ganz.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2008)

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